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engländischen Freunde ausschmücken, und der onkel bittet mich sehr angelegentlich ihm dazu behülflich zu sein. Ich habe ihm diese Bitte nicht abschlagen wollen, besonders da sich eine gute gelegenheit zeigte sie leicht zu erfüllen. Vor einigen Tagen war in meiner Nachbarschaft eine Auction von allerlei alten Meubles, ich schickte meinem Heinrich dahin, um einige Portraits zu erstehen, die ich aus dem Verzeichnisse gewählet hatte. Es sind lauter berühmte Leute gewesen; ich habe sie aber umgetauft, und ihnen Namen aus dem Grandison beigeleget, die ich auf die Rückseite der Porträits habe schreiben lassen. Damit man indessen in Schöntal wisse, was für Personen sie eigentlich vorstellen: so will ich das Verzeichniss davon hiehersetzen. Nr. 1) Tomas Morus ein englischer Canzler, dieser

soll wegen seines grossen Bartes den Juden Merce

da vorstellen. 2) Olivier Cromwell, dieser hat mir wegen seines

kleinen aus der Mode gekommenen Zwickbärtgens

sehr viel Mühe gemacht, ich wusste nicht, was ich

aus ihn machen sollte, endlich glaubte ich, der

Knight Sir Roland Meredit könnte noch wohl da

durch vorgestellet werden, denn er wird auch als

ein Mann aus der alten Welt beschrieben. 3) Den Herzog v. Marlborugh habe ich wegen seiner

langen schwarzen Heldenperucke zum spasshaften

onkel Selby gemacht. 4) Wilhelm Pen ein berühmter Quäcker mag wegen

seiner andächtigen Mine der weinende Herr Orme

sein. 5) Dieses Portrait stellet einen italiänischen Abt vor,

der ein hauptgelehrter Mann soll gewesen sein. In

dem Auctionscatalogus wird er Julius Bartoloccius

genennet. Du wirst es sogleich erraten, dass ich

den Pater Marescotti daraus gemacht habe. Lam

pert wird sich freuen, wenn er siehet, dass dieser

ehrwürdige Pater eben so ein feister Mann ist als er

selbsten. 6) und 7) sind die Schildereien zwoer be

rühmter königlichen Maitressen aus dem vorigen

Jahrhunderte. Die jüngere heisst Sidlei und wurde

hernach zur Gräfin von Dorchester erhoben, diese

siehet eben so aus wie die Signora Olivia beschrie

ben wird, sie mag es also sein. Die ältere ist die

bekannte Herzogin von Portsmout, die unter der

Regierung Carl des Andern berühmt war. Sie muss

gemahlet sein, da sie bereits die Sünde verlassen

hatte, ich finde ganz und gar nichts reizendes an

ihr, und bin deswegen genötiget worden, Tante

Loren aus ihr zu machen.

Ich hoffe, der onkel wird mir wegen Uebersendung dieser Porträits sehr verbunden sein, wenn er sie für ächt erkläret. Unser Schwager wird mein Schreiben vom 16 October erhalten haben,1 und sich nach der Anweisung wegen Uebermachung meiner Wechsel richten, ich ersuchte ihn zugleich, keinen Brief noch Empfang meines Schreibens, nach Londen abgehen zu lassen. Den deinigen vom 20 des vorigen Monats habe ich erhalten, und hoffe den nächstfolgenden in Strassburg anzutreffen. Die Händel meines Oncles mit dem Major v. Ln. werden nunmehr sonder Zweifel glücklich und ohne Blut geendiget sein. Man hätte es so weit gar nicht sollen kommen lassen, wenn inzwischen nur ein Scherz daraus ist gemacht worden, wie du glaubst, dass es nichts weiter sein werde, so mag es noch hingehen; wenn aber der Herr v. Ln. Ernst daraus gemacht hat, so ist er in der Tat kein Original zu dem Porträit, das der Baron ehemals von ihm machte. Ich will indessen das beste von ihm glauben, bis auf weitere Nachricht, welche von seiner geliebten Schwester erwartet

v. S

Fussnoten

1 Dieser Brief ist weggelassen worden, weil er nichts, das zu dieser geschichte gehöret, entält.

XVIII. Brief.

Der Hr. v.S. an den Hrn. v.N.

Londen den 3. 4. 5. Nov.

Ehe ich noch das Creditiv von Ihnen als Dero Abgesandter an die englischen Freunde erhielt, hatte ich mich bereits, unter der Hoffnung, dass Sie es billigen würden, eigenmächtig dazu aufgeworfen. So bald Sir Carl von Shirleimanor zurück kam, entdeckte ich ihm, dass ich entschlossen wäre, England in kurzem zu verlassen, und bat mir hierzu seine erlaubnis aus. Er erteilte mir solche sehr ungern, und versicherte mich, dass er es gerne sehen würde, wenn ich den Winter über bei ihm bleiben wollte. Ich merkte, dass er mir von Tag zu Tage gewogener schiene, vermutlich Ihrentwegen. Ich musste ihm versprechen, wenigstens vor Ausgang des Octobers nicht abzureisen, wozu ich auch gerne meine Einwilligung gab. Unterdessen fing ich bereits in der Mitte des abgewichenen Monats an, meine Abschiedsvisiten zugeben, und damit ich im stand wäre, Ihnen davon einen getreuen Bericht abzustatten; so habe ich darüber ein ordentliches Tagebuch geführt, welches ich Ihnen hier mitteilen will.

Den 16 October kam ich in Selbyhausen an, um mich der kleinen Colonie der Anverwandten von der Lady Grandison, die von Grandisonhall am weitesten entfernt sind, zu empfehlen. onkel Selby hatte nicht so bald die Ursache meiner Ankunft erfahren, so sagte er zehnmal in einem Oten: Was der Daus! und wollte nichts von meinem Abschiede wissen noch hören, seine Dame und fräulein Lucia baten mich gleichfalls recht sehr, in England zu überwintern. fräulein Lucia sagte, sie hätte sich vorgenommen, den Winterlustbarkeiten in Londen beizuwohnen, und hätte geglaubt, ich würde sie in die Komödie und auf die Masqueraden begleiten. Ich schloss daraus, dass sie mir eben nicht abgeneigt wäre. Wenn sie nicht weiter an vierzig als an dreissig wäre, wer wüsste, ob nicht ein Paar aus uns werden könnte; ich möchte dem Herrn Grandison gern etwas näher