aus unserm Orangengarten. Er vergass sich in seiner Freude. Alle Ausschweifungen zu erzälen, würde mir mehr Mühe kosten, als sie meinen Bruder vergnügen könnten. Viele lange lateinische Sprüche, die sich alle mit Dii immortales! anfingen, mussten wir wie die tiefsinnigen Aussprüche der Orakel hören, ohne sie zu verstehen. Unfehlbar hatte er vergessen, dass mehr Personen als er in den saal wären. Er lief hastig hin und wieder; ich sorgte für den Spiegel und seinen Kopf. Er las den Brief wiederum mit so vieler Aufmerksamkeit, als wenn er seinen Augen nicht trauen dürfte. Den Namen Grandison drückte er jedesmal mit seinen Lippen. Bei meinem onkel hatten wir fast gleiche Erscheinungen. Er sass nachdenkend auf dem Lehnstuhle, als wenn er das Gleichgewichte von Europa zu entscheiden hätte; er schüttelte dann und wann den Kopf, und spielte mit seiner Dose zwischen den Fingern. Aller Augen sahen auf ihn und den Magister. Diese Pantomime dauerte eine gute Weile. Mein Schwager brach das Stillschweigen zuerst. Er wollte sich der Gemütsverfassung, dieser beiden Leute bedienen, sie in ihren Irrtum tiefer einzuwikklen; Er schien eben so sehr in Erstaunen gesetzt zu sein, als sie. Meine Schwester und ich mussten auch unsre Rolle spielen.
Der Magister foderte hierauf Jedermann, der keinen Grandison glaubte; oder noch einige Zweifel wider die Wahrheit seiner geschichte vorzubringen hatte, zu einem gelehrten Gefechte heraus. Er sah uns allen, und besonders mir, steif ins gesicht.
Wie stehet es denn nun, mein naseweises Bäsgen, sagte der onkel zu mir, wollen sie hinführo mehr über den Grandison streiten?
Ich schlug die Augen nieder, und gab mir das Ansehen, als wenn ich beschämt wäre, ich zwang mich rot zu werden. Mein Schwager rief den Jäger herein: Anton, hierdurch gebe ich ihm gemessenen Befehl, den ersten jagdbaren Hirsch, der mein Gehäge betritt, vor den Kopf zu schiessen, mir den Braten in die Küche, und gegenwärtigem Herrn Magister Wilibald die Haut auf seine Studierstube nach Kargfeld zu liefern, wornach er sich zu achten hat. Meine Schwester liess das Kammermädchen rufen, dem Magister das Maas zu den Armbindgen, woran die Manschetten kommen sollten, zu nehmen: er verbat es aber, und ersuchte uns, die Manschetten, in Halskrausen zu verwandeln. Er wird in kurzem an dich schreiben, wenn sein Gemüte etwas ruhiger ist. Niemand hofft begieriger auf die Briefe ihres geliebtesten Bruders, als
Seine
Amalia v.S.
VII. Brief.
Der Herr v. N. an den Herrn v. S . .
Kargfeld den 14. Mai.
Geliebter Neveu,
So ist denn die geschichte mit Sir Carl Grandisonen wirklich wahr? Ich habe zeitero, als ein kluger Mann, noch immer daran gezweifelt: weil ich niemals gewohnt bin, alles bei der Erde weg zu glauben: allein Ihr letzter Brief an den Magister hat mich völlig convinciret. Dem will ich den verdammten Häls brechen, welcher nunmehr weiter etwas wieder die Gewisheit der Sache einwenden wird. Vor allen Dingen, sehen Sie zu, dass Sie den Mann selber sprechen. Der Kaufmann, bei welchen Sie wohnen, scheint mir nach Ihrem Berichte, ein ehrlicher Pursch zu sein. Er wird Sie, wie der Engel den Tobias, sicher nach Grandisonhall bringen, und darauf bedacht sein, dass Sie unterwegs kein Wallfisch frist.
Wenn Sie dort sind; so machen Sie an den Herrn Grandison und an seine Henriette von mir ein dienstfreundliches Kompliment. Merken Sie dabei auf alles, was in seinem schloss, an seinen Bedienten, und Ich weiss zwar einen grossen teil aus dem buch; allein Specialia, mein lieber Vetter, Specialia sind es, die ich wissen will. Verstehen Sie mich wohl? z.E. Hält er viel Jagdhunde? was sind seine Jäger für Kerls? wer spielt die Orgel, wenn Concert ist? was macht die alte Frau Shirlei? Ist der Lady G. ihr Meerkätzgen zur Meerkatze geworden? Lebt die alte possierliche Tante Lore noch. Von allen diesen Dingen dependirt gegenwärtig gar viel: und wenn mein Vorhaben glücklich von Statten gehet; so bin ich zwischen hier und Weinachten ein zweiter Grandison: ja, vielleicht treibe ich die Sache noch höher. Lassen Sie Sich aber gegen Niemanden nichts merken. Verschwiegenheit ist das Wesentliche bei grossen Unternehmungen. Der Magister Lampert tut mir hierbei gute Dienste. Er ist selbst von der ganzen Affaire so eingenommen, dass ich mir keinen drolligtern Kerl wünschen könnte, als ihn.
Mein Rat wär, Sie blieben einige Monate zu Grandisonhall –, manchmal können Sie auch nach Shirleimanor geben, wenn Ihnen die Zeit zu lang wird. Hüten Sie Sich aber für dem verdammten Greville: es ist ein Schläger. fragen Sie doch auch nach den leidigen Vetter Eberhard, ob er vielleicht in seinem Ehestande auch untertaucht? Meinen Gruss an den Herrn Reves und Frau Reves, wie auch an den spasshaften onkel Selby. Den Mann möchte ich einmal hier bei mir haben, ich wollte ihm so zusaufen, dass er den drätschen Himmel nicht erkennen sollte. Adieu, lieber Vetter. Ich bin Ihr guter Freund
v.N.
VIII. Brief.
Von S. an seinen onkel.
Grandisonhall den 19. Junius.
Sie tun mir viel Ehre an, dass Sie an mich schreiben, und nochmehr, dass Sie mich zu Ihren Gesandten an Sir Carln machen. Ich bewundere und verehre Ihren Einschluss, diesem grossen Britten nachzuahmen; und wer ist auch fähiger