, und die künstlichen Vogelbauer verfertiget. Er hat nicht einmal mit uns gespeiset, sondern sich das Essen hinauf bringen lassen. Die Verdrüsslichkeiten, worein er auf Antrieb seiner Gemahlin seinen Freund verwickelt siehet, gehen ihm sehr zu Herzen; um aber nicht in einen Hauskrieg verwickelt zu werden, worin er gewiss den kürzern ziehen würde, will er sich nicht weiter in diese Händel mischen. Der neue Verwalter, und Jacob, unser Jäger, machen jetzt seine Gesellschaft aus. Seine Gemahlin hat ihn noch nicht in seiner Einsiedelei besucht. Wenn sie ihm etwas zu hinterbringen hat, so braucht sie dazu ihre Tochter; und weil ich die nächste Nachbarin meines Vaters bin, wir wohnen in einen Stockwerke, so lässt er mich meistenteils rufen, wenn er meiner Mutter etwas zu sagen hat. Was ist es doch für eine elende Gemütsberuhigung für ein paar Eheleute, die gegen einander aufgebracht sind, wenn sie miteinander eine Zeitlang schmollen; da sie doch zum Voraus sehen, dass sie sich gewiss wieder aussöhnen müssen, wenn sie nicht für ihre übrige Lebenszeit unglücklich sein wollen. Ich bin versichert, dass mein Vater und seine Gemahlin, ihre Aussöhnung wünschen; aber keines will einen Durchbruch machen, und dem andern das erste gute Wort geben. Ich will von diesen verdrüsslichen Dingen nichts mehr gedenken, mein angefüllter Bogen erinnert mich an etwas angenehmers, dieses bestehet darinne: dass ich die Ehre habe mit einer unverletzlichen Freundschaft gegen Sie zu verharren
Dero
ergebenste Dienerin
Juliane v.W.
XV. Brief.
fräulein Amalia an ihren Bruder.
den 26 Octob.
Das Schauspiel hat sich geendiget, der Vorhang ist zugezogen, die Zuschauer, die ein Trauerspiel vermuteten, haben ein Lustspiel gesehen und sind nicht unzufrieden darüber, dass der Coturn seinen hohen Absatz verlohren hat. Der Zwist unsers Oncles und des Majors ist ohne das Geräusche furchtbarer Waffen beigeleget worden. Alles wurde nach dem Geschmacke Grandisons ausgeführet, und jerdermann, selbst die rachsüchtige Frau v.W. ist beruhiget. Der Baron hat keinen Fleiss gesparet den Hauptpersonen ihre Rolle wohl einzuprägen, damit bei der Ausführung sich kein Fehler einschleichen möchte, der einen komischen Auftritt in einen tragischen hätte verwandeln können. Vorgestern, am 24sten, besuchte er Vormittage unsern onkel, um seine Gesinnungen auszuforschen. Er blieb dabei, dass er sich nicht in einen Zwiekampf mit seinem Gegner einlassen würde: er wäre aber entschlossen, in Schöntal zu erscheinen, um ihm, nach dem Beispiele seines Freundes, aus vernünftigen Gründen, die Torheit eines Duells darzutun, und ihn durch Gelassenheit und Grossmut zu überwinden. Der Baron suchte ihn in diesem Vorhaben zu stärken. Da er ging, begleitete ihn der Magister Lampert, und sagte ihm ins Ohr: es würde wohl getan sein, wenn der Baron zu seiner eigenen Sicherheit bei einer Sache, wo Mord und eine Inquisition auf die Hitze folgen könnte, einen Geschwindschreiber irgends wohin versteckte, der die Unterredung seines Gönners und des Majors nachschreibe. Der Baron hatte diesen Vorsatz schon lange gefasst, aber nicht aus der Beisorge, dass im Fall ein Unglück entstünde, er den rücken frei behielt, und seine Unschuld in der Sache dadurch dartun könnte, denn dieses befürchte er eben nicht: sondern er wollte es nur um deswillen tun, damit eine so sonderbare Unterredung nicht möchte verlohren gehen. Unterdessen wollte er dem Magister doch nicht so gleich beipflichten: Was, sagte er, wollen sie mich zu dem lüderlichen Bagenhall machen? Ich halte keine Geheimschreiber, es wird auch Niemand den Verdacht auf mich werfen, dass ich gegen ihren gönner ein Complot gemacht habe, um ihn in meinen haus umbringen zu lassen. Es werden schon Zeugen dabei sein, die ich, wenn ich in Ungelegenheit kommen sollte, aufstellen kann, dass ich an der ganzen Sache keinen teil genommen habe. Lampert beruhigte sich hierbei nicht, sondern suchte dem Baron die notwendigkeit eines solchen Geheimschreibers weitläuftig darzutun, und dieser stellte sich endlich, als wenn er seinen Gründen weichen müsste, und versprach, alles so einzurichten, wie er es gut befänd. Nachmittags gab uns der Major einen Besuch. Beigelegte Briefe1 werden dir seinen Charakter ziemlich genau kennen lernen. Ich würde einen teil derselben bereits meinem letzten Schreiben haben anschliessen können, wenn nicht die Eilfertigkeit, in der ich mich damals befand, mich genötiget hätte, dieses bis zu einer andern gelegenheit zu versparen. Du wirst daraus sehen, dass der Major nie geneigt gewesen ist, Ernst aus dem Zwist mit unsern onkel zu machen, und dass er nur, um die Frau v.W. nicht gegen sich aufzubringen und ihre Freundschaft zu verlieren, ihm ein doppeltes Cartell zugeschicket hat. Er liess sich es gerne gefallen, dass diese Streitigkeit auf eine scherzhafte Art ohne Duell beigeleget würde. Der Baron richtete ihn vollkommen zu seinem Auftritte ab, und der Ausgang hat gewiesen, dass er seine person gut gespielet hat. Unser Schwager liess alles auf den folgenden Tag zu einem Schmause veranstalten. Der Major versprach, den Herrn von W. mitzubringen. Der Herr v.H. sollte auch eingeladen werden. Es wurde verabredet, dass sich der Major und die übrige Gesellschaft um 9 Uhr des Morgens einfinden sollte; unser onkel hatte versprochen erst gegen 10 Uhr da zu sein. Der Baron liess den jungen Wendelin von Kargfeld herüber holen, um sich seiner als eines Geschwindschreibers zu bedienen. Ehe ihm dieser wichtige Posten anvertrauet wurde, sollte er erstlich eine probe seiner Kunst ablegen; er versicherte aber, dass er darinne ein