ihr Zorn so lange dauern könnte. Ich wagte es, da der Major das Zimmer verlassen hatte, ihr ein wenig ins Gewissen zu reden. Sie können sich stellen, gnädige Frau, sagte ich, als wenn es ihr rechter Ernst wäre, dass der Herr v. Ln. ihren Zwist mit dem Herrn v.N. ausfechten sollte. So viel ich einsehe, gründet sich ihr Unwille gegen den Herrn v.N. hauptsächlich auf seine Aufführung bei der neulichen Gasterei. Sie wollen seine Vergehungen ahnden, und der Major hat sich erboten, diese Beleidigenden so anzunehmen, als wenn sie ihn selbst angingen. Ich kann mir nicht einbilden, dass ihn der Herr v.N. besonders beleidiget hat.
Ja, das hat er getan! Wenn sie wissen sollten wie er sich vergangen hat, so würden sie erstaunen – den heillosen Brief – Doch was soll ich ihnen die albernen Possen erzählen, es ist auch eben nicht nötig, dass Sie alles wissen. Genug, er muss bestrafet werden.
Sie müssen ihm eine Schwachheit zu gute halten. Sie kennen ihn ja von vielen Jahren her, und wissen, dass er es nicht so böse meint, wenn er auch gleich seine Worte nicht allemal auf die Waagschaale legt.
Ich glaube, sie nehmen seine Partie? Denkt doch! lässt das nicht, als wenn Sie in ihn verliebt wären? Nehmen sie ihn! Unter dieser Bedingung will ich mich wieder mit ihm aussöhnen, um der Freundschaft willen werde ich es freilich so genau nicht nehmen dürfen. Als Schwiegermutter will ich ihm verzeihen.
Sie hätte in der Tat diesen Punkt nicht berühren sollen. Beschämte sie sich nicht dadurch selbsten, dass sie mir einen Mann hatte aufdringen wollen, der ihr selbst unleidlich war? Legte sie nicht dadurch ein zeugnis wider sich selbst ab, dass sie nur um mich zu peinigen, diese Heirat hatte stiften wollen? Allein das ist ihre Sache nicht, dass sie so weit herum denken sollte.
Sie scherzen, sagte ich, und wenn sie scherzen, so ist ihr Zorn vorbei. Ich habe ohnedem nie recht glauben können, dass es ihr Ernst gewesen ist, wenn Sie dem Herrn v. Ln. aufgemuntert haben, an den Herrn v.N. Händel zu suchen.
Wie? was? Ich sollte den Major aufgemuntert haben, an Ihrem Schatze Händel zu suchen? das ist mir nicht in die Gedanken gekommen. Ich verlange nichts von ihm, als dass er meine Ehre zugleich mit der seinigen verteidigen soll. Er muss ihm Satisfaction geben, wenn er ein rechtschaffener Cavalier sein will. Er hat ihn beleidiget. Aber bedenken sie, dass aus diese Sache ein Unglück entstehen könnte, und dass sie sich ewig ein Gewissen daraus zu machen hätten, wenn – –
Ha ha! Sie predigen, glaube ich gar? Wie lange ist es, dass sie unter die Pietisten geraten sind? Machen sie sich aber nur nicht zu viel sorge um ihren Liebsten, es wird keiner von beiden auf dem platz bleiben. Der Major ist so grimmig nicht, und der furchtsame v.N. wird seinem Gegner auch keine tödtliche Streiche beibringen. Es ist eben nicht auf Leben und Tod angefangen; aber wenn man alle Beleidigungen mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken wollte: so käme es endlich dahin, dass man jedem Unverschämten zum Gespötte diente, das muss nicht sein.
Das darf auch nicht sein. Es gibt unterdessen wohl andere Wege, dadurch man dieses Uebel vermeiden kann. Ich dächte, wenn man den Herrn v.N. wollte zu erkennen geben, dass man mit seinem Bezeigen nicht zufrieden wäre, so dürfte man nur seine Gesellschaft vermeiden, und ihn den Zutritt in unser Haus versagen. Aber zwei Personen wegen einer Kleinigkeit, die man übersehen könnte, in Lebensgefahr zu setzen, das heisst, die Sache zu weit treiben. Sie glauben, der Herr v.N. wäre furchtsam, ich will es zugeben; aber die Furchtsamen, wenn sie sich in Gefahr sehen, sind der Verzweifelung nahe. Wie? wenn nun ein Unglück entstünde? Solche Vorstellungen muss man sich nicht machen. Es wird nicht gleich ein Unglück entstehen. Und wenn es auch so wäre, so ist die Sache nicht zu ändern, davor sind sie Cavaliers. Wissen sie nicht, was der Major in seinem Briefe an den Herrn v.N. sagt: es ist ein altes Herkommen, dass der Adel keine Beleidigungen auf sich sitzen lassen darf, wir haben es nicht aufgebracht, wir wollen es auch nicht wieder abbringen.
Ich beruhigte mich hierbei, ohne diese Unterredung weiter fortzusetzen, und schätzte mich ausserordentlich glücklich, dass ich derselben war gewürdiget worden. Sie scheint nicht so blutgierig als ich geglaubt hatte. In der Tat sucht sie nichts, als dem Herrn v.N. eine Furcht einzujagen, um ihn gegen sich in Respect zu erhalten. Wenn es also auch nicht zu einer Schlägerei kommt, und die Sache nur so beigeleget wird, dass dadurch ihre Ehre wieder hergestellet scheinet; so wird sie sich, wie ich hoffe, beruhigen. Mein Vater ist seit einigen Tagen über diese Sache sehr mit ihr zerfallen. Seit dem 19 dieses, da der Herr v.N. einen Boten an ihn abgeschickt hat, welcher mir zugleich Ihren Brief von Kargfeld überbrachte, hat er sich in seine Studierstube verschlossen. Sie werden sich erinnern, dass er seine Werkstatt so nennet, wo er seine Wachtelgarne stricket