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einem so tapfern tapfern und unüberwindlichen Ritter, ein Speerrennen zu wagen, um zu sehen, wer den letzten begräbt. Ich könnte, nach der langverjährten Mode, wenn ich meine ritterlichen Taten den Ihrigen entgegen stellen wollte, Ihnen Hohn sprechen: ich will Ihnen aber lieber in der Tat zeigen, dass ich ein Mann bin, der sein Herz am rechten Orte hat. Finden Sie Sich nur auf den 25sten dieses bei dem Herrn Baron v.F. ein, dort wollen wir einander sprechen, und wenn wir unsere Sache ausgemacht haben, alsdenn will ich es versuchen, ob ich mich jemals werde überwinden können, in der Tat zu sein

Ihr

v. Ln.

XIV. Brief.

Das fräulein v.W. an das fräulein v.S.

Den 23 Oct.

Sie empfangen hier die beiden Einschlüsse Ihres gestrigen Briefes mit vielem Danke zurück. Ich traue es dem Major zu, dass er die ganze Sache als ein Schattenspiel treiben will, um meiner Mutter etwas vorzuspiegeln, dadurch ihre Rache einigermassen befriediget wird, und dadurch er sich in der guten Meinung befestiget, die sie jetzt von ihm heget. Sie irren Sich sehr, wenn Sie glauben, dass er die Freundschaft mit meiner Mutter meinetwegen zu unterhalten suche, ich muss Ihnen diesen Irrtum benehmen. Ich mache mir schon sorge, dass ich Ihre Gewogenheit darüber einbüssen könnte, wenn dieser Gedanke einmal bei Ihnen Wurzel gefasset hätte. Der Major stehet bei Ihnen ganz wohl angeschrieben, wie ich merke, ich werde mich also vor Ihrer Eifersucht hüten. Diese werde ich, wie ich hoffe, nicht zu befürchten haben, wenn Sie die Absicht des Majors wissen, warum er die Freundschaft meiner Mutter beizubehalten sucht. Sie hat aus dem Lehngute, welches ihm neulich zugefallen ist, noch ein Capital von 6000 Talern zu fordern. Sie ist ihm nie recht gut gewesen, weil sie glaubt, dass ihr onkel, der Vater des Herrn v. Ln., sie und ihre Schwester bei einer Erbschaft sehr verkürzt habe. Sie hat ihm deswegen das Capital schon seit einiger Zeit aufgekündiget, um sich, wegen des alten Verdrusses, einiger massen an ihm zu reiben. Er hat, wie Sie wissen, vor ein paar Monaten seine Equipage verlohren, und ist deswegen hauptsächlich hieher auf sein Gut gegangen, um sich solche von neuem anzuschaffen. Dieses und die Anforderung meiner Mutter, wenn sie darauf hätte bestehen wollen, würden ihn in Weitläuftigkeiten gesetzet haben; er würde ein starkes Capital haben aufnehmen müssen, um beide Posten davon zu bestreiten. Er dachte deswegen auf Mittel sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und suchte meine Mutter durch ein höfliches Bezeigen zu gewinnen, dass sie jetzt nicht in ihn dringen möchte, ihr das Capital abzutragen. Einigermassen hat er sie gewonnen, aber noch nicht völlig; sie verspricht ihm einige Nachsicht zu geben, wenn es ihre Umstände leiden wollten, das Geld noch eine Zeitlang zu missen. Sobald er ihr aber die geringste gelegenheit zu einem Verdrusse gibt: so wird sie das Geld nicht eine Stunde länger entraten können. Schreiben Sie also dieser Ursache allein alle seine Beeiferungen zu, sich ihr gefällig zu machen.

Ich muss Ihnen wegen einer kleinen Schmeichelei verbunden sein, Sie schenken dem Major Ihre achtung, weil er so von mir urteilet, wie Sie glauben, dass ich es verdiene. Sie handeln sehr grossmütig; aber ich denke, er hat mir diese Ehre nicht alleine zu verdanken; Die persönlichen Eigenschaften tragen zu dem Urteile, welches man über die Leute fällt, auch oft etwas bei. In einem Stücke bin ich nicht mit Ihnen zufrieden. Sie haben nicht die besten Begriffe von mir. Sie fragen mich: ob mir das Herz nicht stärker schlägt, wenn ich höre, dass sich Jemand in Lobsprüche über mich heraus lässt, wollen Sie mir dadurch einen Vorwurf meiner allzugrossen Eigenliebe machen? Haben Sie davon Beweise in Händen, dass ich mir etwas darauf habe zu gute getan, wenn ich bin gelobet worden? Ich denke nicht, seitdem ich aus der Schule bin, hat man mir nie etwas zu meinen Lobe ins gesicht gesagt, darauf ich hätte können stolz sein. Dort verdiente ich manchmal von meinem Informator eine kleine Lobrede, wenn ich den langen Psalm ohne Anstoss herbeten konnte. Ich will es Ihnen gedenken, dass Sie mich für ein so ruhmrätiges Mädchen halten. Warum nicht auch für falsch? Die Ruhmrätigen und Falschen stehen sonst immer bei einander. Bald hätte ich Lust, eine Lanze mit Ihnen deswegen zu brechen. Dieser Ausdruck, der Ihnen eigentümlich zustehet, gefällt mir besser, als das Speerrennen des Majors. Ich muss hier noch ein Wort von den beiden Briefen der Duellanten gedenken. Halten Sie nicht einen für so drolligt wie den andern? Wenn der Major so dächte, wie er hier geschrieben hat, so würden weder Sie noch ich, ihn uns einander zum Anbeter aufdringen wollen. Ich wenigstens würde glauben, Sie durch einen solchen Scherz zu beleidigen. Heute las er meiner Mutter das Original des einen, und die Abschrift des andern Briefes vor. Ich war gegenwärtig; ob mich meine Mutter gleich in ihrem Herzen weg wünschte. Ich stellte mich, als wenn ich etwas ganz neues hörte, und keine Abschrift von diesen Briefen zu gesicht bekommen hätte. Meine Mutter vergnügte sich so sehr über die Antwort des Majors, dass sie ihn mehr als einmal Herzensmann nennte. Sie ist die rachsichtigste Frau in ganz Deutschland. Ich hätte es nicht gedacht, dass