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zugeschickt. Der Herr v.H. der nie gesünder gewesen, als seitdem er auf seiner Heimreise von Wilmershausen mit dem Pferde gestürzet hat, war nebst seinen beiden Brüdern auch zugegen. Mein onkel wollte einen Ball anstellen, um jedermann zu zeigen, dass er wieder wohl zu fuss sei. vorher sollte ein vortrefliches Concert, von der Composition eines Lorenz Lobesans, wozu der Magister Lampert den Text verfertiget hatte, aufgeführet werden. Man entdeckte allentalben Zeichen der lebhaftesten Freude. Unter einem künstlichen Präludio, wozu der Cantor alle sieben Register der Hausorgel meines Oncles gezogen hatte, wurden bereits die Instrumenten gestimmet; zwölf Adjuvanten strichen schon die langen goldgelben Haare aus dem gesicht, um die Noten desto besser sehen zu können; zwei davon bemüheten sich, alle vorrätige Luft in dem Musikzimmer einzuatmen, und setzten bereits ihre Waldhörner an, um sie durch lebhafte Töne wieder auszulassen. Jedermann hatte seinen Platz eingenommen, und Lampert, der die Partitur führte, war eben im Begriff, den linken Fuss und die rechte Hand aufzuheben, um durch einen nachdrücklichen Tritt und Schlag das Zeichen zum Anfange einer lermenden Fuge zu geben: da der Jäger des Majors v. Ln. in das Zimmer geführt wurde, der meinem onkel einen Brief überbrachte, den er mit einer ernstaften und verächtlichen Mine entsiegelte. Er hatte ihn nicht so bald gelesen; als er seine Cantate voll Verdruss auf den Tisch warf und eiligst nebst dem Magister das Musikzimmer verliess, um mit ihm, wie er sagte, über eine Sache von der äussersten Wichtigkeit zu ratschlagen. Jedermann erwartete ihre Wiederkunft mit einer solchen Begierde, als wenn man hätte wollen Hanns Norden sehen in seinen Krug steigen. Der Cantor liess dann und wann die grosse Orgelpfeife brummen, um sie an ihre Rückkehr zu erinnern; allein vergebens. Tante Kunigunde kam nach Verlauf einer halben Stunde zurück, und meldete, dass wegen eines wichtigen Zufalls die Aufführung der Cantate diesmal unterbleiben müsste. Sie sagte dieses mit einer so ängstlichen stimme, dass der Cantor mit den weisesten seiner Adjuvanten anfing, die Köpfe zusammen zu stecken, und allerlei politische Betrachtungen hierüber anzustellen. Wigand, Jacob, Heinrich liefen unterdessen Trepp auf Trepp nieder, und trugen sich mit Degen und Pistolen. Die unverständigen Musikanten, die die Ursache dieser Bewegungen nicht einsehen konnten, verbreiteten auf einmal das furchtbare Gerüchte, der Feind wäre schon im Anmarsch. Alles geriet darüber in Aufruhr; jeder wollte der erste bei der Tür sein, um sich zu retten. Die Angst machte, dass man nur auf seine eigene Sicherheit dachte. Es galt hier kein Ansehen der person. Ich schätzte mich also glücklich, dass ich noch zu rechter Zeit, durch eine Nebentür, mich aus dem Gedränge machen konnte.

Sie werden leicht einsehen, was diesen Aufruhr veranlasset hat. Mein onkel hat den Fehdebrief von dem Major erhalten. Ich bin darüber sehr bestürzt, so wenig Sie es auch an meinem Briefe wahrnehmen können. Den Scherz bei Seite gesetzt, so können Sie glauben, dass diese Aufforderung das ganze Haus meines Oncles in Verwirrung gesetzet hat. Die Aufführung des Concerts wurde dadurch unterbrochen; aus dem Balle wird auch nichts; die Geiger und Pfeifer sind aus dem haus getrieben; das lermende Vergnügen hat auf einmal mit einer traurigen Stille gewechselt. Mein onkel befindet sich noch immer nebst dem Herr v.H. und seinen Brüdern in einer tiefen Beratschlagung. Wigand ist die einzige lebendige Creatur, die einiges Geräusche macht. Er sitzt im hof und putzt das Gewehr. Alleweile schleift er einen abscheulichen laugen verrosteten Degen. Ich denke noch immer, dass die ganze Sache ein blosses Spielgefechte sein soll, und dass sich der Major, nur um Ihrer Frau Mutter gefällig zu sein, entschlossen hat, meinem onkel ein Cartel zuzuschicken. Er scheint doch ein Mann zu sein, der die Geister prüfen kann, und wird also leicht einsehen, dass seine Ehre bei dieser Schlägerei nicht viel gewinnen wird. Wenn er es ernstlich meint, so verdient er deswegen verachtet zu werden, und wir wollen uns beide alsdenn vereinigen, um ihm aus jeder Mine lesen zu lassen, was er für eine kleine Figur in unsern Augen macht. Ich erwarte die Ankunft des baron mit der grössten Ungeduld. Er hat mir sein Wort gegeben, dass aus diesem Handel kein Unglück entstehen soll; ich werde ihn dabei halten. Wenn es in seinem Vermögen stehet, so erfüllt er gewiss sein Versprechen. Sehen Sie, ich bin nicht so schlimm, als Sie denken, ich lasse mir die Verdrüsslichkeit meines Oncles sehr zu Herzen gehen, und ich weiss nicht, was ich drum geben wollte, wenn ich im stand wäre, sie den Augenblick zu haben: aber ich kann mich des Scherzes so wenig dabei entalten, als Tante Kunigunde der Tränen; doch diese werden die Sache nicht mehr verbessern, als sie mein Scherz schlimmer macht. Sie würden selber mit lachen, wenn Sie hier wären. Es werden nicht Anstalten zu einem Duell gemacht, sondern zu einem Kriege. Wenn das Faustrecht noch im Schwange ginge, so glaubte ich, der Major hätte meinen onkel befehdet, mit 30 reissigen Knechten gegen ihn auszuziehen. Es werden alle Schwerdter, Degen und Pistolen, in ganz Kargfeld zusammen gebracht, dass man, im Fall der Not, eine Rotte Knechte damit bewaffnen könnte. Man sagt mir, dass mein onkel im Begriff sei, einen Boten an Ihren Herrn Vater abzuschicken. Ich bekomme dadurch eher als ich vermutete, eine gelegenheit, Ihnen