was man davon denken würde, wenn er den Grund zu seinen Händeln aus einem unterschlagenen Briefe herleiten wollte.
Er erkennte, dass dieses weder für ihn noch für die Frau v.W. sogar vorteilhaft wäre, da er sich aber einmal gegen diese anheischig gemacht hätte, ihr und seine beleidigte Ehre gegen den Herrn v.N. zu verteidigen: so läge es an weiter nichts, als an meiner erlaubnis hierzu. Es wäre ihm bekannt, wie sehr ich wünschte, dass jedermann gut von mir urteilen möchte; es könnte aber leichtlich geschehen, dass der Herr v.N. oder seine Anverwandten auf die Gedanken kommen könnte, ich hätte ihn aus Unwillen gegen diesen verhassten Anbeter angestiftet, ihn vor die Klinge zu fordern: deswegen wollte er nichts unternehmen, bis ich ihm erst meine Meinung hierüber entdeckt hätte.
Dieser Vorwand schien mir ziemlich gezwungen zu sein, er wollte etwas sagen, dass das Ansehen hätte, als wenn er wünschte, sich bei mir ein Verdienst zu machen: im grund aber wollte er nichts anders tun, als mir ein höfliches Kompliment machen. Ich tat mein bestes, eben dieses auch gegen ihn zu beobachten; zugleich versuchte ich es, ihn dahin zu bewegen, aus dieser Kleinigkeit keinen Ernst zu machen. Er lächelte, und antwortete so, dass es schien, als wenn er geneigt wäre, die ganze Sache für einen Scherz aufzunehmen; doch glaube ich, dass er es mehr tat aus gefälligkeit gegen mich, um mir nicht zu widersprechen, als dass es sein rechter Ernst war. Ich hatte mir vorgenommen, seine wahren Gesinnungen auszuforschen; aber die Wiederkunft meiner Mutter unterbrach das gespräche. Sie kennen den charakter derselben, sie wird alles anwenden, das Gemüt des Majors gegen Ihren onkel zu erhitzen, und ich zweifle nicht daran dass es ihr gelingen wird. Diese Unterredung mit dem Major schion mir zu wichtig zu sein, als dass ich sie Ihnen verscheigen sollte; Sie werden nebst Ihrem Herrn Schwager, von dieser Nachricht also nach ihrer Klugheit den Gebrauch zu machen wissen, der für ihrem Herrn onkel der vorteilhafteste ist. Suchen Sie es wenigstens dahin zu bringen, dass der Herr v.N. sich eine Zeitlang ruhig hält, bis die erste Hitze vorüber ist, und wo Sie können, so suchen Sie es zu verhüten, dass er nicht etwa meine Mutter vom neuen erbittert. Diese kleinen Beleidigungen könnten für ihn von wichtigen Folgen sein. Der Herr Baron und der Major v. Ln. sind ja sehr gute Freunde von Alters her, ich dächte, wenn sich Ihr Herr Schwager ins Mittel schlüge; so sollte wohl die ganze Sache so überhin gehen, ohne dass etwas sonderliches daraus gemacht würde. Dieses ist auch der aufrichtige Wunsch
Ihrer
ergebensten Dienerin
Juliane v.W.
IX. Brief.
Das fräulein v.S. an das fräulein v.W.
Den 5 Oct.
Ich war ganz ausser Atem, da ich Ihren Brief gelesen hatte. Wie Sie mich doch erschrecket haben mit Ihrem trasonischen Major! Ich kann es Ihnen nicht vergeben. Er hat meine achtung verlohren, weil er einen Eisenfresser vorstellen will. Glauben Sie es nur, der Herr v.N. hat nichts von ihm zu fürchten – Nein ganz und gar nichts! Leute die von ihren Händeln so viel Wesen machen, und immer erzählen, wieviel sie noch erschlagen wollen, die bringen keinen Menschen ums Leben. Stellen Sie Sich mein Schrecken auch nur nicht gar zu ausserordentlich vor; ich freue mich vielmehr, und wünsche, dass das Duell zwischen den beiden Männern zu stand kommen möge, ich habe Lust meinem onkel einen leichten Sieg in die Hand zu spielen. Er stehet seinen Mann, das weiss ich, und ich darf ihm nur den Rat geben, den Cäsar einsmals seinen Soldaten gab, um seinen Gegner aus der Fassung zu bringen. Wissen Sie, worin dieser bestund? Wo wollen Sie das wissen! das sind Dinge, die nur uns gelehrten Mädchens bekannt sind, und davon haben Sie Sich ausgeschlossen. Gut, ich will es Ihnen dann erzählen, sitzen Sie fein stille, und hören Sie zu. Cäsar und Pompejus waren einsmals im Begriffe, einander eine Schlacht zu liefern, um das Schicksal Roms, so wie ihr eigenes, zu entscheiden. Cäsars Heer bestund aus alten versuchten Soldaten, lauter Schnurbärten von dem martialischen Ansehen meines Oncles; zu dem Pompejus hingegen hatte sich der grösste teil des römischen Adels geschlagen, meistens feine süsse Herrn, die den ersten Feldzug mit machten, geschickter in dem zärtlichen Rom, als im feld Eroberungen zu machen. Die Legionen des Cäsars wurden durch die Menge und den hitzigen Angriff der jungen Krieger, in etwas schüchtern gemacht; der General aber hatte ihnen nicht so bald zugerufen: Soldaten, nach der Stirn führt eure Streiche, so kehrten die jungen Römer dem Feinde den rücken, um eben die Larve wieder nach Rom zu bringen, die sie von da mitgenommen hatten. Was meinen Sie, sollte sich diese Kriegslist nicht hier auch anwenden lassen? Der Major hat von seiner Bildung, wie es scheint, keine geringen Begriffe; aber der Herr v.N. hat sein Gesicht bald um zwanzig Jahre überlebt. Verlassen Sie Sich auf mein Wort, Ihr prahlender Major soll ein Ehrenzeichen bekommen, oder mein onkel muss auf dem platz bleiben –.
Nun, das nennen Sie gottloss, frommes Kind! Nicht wahr? Es ist auch ein Bisgen zu arg; wenn ich