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der Hof erzogen hat; so besitzt er doch eine gute Lebensart, wenigstens kann man nicht das Sprüchwort auf ihn anwenden: il est du tems,qu'on se mouchoit sur la manche. Sie werden denken: la belle plume fait le bel oiseau, der blaue Rock mit roten Aufschlägenwie mein onkel sagte. Nein, dieser erweckt bei mir kein Vorurteil. Ich denke, es ist Zeit, dass ich meinem Gewäsche ein Ende mache; wer weiss ob Sie Sich die Mühe nehmen, es zu lesen. Sie sind nicht gewohnt, die Schönheiten des Lampertischen Geschmacks einzusehen. Ich will es Ihnen gerne vergeben, wenn Sie den grössten teil meines Briefes überschlagen, wenn Sie nur die Versicherung annehmen, dass Sie nie aufhören wird zu lieben

Dero

aufrichtige Freundin und Dienerin

Amalia v.S.

VIII. Brief.

Das fräulein v.W. an das fräulein v.S.

Den 3 Octob.

Loses fräulein,

Wie weit können Sie einen kleinen unschuldigen Ausdruck treiben, von dem ich kaum glaubte, dass er Ihrer Aufmerksamkeit würdig wäre. Sie bestrafen mich für eine kleine Pedanterei, darein ich nach Ihrem Urteile soll verfallen sein, mit einem Briefe nach Lampertischen Geschmack. Eine gnädige Strafe in der Tat! die mir sehr vieles Vergnügen verschafft hat, und für welche ich glaube, Ihnen verbunden zu sein. Um aber Ihren Verweisen in Zukunft zu entgehen: so habe ich mir vorgenommen, mein Pfund ganz und gar zu vergraben. Sie sollen Ihr Tage nichts wieder von mir hören, das, wie Sie sagen, ein gelehrtes Ansehen hat. Das mag es sein, was ich Ihnen wegen Ihres leichtfertigen Schreibens sagen wollte. Bereiten Sie Sich zu, nun eine Sache von Wichtigkeit zu vernehmen. Erschrecken sie nicht, sagt man, wenn man Jemand recht sehr erschrecken will, ich möchte es bald zu Ihnen sagen. Denken Sie nur, der Herr v.N. hat den lichste beleidiget. Meine Mutter hat ihn in die hände bekommen, und nach ihrer Gewohnheit sogleich entsiegelt. Der Herr v. N. soll sie darinne auch nicht geschonet haben, und sie ist darüber so sehr aufgebracht, dass sie den Major heftig anliegt, seine und ihre Ehre zu retten. Das ist die Ursache ihrer geheimen Unterredung gewesen; welcher ich in meinem Briefe gedachte. Ich würde nichts von der ganzen Sache erfahren haben, wenn mir der Major das geheimnis nicht selbst entdeckt hätte. Meine Mutter war nicht zugegen, und mein Vater schlief auf seinem Sorgestuhle. Was werden Sie davon denken, fräulein Base, sagte er, wenn ich mit ihrem Verehrer dem Herrn v.N. Händel bekomme, werde ich dadurch ihre Ungnade verdienen? Der Mann hat es zu arg gemacht, er verdient eine kleine Züchtigung, und ich hoffe nicht, dass Sie ungehalten darüber werden, wenn ich ihn ein wenig bessere.

Wie? der Herr v.N. sollte Sie beleidiget haben? das kann ich nicht begreifen, Sie haben ihm, so viel ich weiss nicht die geringste gelegenheit dazu gegeben. Vielleicht gründet sich ihr Unwille gegen ihn nur auf einen Misverstand, er legt seine Worte nicht eben allezeit auf die Waage. O nein! sagte der Major, ich kann mich in der Tat von ihm beleidiget halten, wenn ich es tun will. Wie ich sehe, so wissen Sie noch nichts von unserm Zwiste; ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzählen. Er eröffnete mir, was es für eine Bewandtniss mit dem Briefe hätte, den der Herr v.N. an meinem Vater geschrieben hat. Er fügte hinzu, seine Base, die Frau v.W. hätte ihm neulich durch einen expressen Boten einladen lassen, und da er den Tag darauf gekommen wäre, hätte sie sich aufs heftigste über den Herrn v.N. beklaget; sie hätte ihn auch eine Abschrift dieses Briefes gezeiget, und wäre so erbittert auf den Herrn v.N. gewesen, dass sie es gerne würde gesehen haben, wenn er von stunde an sich nach Kargfeld zu dem podagrischen Greise begeben, und sich mit ihm auf dem Bette duelliret hätte. Um die ungestüme Frau nur in etwas zu besänftigen und sie abzuhalten, dass sie ihn nicht einer Feigheit beschuldigen möchte, hätte er in ihrer Gegenwart ein Cartel gegen den Herrn v.N. aufgesetzt; da ihr aber dieses viel zu glimpflich geschienen: so hätte sie ihm selbsten einen verwünschten Brief dictiret, welcher dem guten mann das Podagra gewiss in den Leib würde getrieben haben, wenn er ihm solchen während dieses schmerzhaften Zufalls zuschicken wollte. Er hätte sich aber ein Gewissen daraus gemacht, die Quaal des Patienten zu vergrössern, und er würde ihm den Fehdebrief nicht eher einhändigen lassen, bis er wieder wohl wäre. Ich sagte, es würde am besten sein, wennes ganz und gar unterblieb, ich wüsste gewiss, dass der Herr v.N. nicht die Absicht gehabt hätte, ihn in dem Briefe an meinem Vater zu beleidigen, und wenn ja ein und der andere Ausdruck in demselben könnte gemissdeutet werden; so wäre es doch Niemand als meine Mutter, die eine schlimme Auslegung darüber machte, und ihrem Urteile könnte man nicht trauen, da sie jetzt gegen den Herrn v.N. so sehr aufgebracht wäre. Er würde ganz und gar nichts an seiner Ehre verlieren, wenn er auch gleich diese Beleidigungen an dem Herrn v.N. nicht rächete, und er sollte selbst urteilen,