einbüssen. Nein, das wolle der Himmel nicht! Triumph, Herr Doctor! ich habe Ihre philosophische Standhaftigkeit prüfen wollen. Vergeben Sie mir diesen Scherz! Grandison lebt; seine liebenswürdige Henriette befindet sich wohl. O, wie viel Schönes werde ich Ihnen in kurzen von diesem ädlen Paare sagen können! Damit ich aber ordentlich verfahre; so erlauben Sie, dass ich in meiner Erzählung zurück gehe.
Es war den 21. April, als ich zu Londen ankam. So müde als ich auch war, so wurden meine Lebensgeister dennoch durch den Anblick dieser ausserordentlichen Stadt ermuntert und gestärket. Ich liess mich sogleich zu den Herrn v.B. bringen, dessen Bruder bei der alliirten Armee mein besonderer Freund war. Ich übergab ihm seine Empfehlungsschreiben; und wurde von ihm und seiner gemahlin gütig aufgenommen. Mein Wirt ist von ädler Geburt; treibt aber, als der zweite Sohn seines Hauses, aus einem sehr vernünftigen Grundsatze der Britten, die Handelschaft in Grossen. Er lebt prächtiger als mancher Graf, und ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten die Herrlichkeit seines Hauses gesehen. Ich erkundigte mich also bald nach Sir Carln. "Sir Carl, sagte er, ist mein Freund. Jedermann liebt ihn; Das Bild, das Richardson entworfen, sieht ihm sehr ähnlich: Sie werden ihn aber noch mehr bewundern, wenn Sie ihn persönlich sprechen; in wenig Tagen werde ich nach Grandisonhall gehen; ihre Gesellschaft wird mir angenehm sein."
nunmehr, Teurester Herr Magister, wird die Freude bei Ihnen eben so stark, als vorher der Schmerz sein. Setzen Sie sich, wie ein römischer Held auf eine Chaise, lassen Sie alle Ihre Gegner vorher gehen; lassen Sie io triumpfe rufen, und fahren siegprangend, mit Blumen gekrönt, nach Schöntal, um daselbst neue Lorbeern einzusammlen. Mein Brief aber muss auf einem Kissen, wie ein Document, getragen werden. nunmehr wird Ihre Scharfsinnigkeit von keinem Menschen mehr in Zweifel gezogen werden. Sie können das Wahre von dem Falschen genau unterscheiden; Sie dringen in das Innerste der Sache; und jeder grosse Geist wird sich eine Ehre daraus machen, wenn er nur mit Ihnen verglichen wird. Leben Sie wohl, verehrenswürdiger Freund! Der Geist der alten Chaldäer und Perser ruhe seiner auf Ihnen. Dieses ist der beständige Wunsch
Ihres
gehorsamen Dieners
v.S.
VI. Brief.
fräulein Amalia an ihren Bruder.
Schöntal den 16. Mai.
Mein Bruder,
Deine Briefe haben uns ein unglaubliches Vergnügen gemacht. Der Baron war vorige Woche in der Stadt und erhielt sie da von der Post. Er setzte sich sogleich zu Pferde, um sie mir zu überbringen. Ich erbrach das Schreiben an mich, worinne ich das an den Magister eingeschlossen fand. Der Jäger musste den Augenblick hinüber nach Kargfeld, und unsern onkel nebst seiner Familie und den Magister zu uns einladen. Sie kamen etwas später als Herr Lampert, der sich in der Eile auf das Pferd unsers Jägers geschwungen hatte, und da war, ehe wir daran dachten. Er war ungedultig, den Brief an sich zu erbrechen; ich gab ihm aber diesen nicht eher, bis unser onkel kam. Wir setzten uns nach den ersten Komplimenten um den Magister herum; er hatte die Stühle in einen halben Zirkel gestellet. Ich will mir einbilden, ich stünde vor dem römischen Senate, sagte er. Hier soll die geschichte des Grandisons, wie dort das Schicksal der halben bevölkerten te das Siegel auf, nachdem er die Aufschrift gelesen hatte, und warf einen so hastigen und begierigen blick in den Brief, um ihn ganz zu übersehen; als wie ein heishungriger Knabe auf eine Buttersemmel schielt, um sie auf einmal zu verschlingen. Er las; aber bei dem ersten Zeilen fing er schon an zu stokken. Kaum hatte er noch so viel Kraft, die Worte herzustammlen: Die ganze geschichte Sir Carl Grandisons ist erdichter, da fiel ihm der Brief aus der Hand. Er stunde wie angenagelt; sein gesicht war entfärbet, und die Augen gläsern. Auf einmal riss er, mit einem entsetzlichen Geprassel, wie ich glaube, nach einen Gebrauche der Alten, seine Weste auf. Die hölzernen Dorlen aus den Knöpfen flogen uns in die Augen. Unser onkel war ohne Bewegung. Er hatte sich auf seinen Stock gelehnet; sah mit den Augen starr vor sich nieder, und schien in dem Augenblicke hinzusterben. Der Magister rung und wund die hände, und wiederholte oft einen lateinischen Spruch. Der Baron hat ihn gemerket: O vanitas vanitatum, heisst er, et omnia vanitas! Er ergriff darauf seine Halskrause, mir war bange, er würde sie zuziehen und sich erwürgen: er trocknete aber nur seine Tränen damit ab, die ihm in den Augen stunden.
Unterdessen hatte ich den Brief ausgehoben, und sprach dem armen trostlosen mann einen Mut ein. Sie würden sich vor dem ganzen römischen Senate verächtlich machen, wenn Sie so wenig Standhaftigkeit zeigen wollten. Fangen Sie noch einmal an zu lesen, und lesen Sie den Brief ganz, wer weiss was er für einen Ausgang hat. Ich hatte ein wenig hinein geschielet und noch etwas von von Sir Carln erblicket.
Er setzte mit zitternder stimme noch einmal an, und hatte so viele Standhaftigkeit, den ersten Absatz, der ihm so schrecklich war, zu lesen. Nun kam er auf den zweiten. Alle seine Gesichtszüge wurden auf einmal verändert. Ein Mann mit zwei Gesichtern in einer Minute, dachte ich, das ist der leibhafte Janus Bifrons