mein aufgeräumtes Gemüt. Sie nennen es einen glücklichen Charakter, dass ich mich nicht immer mit einem Haufen Sorgen schlage, und ein Vergnügen darinne finde, mich selbst zu beunruhigen: aber Sie irren Sich. Sie haben bei Ihrer furchtsamen und ängstlichen Gemütsart, die Sie Sich zueignen, vor mir gar vieles zum Voraus. Dadurch, dass Sie alles fürchten, werden Sie auf eine genaue Untersuchung aller Umstände geführt, die Ihnen vorkommen; Sie sehen alle unangenehme Folgen von weiten, und werden von keinem Verdrusse unbereitet überraschet; Sie können also mit leichter Mühe vielen Verdrüsslichkeiten ausbeugen, worinn mich meine Leichtsinnigkeit unbemerkt verwickelt. Ihr Mistrauen führet Sie zur Sicherheit. La mésiance est la Mere de la Sûreté, das ist Richelets Ausspruch, eines Mannes, der bei mir sehr viel gilt.
Die Frau v.W. hat nicht gestatten wollen, dass Sie den Brief Ihres Anbeters zu gesicht bekämen, Sie versuchen es, ihre Absicht dabei zu entdecken; aber mich dünkt, Sie sind hierbei nicht sonderlich glücklich gewesen. Ich will Ihnen das Verständniss eröffnen. Ihre Frau Mutter hasset gegenwärtig meinen onkel eben so sehr, als sie ihn vor einigen Wochen hoch schätzte, und sie bemühet sich mit eben dem Eifer, die Flammen auszutilgen, mit welchem sie solche entzündet hat. Ist es nicht der Klugheit gemäss, ihm alle gelegenheit abzuschneiden, sich einen Zugang zu Ihrem Herzen zu verschaffen? Wie leicht könnten Sie nicht, durch einen so zärtlichen Brief, als Ihr Anbeter unfehlbar geschrieben hat, zum Mitleiden gegen ihn bewogen werden? Wenn eine Schöne nur erst einem schmachtenden Liebhaber ihr Mitleiden schenket, habe ich sagen hören, alsdenn hat er gewonnen Spiel. Der Herr v.N. hat auf das Ihrige die gerechtesten Ansprüche. Hat er nicht Ihrentwegen Wind und Wetter auf sich losstürmen lassen? Hat er nicht um Ihrentwillen Leib- und Lebensgefahr ausgestanden? Hat er nicht Ihnen zu Ehren sich tapfer bezeigt, und sind Sie nicht die einzige Ursache, dass er auf seinem Lager unter den Schmerzen seines podagrischen Fusses seufzet? Alle diese Umstände, wenn ihnen der reizende Liebesbrief noch einiges Gewichte gegeben hätte, würden ein so sanftes Herz als das Ihrige notwendig erweichet haben. Untersuchen Sie ob ich die Absichten der Frau v.W. nicht tiefer eingesehen habe, als Sie selbsten. Ja ja, das war eine probe ihrer Staatsklugheit, dass sie Ihnen den Brief des Herrn v.N. verheelen wollte, sie dachte an das alte Sprüchwort: petit à petit l'oiseau fait son nid. So ist es! Aus einem kleinen Funken entstehet oft ein grosses Feuer.
Aber sagen Sie mir doch, warum Sie immer bereit sind, Ihrer Stiefmutter einen blinden Gehorsam zu leisten, nicht anders, als wenn sie Ihre Priorin wäre, sie kann Sie doch nicht mit der Katze essen lassen, wenn Sie es nicht tun? Sie befiehlt, und Sie erfüllen ihre Befehle pünktlich, auch da, wo es Ihnen viel beschwerlicher wird, ihr Gehorsam zu leisten, als wenn Sie ihr solchen versagen. Meine Stiefmutter dürfte sie nicht sein. Der blinde Gehorsam, was für ein verhasstes Wort! Doch vielleicht würde sich meine Gemütsart besser für sie schicken, als die Ihrige. Nach einem kleinen Hauskriege von vierzehn Tagen würden wir die besten Freunde sein. Wagen Sie es einmal, und kündigen Sie ihr eine Zeitlang allen Gehorsam auf, Sie werden Wunder sehen. Sie muss in ihrem Elemente angegriffen werden. Wenn sie schnäubt und brausst, so erwiedern Sie gleiches mit gleichem. Wenn sie mit einer angenommenen Freundlichkeit etwas bitteres sagt; so geben Sie ihr alles mit eben dieser freundlichen Mine zurück. Dem Gifte muss durch seinen Gegengift die schädliche wirkung benommen werden. hören Sie, wie ein guter Auctor sich über diese Materie ausdruckt:
Oignez vilain il vous poindra,
Poignez vilain il vous oindra.
Ich glaube, er hat Recht. Das ist aber wohl Ihrem sanftmütigen Charakter entgegen, Sie sind ein gutes frommes Kind, Sie wollen lieber Ihre Gebieterin mit guter Art gewinnen, als mit Sturm überwinden; Sie denken: il faut mieux plier que rompre. In der Tat, Sie sind auf einem guten Wege, ich billige ihn; für mich aber wäre er zu langweilig. Die Sonne musste einen Wandrer lange liedkosen, ehe er ihr zu Gefallen seinen Pelz ablegte; da er aber dem Sturmwinde eben diese gefälligkeit versagte: so warf ihn dieser mit sammt seinem Pelze in einem Graben.
Was hat denn Ihre Frau Mutter mit dem Major v. Ln. für Familienangelegenheiten zu berichtigen? Haben sie etwa miteinander eine reiche Erbschaft getan; oder wollen sie erst einen alten abgelebten Vetter sterben lassen? Halten Sie mir diese Frage zu gute, ich verlange nicht, dass Sie ihre Geheimnisse ausforschen sollen; ich bringe sie nur aus Bewunderung vor, dass die Frau v.W. und der Major noch gute Freunde sind. Sie eiferte ja sonst immer über ihn, und wünschte sich die gelegenheit, ihm ihre Meinung einmal unter die Augen sagen zu können. Es scheint, dass Sie über den Major eine kleine Spötterei auslassen wollen. Sie scherzen über etwas, das mit zu seinen Vollkommenheiten gereichet. Ein Soldat, und besonders ein Major muss eine gesunde Lunge haben. Wie er sein Regiment muss überschreien können; so muss er auch alle Gesellschaften überlachen können. Ich rate es Ihnen, dass Sie ihn nicht zum Gegenstand Ihres Witzes machen; er scheint mit alledem ein feiner Mann zu sein. Wenn ihn gleich nicht