welchem ich die Seinige werden sollte, im Trunke übernommen hätte; er versprach diesen Fehler zu verbessern und bat mich Millionen mal um Verzeihung. Wenn mir recht ist, so gelobte er mir eine ewige Treue. Ehe ich noch den Brief ganz durchgelesen hatte, trat meine Mutter mit einem verdrüsslichen gesicht in das Zimmer, welches mich mutmassen liess, dass es einen kleinen Zwist zwischen meinem Vater und ihr müsste gesetzt haben, der zusammengedruckte Brief sah dem Zankapfel sehr ähnlich. Das fräulein hat doch noch, sagte sie, den albernen Misch in die hände bekommen? Zerreissen Sie ihn den Augenblick in tausend Stücke und werfen Sie den Plunder zum Fenster hinaus. Ich war im Begriff, diesen Befehl meiner Mutter zu erfüllen, Sie wissen, dass Sie von jedermann, dem Sie zu befehlen, ein Recht zu haben glaubt, einen blinden Gehorsam fordert, und ich wünschte, dass mir nie ein Gebot von ihr schwerer zu erfüllen sein möchte, als dieses. Allein mein Vater befahl mir gerade das Gegenteil. Unterstehe dich – willst du – sagte er, da ich eben das Urteil meiner Mutter vollstrecken wollte, und erhob sich von seinem stuhl. Ich werde es nicht zugeben, dass mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen. Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die hände bekam, geschwinde zerreissen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfältig und in einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge, dass sie einen Angriff darauf wagen möchte, um sich desselben zu bemächtigen, und schloss ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht erraten, aus was für einer Absicht sie nicht gestatten wollte, dass ich diesen Brief zu gesicht bekäme, wenn es nicht diese ist, mir die gelegenheit zu benehmen, über sie zu spotten, dass sie mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzt wünscht, dass sie ihn nie möchte veranlasset haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint, alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen mich auch aus dieser Ursache vertilgen: damit diese ihr nicht einmal zu Vorwürfen in ihrem Gewissen gereichen. Ich glaubte immer, eine gelegenheit zu finden, dieses Schreiben wiederum in meine Gewalt zu bekommen, um es ihnen mitzuteilen, weil aber mein Vater mit keinem Worte wiederum daran gedacht hat: so sehe ich nicht, unter was für einem Vorwande ich es von ihm zurück fordern soll. Sie sehen also die Ursache der Verspätung meiner Antwort. Der Major Ln. ist beinahe jetzt unser täglicher Gast. Gestern liess ihn meine Mutter durch einen expressen Boten einladen; er ist aber erst heute gekommen. Sie unterredet sich eben jetzt mit ihm, und ich höre, dass ihr Gespräch oft sehr lebhaft wird, ich vermute, es betrifft ihre Familienangelegenheiten. Was der Mann lachen kann! Man hört ihn weiter als man ihn sieht. Er ist unten im saal, und wenn er lacht, so gibt mein Klavier hier neben mir allezeit einen Wiederschall. Es müssen doch wohl keine Dinge von allzugrosser Wichtigkeit auf dem Tapet sein. Nun werde ich allem Ansehen nach wohl niemals die Ehre haben, mich ihre Tante zu nennen; ich bin aber nicht weniger stolz darauf, wenn ich nur beständig ein Recht habe mich zu nennen
Ihre
aufrichtige Freundin und Dienerin
Juliane v.W.
VII. Brief.
Das fräulein v.S. an das fräulein v.W.
Schöntal, den 29 Sept.
Glauben Sie es nur, ich bin im höchsten Grade auf Sie eifersüchtig. Ich habe mich immer für das gelehrteste Mädchen in unsrer ganzen Gegend gehalten, Sie wissen, dass ich zu den Füssen eines grundgelehrten Mannes, eines Lamperts gesessen habe, der sich über den grossen Haufen gemeiner Lehrmeister, gleichwie unser Kirchturm hoch über die niedrigen Strohdächer hinausschwinget: allein ich werde künftig nicht mehr Ursache haben, meiner Eitelkeit zu schmeicheln; ich sehe dass Sie auch ein Bisgen gelehrt tun können. Sie vergleichen sich mit dem Selbstpeiniger aus dem Terenz, dieser Vergleich hat ein vielzugelehrtes Ansehen, als dass ich dabei gleichgültig bleiben sollte. Wenn Sie Sich mit dem Menschenfeinde des Moliere verglichen hätten, so würde ich es noch haben hingehen lassen. Doch ich will mich auch nicht deswegen mit Ihnen zanken, weil sie wissen, dass ein Terenz in der Welt gewesen ist. Sie kennen diesen Mann doch nicht anders als aus einer Uebersetzung; ich hingegen, ich kann mich rühmen, unter Anführung meines treflichen Lehrers, ein gutes Stück der Ueberbleibsel dieses Schriftstellers in der Grundsprache gelesen zu haben. Sehen Sie, wie weit ich Sie hinter mir lasse? Aber dem ungeachtet bin ich fest entschlossen, die erste gelehrte Vergleichung, die Sie wieder machen, mit einem lateinischen Briefe zu bestrafen. Ich kann noch ziemlich gut dekliniren, Ancilla und Scamnum macht mir eben keine Schwürigkeiten. Sie haben nun einmal meinen Trieb rege gemacht, bei aller gelegenheit etwas gelehrtes auszukramen; schreiben Sie Sich es also selbst zu, dass Sie diesmal einen Brief, nach den Regeln des Lampertischen Geschmacks eingerichtet, von mir erhalten, das ist, in welchen so viele Sprüchwörter und Sentenzen eingestreuet sind, als ich werde aufbringen können. Eine habe ich schon auf der Zunge, ich will Sie damit bestechen, dass Sie meinen Scherz nicht für eine Satire aufnehmen. Ihnen gefällt