solchen Mannes.
§. 8.
Hier habe ich verschiedene Junkers und Fräuleins erzogen. Die benachbarten Edelleute erfuhren meine Geschicklichkeit, und taten ihre Kinder bei meinem Herrn Principal in die Kost. Ich machte mich also eben so berühmt, als Melanchton und Trotzendorf ehedem gewesen waren.
§. 9.
An Vermögen fehlt es mir nicht. Die Menschen, welche um mich sind, haben von natur muntere Seelen. Alles lacht und scherzt. Nur mein gnädiger Patron hat manchmal ernstaftere Gedanken; fräulein Kunigunde lacht schon seit 30 Jahren nicht mehr: die andern aber sind desto lustiger. Die beständigen Abwechselungen machen, dass ich mich zeitero nach keiner Pfarrstelle gesehnt habe. Nur eins liegt mir im kopf: ich seufze nach Hanchen ihrer Gegenliebe. Der unempfindlichste Stoiker müsste bei dem Anblikke dieses reizenden Mädchens verliebt werden. Vielleicht ändert sich ihre Gesinnung, wenn ich nach den Versprechen meines Principals ihrem Vater im amt nachfolge. Wo nicht – – doch es muss sein, es muss sein. Von natur bin ich ein Sanguineo cholericus. Das Geld ist mir gleichgültig; ich ziehe die Lustbarkeiten dem Besitze der ganzen Welt vor.
Hier haben Sie also, teuerster gönner, eine kurze Nachricht von meinen Lebensumständen. Sollten Sie diese memoires der Königl. Societät vorlesen; so melwerden. Doch diesen letzteren §. den ich bloss zu Ihrer Nachricht beigefüget und auf ein besonders Blatt geschrieben habe, werden Sie vorher schon davon tun. Ich bin stark Willens, eine Academie im kleinen, auf dem Rittersitze meines Hrn. Principals, anzulegen. Die schönen Künste sind ja Kinder des Ueberflusses. An Essen und Trinken mangelt es uns nicht, und ich habe den Hrn. von N. welcher den Witz eines grossen Mannes besitzt, bereits dazu aufgemuntert. Es sollen vier Classen geordnet werden. Die erste wird sich mit der Landwirtschaft beschäftigen. Erfahrne Verwalter und Bauern können hierinnen nützliche Mitglieder abgeben: denn diese Männer verstehen von der Oekonomie mehr als die Gelehrten. Die zweite klasse ist der französischen und lateinischen Sprache gewidmet; die dritte aber tractirt Staatssachen. In diesen beiden sollen Pastores, Mamsells und politische Kannengieser angenommen werden. Die vierte heisst die musicalische. Der Grund ist bereits gelegt: denn es wird wöchentlich bei uns Concert gehalten. Vor drei Wochen liess sich ein reisender Schulmeister auf der Orgel hören. Mein Principal verehrte ihm ein paar lederne Hosen, die ihm sehr nötig und angenehm waren. Ich denke, es sollen mehrere Virtuosen kommen. Da ich Willens bin, den ersten Präsidenten in der Akademie vorzustellen, so werde Ew. Hochwürden in kurzem nähere Nachricht durch den ordentl. Secretair, von dem Erfolge der Sache, geben lassen; bleibe indessen mit Hochachtung
Dero
gehorsamster Diener
M. Lampert Wilibald.
Fussnoten
1 Es ist eigentlich ein allgemeines historisches Lexicon aller Magister, welche seit der Reformation in Deutschland gelebt, und sich entweder durch Kinderzeugen oder Bücherschreiben, berühmt gemacht haben. Dieses Werk wird ohngefehr 30 Alphabete stark werden, und in Leipzig herauskommen.
VI. Brief.
Das fräulein v.W. an das fräulein v.S.
Wilmershausen, den 26 Sept.
Was werden Sie denken, dass ich eine ganze Woche lang ein tiefes Stillschweigen beobachtet habe? Wenn Sie meine Briefe auch so lange unbeantwortet lassen wollten; so würde ich mich mit tausend argwöhnischen Gedanken schlagen. Ich bin nun einmal so, und ich werde nicht irren, wenn ich mich mit dem Selbstpeiniger aus dem Terenz vergleiche: ich mache mir einen Haufen sorge und ängstige mich, wo ich es nicht nötig habe. Sie besitzen einen glücklichen Charakter. Sie lachen mit dem Herrn v.F. über die ganze Welt und machen sich nicht eine ängstigende Vorstellung. Nicht wahr, Sie haben sich nicht einmal über mein Stillschweigen gewundert? Sie dachten wohl nicht daran, dass die Ursache davon eine Unpässlichkeit sein könnte; oder dass mir vielleicht gar der Briefwechsel mit Ihnen, wie der Clarisse mit dem fräulein Howe könnte untersagt sein. Solche Vorstellungen würde ich furchtsames Mädchen mir nur haben machen können, wenn ich an Ihrer Stelle wäre und Sie Sich an der meinigen befänden; aber davon wissen Sie nichts. Sie haben recht wohl getan, dass Sie Sich keine so unnötige sorge machten, ich befinde mich wohl und habe auch noch nicht den grausamen Befehl erhalten, mit Ihnen keine Briefe mehr zu wechseln. Meine Mutter ist zwar mit Ihnen ganz und gar nicht zufrieden, und wenn der Herr v.N. noch wohl bei ihr angeschrieben stünde; so könnte es sein, dass sie sich öffentlich gegen Sie erklärete: Doch die glückliche Zwietracht zwischen ihr und dem Herrn onkel von Ihnen macht sie gegen mich etwas geschmeidiger, sie gestattete es, dass ich unter der Hand einen Briefwechsel mit Ihnen unterhalten darf; ob sie mir gleich bis jetzt noch nicht erlauben will, Ihnen selbst meine Aufwartung zu machen.
Die Ursache meines Stillschweigens ist diese. Ich hatte neulich eben meinen Brief gesiegelt und solchen meinem Mädchen gegeben, um ihn durch Jobsten bestellen zu lassen, da ich zu meinem Vater gerufen wurde. Er gab mir einen entsiegelten Brief der so viele Falten hatte, als wenn er aus Verdruss von jemand wäre zusammengedruckt worden, er war von dem Herrn v.N. Ich las ihn flüchtig durch, und war so bestürzt, dass ich zitterte. Er entält, so viel ich mich noch davon erinnere, eine feierliche Abbitte wegen deinen Beleidigungen, die er mir dadurch zugefügt zu haben glaubte, dass er sich an einem Tage, an