gewohnt wärest, und in den ersten vier Wochen keinen Ansatz zur Schwindsucht bekämest, so würdest du nicht nur in Engelland beständig gesund bleiben; sondern auch in Deutschland einmal ein alter Mann werden. Er wollte heute an dich schreiben, und den Brief in den meinigen entschliessen; er besonn sich aber anders, und ersuchte mich, ihn zu deiner Gewogenheit zu empfehlen, und dich für böser Gesellschaft zu warnen. Um seinetwillen, sagte er, soll der junge Herr keinen Menschen seiner Freundschaft würdigen, den nicht von dem Grandison gross denkt, oder ein Anverwandter von ihm ist. Ich biss mich in die Zunge um das lachen zu verbergen, und versprach, seinen Auftrag bei dir auszurichten. Gleichwohl konnte ich es nicht unterlassen, einige Spöttereien über unsers Herrn Vetters und seines Orakels des Magisters Grille zu sagen, ob es mir gleich von meinem Schwager sehr nachdrücklich verboten war. Unser onkel wurde deswegen so sehr gegen mich aufgebracht, dass wir Mühe hatten, ihn zu besänftigen.
Ich setze mein Leben zum Pfande, fing Herr Lampert unerwartet an, und schlug mit der Hand auf den Tisch, dass die Gläser schütterten, ich setze mein Leben zum Pfande, dass es einen Grandison und eine Henriette Byron gibt. Leugnen sie diese Wahrheit nicht länger, gnädiges fräulein, wenn Ihnen etwas an der Gewogenheit ihres Herrn Oncles gelegen ist. Unser onkel warf einen zornigen blick auf mich, und seine Stirn bekam mehr Falten als ein aufgezogener Vorhang. Mein Schwager bat beide, so lange sich zu beruhigen, bis zuverlässige Nachrichten aus Londen wegen dieser Sache einliefen. Er versprach dem Magister eine Hirschhaut, wenn wir erführen, dass die geschichte des Grandisons wirkliche begebenheiten entielte; er sollte hingegen dem Baron ein paar Wachtelbauer verfertigen, wenn sie als eine Erdichtung befunden würde; Sie gaben einander die hände darauf. Meine Schwester und ich versprachen ihm jede ein paar genehete Manschetten, wenn er Recht behielte; wenn wir aber den Sieg davon trügen, so verlangte meine Schwester eine Schnappweife, und mir sollte er ein Sonnenschirmgen drehen. Er ging alles ein was wir verlangten, und war seiner Sache so gewiss, dass er sich davon nicht hätte abbringen lassen, wenn man Pferde an ihn gespannet hätte. jetzt war ich im Begriffe zu schliessen; aber ein Streich von dem wunderlichen Menschen, der mir eben einfällt, und wenn ich ihn nicht erzählte, mich wie ein Mühlstein auf dem Herzen drücken würde, hält mich noch davon zurück. Er hat sich vorgesetzt, in allen Dingen dem D. Bartlett nachzuahmen, und hofft ihm endlich so ähnlich zu werden, als ein Er dem andern. Neulich hat er den ersten Schritt in dieser wichtigen Unternehmung gewaget, er ist merkwürdig. Der Magister hat das grosse Werk von einer Perucke, worin er sonsten an hohen Festtagen zu stolziren pflegte, plötzlich abgeleget, und trägt sein eigenes Haar. Nur Schade, dass es pechschwarz ist! Wenn ich ihm doch riete, er sollte es schwefeln, oder an der Sonne bleichen, damit des D. Bartletts seinem ähnlicher würde, wer wüsste, was er täte. Nun muss ich im Ernste schliessen, fräulein Julgen ist unten. Das gute Kind wird mir ihr Herz einmal ausschütten wollen. Ihre Stiefmutter plagt sie recht gottlos. Was kann denn das liebe Mädgen davor, dass sie besser gebildet ist als ihre schielende Stiefschwester. Ich werde gerufen. Unsere Anverwandten empfehlen sich dir und erwarten öftere Nachrichten. Ich bin so lange ich lebe
Deine
Amalia v.S.
IV. Brief.
Der Herr von S. an seine Schwester.
Londen den 24. April.
Liebe Amalia,
Meine Schwester gefällt mir, wenn sie aufgeräumt ist. Sie hat eine vortrefliche Gabe zu scherzen, und ich sehne mich oft nach ihren belebenden Umgang. Der Magister, Lampert, muss, wie ich sehe, noch die nämliche Rolle spielen, die er ehedem hatte: und es ist kein Wunder, wenn seine Torheiten mit den Jahren zunehmen, da sich Jedermann Mühe gibt, ihn darinnen zu unterhalten; wiewohl die natürliche Leichtglaubigkeit und eine stolze Einbildung von seinen seltenen Verdiensten das meiste dabei tun. Du musst ihm inliegenden Brief selbst übergeben. Nimm ihm aber zuvor alle schädliche und tödliche Werkzeuge weg, damit, wenn er in eine Raserei verfällt, er sich nicht die Kehle abschneiden möge. Gib mir alsdenn eine getreue Nachricht von dem Ausbruch seiner Freude.
Ich habe hier in Londen eine ganz neue Welt vor mir. Gestern habe ich den König zum erstenmal geseEmpfiehl mich allen meinen Freunden und liebe
Deinen
aufrichtigen Bruder.
V. Brief.
Der Herr von S. an den Magister Wilibald.
Londen den 24. April.
Wie wird mein Hochgeehrtester Herr Magister die Nachricht aufnehmen, welche ich Ihnen geben muss? Bereiten Sie sich zu, meine Sache anzuhören, die Dero sonst gesetztes Herz durchbohren wird, – – Die ganze geschichte Sir Carl Grandisons ist erdichtet. Verdammter Wind! Wem wird man doch in der Welt glauben dürfen? Niemals hat ein Grandison in Engelland gelebt; niemals eine Henriette Byron. Von der Frau Shirlei und der alten Tante Lore will auch Niemand etwas wissen. Es ist ein Roman, lagt man hier; und die Ausländer sind einfältig, wenn sie unsere Erdichtungen für Wahrheiten halten. Armer Herr Magister, welcher Schmerz wird Ihr Herz durchdringen! Die Wette ist verlohren; alle schöne Anstalten, den Grandison nachzuahmen, sind vergebens, und Sie werden Ihr Ansehen sowohl bei dem Gärtner; als auch bei dem Kutscher