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von einigem Nutzen ist. Wenn ich meinen Entschluss nicht noch ändere, so Holland nach Strassburg gehen, und daselbst überwintern; vorher aber will ich noch einmal schreiben, um zu verhüten, dass ich keinen Brief von dir verfehle, welchen ich bei jezigen Umständen schwerlich erhalten würde, wenn er einmal nach London ginge. Wenn es sein kann, so bemühe dich, unsern onkel und seinen Sancho zu überreden, dass sie die Briefe an ihre Freunde in Engeland unter einem Umschlage an mich nach Strassburg schicken, ich will ihnen selbst diesen Vorschlag tun und glaube, dass ich alles von ihnen erhalten kann, wenn ich sage, dass es Herr Grandison guteisset.

Das fräulein v.W. verdienet bedauert zu werden, dass sie in diese Händel ist verwickelt worden. Wenn ich sie aus ihren Briefen beurteilen soll; so muss ich ihr einen vorzüglichen Plaz unter dem Frauenzimmer ihrer Gegend einräumen. Ich werde in die Versuchung geraten, sie meiner Amalie an die Seite zu setzen, wenn ich mehr von ihr lese, und ich muss es gesiehen, dass sie mir vor drei Jahren, da ich sie das letzte mal sah, in ihren besten Putze nicht so reizend vorkam, als durch ihre nachlässige und angenehme Schreibart, die ich in den Briefen an ihre Freundin fand. Ich weiss, dass du nicht eifersüchtig bist über das Lob deiner Juliane, du weist also über diese Stelle keine Auslegungen machen. Der Nachricht, dass sich ihr Heirat mit unserm onkel völlig zerschlagen hat, sehe ich mit Verlangen entgegen. Es ist nichts weniger als der Eigennutz, der mich antreibt, dieses zu wünschen; ich habe sonst keine Absicht dabei, als mir den Verdruss zu ersparen, dieses gute fräulein misvergnügt zu sehen. Ich gehöre nicht zu ihrem eigentlichen verehrern; doch wenn du mich darunter zählen wilst, so setze mich in die Klasse derer, die ein gutes Herz verehren, wo sie es finden, ohne dabei weiter zu denken. Ich will mich diesmal in keine ordentliche Beantwortung Deiner zwei leztern Briefe einlassen, ich finde dabei nichts mehr zu sagen, als dass du deinen Endzweck bei mir vollkommen erreichet hast, der erstere hat mich über acht Tage lang unruhig gemacht, und den Zweiten erbrach ich in Furcht und Hoffnung. Nun glaube ich es selbsten, dass man eben nicht Unrecht hat, wenn man meine Amalie für ein leichtfertiges Frauenzimmer hält. Wodurch hat denn der Magister Lampert die Ehre verdienet, dass du eine Beleidigung, die ich ihm zugefügt haben soll, an mir gerochen hast? Ich kann es zwar eben nicht, eine Beleidigung nennen; ich weiss aber nicht, was man sonst rächen kann. Der Anfang dieses zweiten briefes setzte mich in Bestürzung; ich empfand alles dabei, was der Magister kann empfunden haben, da ich ihn mit der Nachricht erschreckte, dass ich in Engeland keinen Grandison finden könnte. Es fehlte wenig, so hätte ich wie er mein Kleid zerrissen. Du konntest in der Tat für diese kleine Leichtfertigkeit unter keiner andern Bedingung eine vollkommene Vergebung hoffen, als durch eine getreue und ausführliche Erzählung aller Umstände, die den 16. September in Wilmershausen merkwürdig machten. Ich erwarte mit Ungeduld den Verfolg dieser begebenheiten, und hoffe dass sie zum Vergnügen des guten Fräuleins v.W. ausschlagen werden. Uebergieb dem Magister einliegende zwei Briefe, du wirst uns bei gelegenheit melden, was er und unser onkel zu dem Innhalte derselben sagen. Ich werde es als ein Zeichen deiner Gewogenheit annehmen, wenn du fortfährest, alles was in die geschichte unsers Grandisons einschlägt mir zu berichten. Wenn es möglich wäre, meine Liebe gegen dich zu vermehren, so würde Dir diese gefälligkeit einen Zuwachs davon versprechen. Wie vorteilhaft ist es doch, eine Schwester zu besitzen, wie meine Amalie, die mich durch tausend Proben versichert, dass Sie nie aufhören wird zu lieben.

Ihren

dankbaren Bruder.

XLVI. Brief.

Der Herr v.S. an den Magister.

Grandisonhall den 8 Octobr.

Hochgeehrtester Herr Magister,

Sie sind es, dem ich mehr als meinen leiblichen Aelter zu verdanken habe, nicht nur wegen ihres vortrefflichen Unterrichts, den ich vor diesem von Ihnen genossen habe; sondern auch hauptsächlich, dass sie sich die Mühe genommen, mich auf meinen Reisen zu begleiten. Sie haben mich auch für allerlei Versuchungen und Gefährlichkeiten durch diese Begleitung glücklich bewahret. Sie sind mein weiser Mentor, ich bin Ihr Telemac. Ohne Ihren grossmütigen Schutz würde Engelland für mich die Zauberinsel der Calypso gewesen sein. Sie empfangen hier für Ihre Bemühungen für mein Glück, da ich ietzo im Begriff stehe Brittanien zu verlassen, den verbindlichsten Dank. Hätten Sie mir nicht gelegenheit gegeben, nach dem Herrn Grandison zu forschen, hätte ich nicht die Ehre gehabt, mit ihm bekannt zu werden: so würde ich den Endzweck meiner Reise grössten Teils verfehlet haben, wenn das wunderbarste und sehenswürdigste wäre. Diese meine Nachlässigkeit würde noch auf eine härtere Art sein bestraft worden. Wenn nicht in dem haus des Herrn Baronets immer von Ausübung der strengsten Tugend geprediget würde, und wenn ich nicht hätte befürchten müssen, das geringste Vergehen gegen solche, mit dem Verlust der schätzbaren Freundschaft dieses grossen Mannes zu büssen: so würde ich mancher Versuchung nicht haben widerstehen können; wer weiss, ob ich nicht dann und wann untergetaucht hätte, wie der leidige Vetter Eberhard. Er hat oft an mich gesetzt, um mich zu verführen; aber der Baronet hat mich für ihm gewarnet und mir so gute Lehren gegeben,