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ich gleich die Unschuld meines gnädigen Herrn durch eine bekannte Distinction gnugsam gerettet habe; so will doch dieser einfältige. Mann sich davon gar nicht überzeugen lassen. Vielleicht habe ich gelegenheit, in kurzem Eu. Hochwürden eine ausführliche Nachricht von den Unternehmungen meines Patrons, die ihm seinem grossen Muster ähnlich machen, zu erteilen, hierdurch werde auch in dieser Sache vollkommenes Licht bekommen. Sie können es indessen auf mein Wort glauben, dass mein gönner so wenig geneigt ist, Leute unglücklich zu machen als der Ihrige, und dass wann es in seine Macht stünde, Jederdermann glücklich sein würde. Um hiervon auch den unglücklichen Bornseil zu überführen, musste ich ihm allerhand feine Vorschläge tun, die er aber doch alle verworfen hat; ia er drohete so gar in der Desperation zwei seiner Kinder meinem gönner vor die Tür setzen zu lassen. Da nun dieses in Deutschland für etwas schimpfliches gehalten wird, und man allerlei ungleiche Urteile darüber fällen könnte, wenn mein Patron auf solche Art ein Pflegevater werden sollte; so tat ich ihm gestern den Vorschlag, diesen Mann, der allezeit einen ehrlichen und unbescholtenen Lebenswandel geführt hat, Eu. Hochwürden und der Gütigkeit des Herrn Baronets zu empfehlen. Mein Principal fand hierbei nichts einzuwenden. Ich liess deswegen den trostlosen Bornseil zu mir erfodern, und eröffnete ihm, dass mein gnädiger Herr Willens wäre, ihm eine gute Versorgung zu schaffen, wenn er sich entschliessen wollte, ausserhalb seines Vaterlandes solche anzunehmen. Er war über diesen unerwarteten Antrag ausserordentlich erfreuet, und versicherte mich, dass er bereit wäre, bis ans Ende der Welt nach seiner Versorgung zu gehen, wenn er sich und seine Familie nur ehrlich nähren könnte. Ich stellte hierauf ein kurzes Examen mit ihm an, um zu erfahren, ob er der Recommendation Eu. Hochwürden würdig wäre, und da habe ich denn nach einem genauen Tentamine befunden, dass er zwar in seinem Catechismus eben nicht sonderlich beschlagen gewesen; ob ich gleich nicht kann in Abrede sein, dass er einige Reimgebetlein noch ganz fertig hersagen konnte. Allein die Regeln der Haushaltungskunst waren ihm desto besser bekannt. Er wusste eine grosse Menge derselben teils aus dem Becher, teils aus den Colero, in deutschen Reimen verfasst auf dem Nagel herzusagen. Insbesondere konnte er gleich ex tempore alle Tage, welche im Kalender mit einem roten Kleeblat bezeichnet sind, nennen. Nicht minder besitzt er auch eine grosse Erkänntnis öconomischer Erfahrungen, die Witterung zu beurteilen, und auf viele Wochen Frost und Hitze, Regen und Sonnenschein vorherzusagen. Eben ein so gutes Zeugnis kann ich ihm auch in der Rechenkunst erteilen, die schwersten Aufgaben wusste er in kurzer Zeit genau und glücklich aufzulösen. Die Regel Detri und welsche Practik verstehet er aus dem grund; insbesondere aber hat er etwas in der Regula Falsi getan. Da nun dieser gute Mann sein Pfund vergraben müsste, wann er sollte gezwungen sein, dem Kalbfelle nachzuziehen, und da über dieses mein gnädiger Herr es als eine ganz ausserordentliche gefälligkeit ansehen würde, wenn Eu. Hochwürden so viele achtung für sein Vorbitten haben und diesen unglücklichen Mann, der es nicht durch sein Schuld geworden ist, Ihrem gönner recommandiren wollten: so habe ich das Vertrauen zu Dero bekannten Menschenliebe, dass Sie mich nicht eine Fehlbitte tun lassen werden, wenn ich mich mit meinen Patron vereinige, und Sie angelegentlichst ersuche, sich über diesen Verlassenen zu erbarmen, und ihm wieder zu einer zureichenden Versorgung behülflich zu sein. Mein unvorgreiflicher Vorschlag ginge unmassgeblich dahin, dass dem ehrlichen Bornseil die Verwaltung von einen der Güter des Herrn Baronets in Irrland aufgetragen würde; oder wo dieses nicht sein könnte, dass Sie ihn doch wenigstens den Herren Commissarien von Neugeorgien und Südcarolina bestens empfehlen wollten, um ihn einen Wohnplaz in Neuebenezer, oder an einem andern schicklichen Orte anzuweisen. Ich erwarte mit nächstem von Ihnen Verhaltungsbefehle, wenn besagter Bornseil mit seiner Familie von hier nach Engelland abreisen soll, und was Sie etwa sonst noch mir befehlen werden. So viel getraue ich mir mit Wahrheit dahin zu behaupten, dass ich den grossbrittanischen Staaten einen sehr nützlichen Bürger verschaffen werde. Es will unter der Hand verlauten, dass Ew. Hochwürden in kurzem ein erledigtes Bisstum erhalten würden, ich wünsche Ihnen im voraus Glück dazu. Mein gönner empfiehlt sich Ihnen nebst mir und ersucht Sie, eben dieses für ihn bei Sr. Hochwohlgebohrn. dem Herrn Baronet und dessen vortrefflichen Frau Gemahlin zu tun. Ich empfinde in meinen Herzen allemal ein rührendes Vergnügen, wenn ich gelegenheit habe mich zu nennen.

Ew. Hochwürden,

Meines Hochgeehrtesten Herrn Doctors

gehorsamsten Diener

L. Wilibald,

Phil. D.

XLV. Brief.

Der Herr v.S. an seine fräulein Schwester.

London den 11 Octobr.

Geliebte Schwester,

Wenn mir auch Engelland kein Vergnügen hätte verschaffen können, so würden mir doch Deine Briefe und der Roman unsres Oncles meinen Aufentalt hier angenehm gemacht haben. Ich weiss nicht, ob ich bei Besichtigung des Palasts S. James, oder bei Durchblätterung der Briefe, die die Grandisonische Händel, wie Du sie nennest, betreffen, vergnügter gewesen bin. Mein Heinrich hat sie alle heften und abschreiben müssen. Das Original schicke ich in beigefügten Paquet nach deinem Verlangen zurück. Die Abschrift werde ich selbst behalten, um diesen Roman zum Zeitvertreibe auf meine Reisen wieder zu lesen. Ich bin einigermassen verlegen darüber, wie wir es anfangen, dass nach meiner Abreisse von London der Briefwechsel des Magister Lamperts mit der Grandisonischen Familie nicht unterbrochen wird. Ich sehe, dass solcher für unsern onkel