.S. für welcher, wenn ich es aufrichtig gesiehen soll, ich mich am meisten fürchte, ingleichen bei gelegenheit der Frau v.W. deutliche Begriffe von dem himmelweiten Unterschiede zwischen einem Trunkenbolde und einem, der den Becher der Fröhlichkeit kostet, beizubringen sich die Mühe geben. Werde ich dadurch von der sorge, dass meinem guten Namen ein Klebesieckgen möchte angehangen werden, befreiet: so verspreche ich nicht nur meine Dankbarkeit gegen Eu. Gnaden auf alle nur ersinnliche Art und Weise zu Tage zu legen, sondern ich werde dadurch auch aufgemuntert werden, mehrere dergleichen nützliche Unternehmungen zu wagen. Ich verharre mit vollkommenster Hochachtung,
Eu. Reichsfreihochwohlgebohr.
Meines gnädigen Herrn
untertäniger Diener
L. Wilibald Phil. D.
Einschluss des vorigen briefes.
Kurze und bescheidene Beantwortung der Frage: Ob
bei der Gasterei des Herrn v.W. der Becher der
Fröhlichkeit zuweit sei getrieben worden oder nicht?
§. 1.
Was der Becher der Fröhlichkeit sei.
Ein Becher wird im weitläuftigen verstand jedes Gefässe genennet, woraus man zu trinken pfleget, oder kürzer, ein Becher ist ein Trinkgeschirr. Der Wein ist ein Saft, welcher aus Trauben gepresset und in grossen Gefässen, die man Fässer nennet, in unterirrdischen Gewölbern oder Kellern zum Gebrauche aufbehalten wird. Die Alten hielten es zwar damit anders; sie zogen den Wein auf Flaschen, und verwahrten ihn in dem obern Teile, oder auf dem Boden ihrer Häuser. Die Fröhlichkeit ist eine Beschaffenheit des Gemüts, welche uns eine Zeitlang aller Sorgen vergessen macht, und unsere Gedanken nur mit angenehmen Empfindungen beschäftiget. Der Becher der Fröhlichkeit (poculum hilaritatis) ist also der Genuss des Weins, aus einem Trinkgeschirr, den man so lange fortsetzet, bis man spüret dass das Gemüte vollkomHeiterkeit im Gemüte empfindet.
Anmerkungen.
Die erste. Weil der Becher der Fröhlichkeit das Gemüte aufheitert, so werden die, welche ihn trinken, illuminati, das ist, Aufgeheiterte oder Erleuchtete genennet.
Die zweite. Einer, der keinen Wein trinket, heisst Abstemius. Leute von der Art, die sich mutwillig um eine solche Ergötzlichkeit dieses Lebens bringen, als das Weintrinken ist, sind nicht klug, ergo sind die Türken nicht klug.
§. 2.
Wer der Erfinder davon gewesen.
Noah, der zweite Stammvater des menschlichen Geschlechts, hat den Weinbau erfunden. Er trank den Wein aus einer doppelten Absicht, erstlich um der Schwäche seines Magens dadurch zu statten zu kommen, zum andern, um dadurch seine Bekümmerniss, dass er seine guten Freunde hatte sehen im wasser umkommen, durch Wein zu lindern. Wenn er seinen Becher aus dieser Absicht ansetzte, so trank er das poculum hilaritatis, und weil dieses Niemand vor dass Noah der Erfinder des Bechers der Fröhlichkeit gewesen ist.
§. 3.
Wie vielerlei derselbe sei.
Wir haben ein zweifaches poculum hilaritatis, ein grösseres (majus) und ein kleineres (minus). Dieses letztere bestehet darinne, wenn man ein Glas Wein mehr trinket, als es die Notdurft erfordert. Der gemeine Mann nennet dieses einen Trunk über den Durst. Jenes kann nur Statt finden, wenn man mit dem Vorsatze trinket, aufgeräumt zu werden, und mitin muss der Genuss des Weins so lange fortgesetzet werden, bis man diesen Entzweck erreichet hat.
§. 4.
Wie man beide den grösseren und den kleinern Becher
brauchen soll.
Des kleinern Bechers der Frölichkeit kann man sich so oft bedienen als man will; aus dem grösseren aber muss man kein Handwerk machen; sonst wird aus dem Becher der Fröhlichkeit ein Becher der Trunkenheit. (Poculum hilaritatis conuertitur in poculum ebrietatis.)
Anmerkungen.
Die erste. Die Gelehrten, welche mit dem kopf arbeiten, und einer Aufmunterung ihrer Lebensgeister öfterer als andre nötig haben, dürfen den grösseren Becher der Fröhlichkeit so oft versuchen, als sie es gut befinden ihre Lebensgeister aufzumuntern. Einfolglich gilt bei ihnen eine Ausnahme.
Die zweite. Das poculum hilaritatis majus ist die Hippokrene der Poeten.
§. 5.
Das vorhergehende wird weiter ausgeführt und
bestätiget.
Es erhellet aus der Vernunft und Erfahrung, dass man nicht nur Wein trinken könne, um den Durst zu löschen, sondern dass dieses auch geschehe, um sich zu erquicken. Man pflegt im Sprichworte zu sagen: Vinum est lae senum, das ist, Wein tut den Erwachsenen eben die Dienste, als Milch den Säuglingen. Wer sich nun am Weine erquicket, dessen Gemüte wird munter; wer sein Gemüte durch den Wein ermuntert, ohne dabei seiner Sorgen zu vergessen, der trinkt den Becher der Frölichkeit, und zwar den kleiphi stimmen darinne überein, dass es erlaubt sei, diesen kleinern Becher, wenn und so oft man will, zu versuchen, denn er dienet zur Erhaltung des menschlichen Lebens und der Gesundheit; alleine wegen des grösseren sind die Gelehrten nicht einerlei Meinung. Einige, und zwar die strengsten Moralisten, verwerfen solche in ihren Schriften ganz; sie tun es aber nur zum Scheine, und machen sich kein Bedenken, ihn dann und wann selbsten auszuleeren. Die gelindern lassen solchen, wiewohl nicht mit offenbaren Worten, (aperte.) jedoch aber stillschweigend (tacite) zu. Es wird nötig sein, um dieses zu bestätigen, ein oder anderes Beispiel hiervon aus den Schriften eines grossen Kirchenlehrers anzuführen. Dieser ernstafte Mann, da er bereits in einem wichtigen amt stunde, schreibt an einem Orte, in seinem Tractätlein von der Einbildung folgendes. Ich muss hier, spricht er, Kurzweilitatis gratia erzählen, was sich mit