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dem Herrn Doktor entschuldigen. Unser onkel ist ein wunderbarer Mann, alles Unglück das er hier anstiftet, soll sein Baronet wieder gut machen. Verschreibe ja nicht etwa den armen Bornseil, unser onkel würde ihn dir mit Weib und Kindern schicken, der Baron will ihn gelegentlich versorgen. Wenn ich dir doch mündlich sagen könnte, dass du die aufrichtigste Freundin besitzest an

Deiner Schwester

Amalia v.S.

XXXVIII. Brief.

(Folgende sieben Briefe hatte fräulein Amalie in ihr

Paquet eingeschlossen).

Das fräulein v.W. an fräulein Amalien. v.S.

Wilmershausen den 19 Septembr.

Schätzbarste Freundin,

Noch nie habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schönen Namen beigeleget, als jetzt. Sie haben ihn allemal verdienet, und ich kann es mir selbst nicht vergeben, dass ich einmal an der Stärke Ihrer Freundschaft gegen mich gezweifelt habe; allein nehmen Sie mein offenherziges Geständnis als einen Beweis eines guten Herzens an, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie erst seit zwei Tagen für meine schätzbarste Freundin, ohne Ihnen ein Compliment zu machen, erkenne. Wie werde ich meine Dankbarkeit gegen Sie, wie werde ich das, was mein Herz für Sie empfindet ausdrücken können? Es ist sehr gut, dass Sie keine Lobsprüche von mir erwarten, ich würde mich sehr verleugnen müssen, wenn ich Ihnen alles das Gute entdecken sollte, dass ich von Ihnen denke. Nein nein, das werde ich nicht tun; ich vermeide gar zu gerne allen Verdacht einer Schmeichelei. Es ist genug, wenn ich Ihnen gestehe, dass Sie mehr getan haben, als ich vermuten konnte. Ich würde es für ein Glück gehalten haben, wenn man an dem ängstlichen Tage nur nicht ein entscheidendes Ja oder Nein von mir gefordert hätte, das beides mir nicht viel gutes versprach. Ich würde überaus zufrieden gewesen sein, wenn Ihr erster Plan nach meinem Wunsche wäre ausgeführet worden, wenn ich weiter nichts als einige Tage oder Wochen eine Entschliessung in einer so wichtigen Angelegenheit zu fassen erhalten hätte. Doch Sie waren so besorgt für mich gewesen, einen neuen Plan zu meinem besten zu entwerfen, welcher auch so gut ausgeführet wurde, dass ich nicht einmal nötig hatte, zu einer betrüglichen Bitte meine Zuflucht zu nehmen, um einen Vater und einen Mann, der eine aufrichtige Neigung zu mir hat, zu täuschen. Ich würde mir gewiss viel Gewalt angetan haben, um diesmal anders zu reden als zu denken. Sie sehen hieraus, welche Verbindlichkeit Sie mir gegen Sich aufgeleget haben, dass Sie mich dieser Mühe überhoben. Ihr Herr Schwager hatte schon den grössten teil dieses Plans ausgeführet, ehe ich es inne wurde, wohin seine Unternehmungen abzielten. So sehr mir die Bemühungen des Herrn baron zustatten kamen, so sehr ich Ursache habe, ihm gleichfalls verbunden zu sein; so ungern würde ich es doch unternehmen, die Erfindung und die Ausführung dieses Entwurfs, mich aus einer Verdriesslichkeit zuziehen, zu loben. Die beste Absicht, dünkt mich, wurde nicht durch die besten Mittel erreicht. Eine ganze Gesellschaft zu bezechen, um älteren abzuhalten, keinen üblen Gebrauch von ihrer Gewalt über Kinder zu machen, sollte sich das wohl rechtfertigen lassen? Sie wissen, dass ich in diesem Stücke etwas zärtlich bin. Das Kopfweh meines Vaters, die Unpässlichkeit des Herrn v.N. und der Sturz des Rittmeisters von H. mit dem Pferde, alles dieses steht auf meiner Rechnung, und wenn es gleich alles von keinen Folgen zu sein scheinet; so empfinde ich doch in meinem Gemüte eine kleine Unruhe darüber. Wenn ich mich doch davon befreien könnte, so würde ich recht ruhig sein. – – Aber was mache ich doch? Nicht wahr, ich bin ein ungezogenes Mädchen? Ich sollte mich wegen Ihrer Mühe, wegen Ihres Eifers für mein Bestes bei Ihnen bedanken; ich sollte Sie dafür bis in den dritten Himmel erheben: und ich bin so verwegen, und kritisire die Unternehmungen meiner grossmütigen Beschützerin. Wenn Sie mir nun Ihren Beistand versagt hätten, wie würde es um mich aussehen? Würde ich nicht die Ausbrüche des väterlichen Zorns, womit ich bedrohet wurde, empfunden haben, oder mich jetzt in einer Stellung befinden, die mir ein unzufriednes Leben verspräche? Das Ungewitter hat sich noch nicht verzogen, es stehet noch am Horizonte; wer weiss wie bald mich wieder ein unerwarteter Donner erschreckt. Versagen Sie mir Ihren Schutz ja nicht, meine Freundin. wenn es möglich ist, will ich nicht mehr ungezogen sein.

Soll ich Ihnen sagen, wie mir vorgestern zu Mute war? Nein, das wissen Sie schon. Sie konnten aus meinen Gesichtszügen lesen, was in meinem Herzen vorging. Ich will Ihnen lieber Nachricht von meinem Zustande geben, seitdem Sie uns verliessen. Das sage ich Ihnen zum voraus, dass nichts wichtiges vorgefallen ist. Gestern empfieng mich mein Vater bei dem Morgenbesuche mit den Worten: Guten Morgen, fräulein Braut. Ich weiss nicht gnädiger Papa, sagte ich, ob ich diese Ehre im eigentlichen verstand annehmen kann? Der Herr von N. der ohne Zweifel der Mann ist, durch den ich diese Benennung erhalten soll, hat mir, wenn ich nicht ein und andern Scherz dahin ziehen will, seine Neigung gegen mich noch gar nicht entdeckt; und wenn auch dieses wäre, so glaube ich, dass noch eins und das andere müsste berichtiget werden, ehe ich diesen Namen verdiente. Der Papa wurde etwas ungehalten auf mich, dass ich ihm widersprach. Wenn er Kopfweh hat