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trank dann und wann ihre Gesundheit; doch einmal sagte er in seiner Begeisterung: hören Sie auf zu keiffen, alte Frau Shirlei. Unvergleichliche Henriette, was machen Sie denn mit einer so bösen Stiefmutter? Wollen Sie mich haben, so will ich Sie von dieser ungeheuren Frau befreien. Das war vortrefflich, es hätte nichts bessers zu fräulein Julgens Befreiung können erdacht werden. Die Frau v.W. wurde dadurch so aufgebracht, dass sie, wider ihre Neigung, ihm ins gesicht sagte: ihr Herr und sie, würden das fräulein keinem irrenden Ritter geben, es möchte nun Ernst oder Scherz bei ihm sein, so würde sie ihn nicht zum Schwiegersohne annehmen. Mein Herz wurde nun ganz leichte, unser onkel verschlimmerte seine Sachen noch mehr, dass er über den Zorn der Frau v.W. heftig lachte. Sie sind doch meine Henriette, sagte er zu dem fräulein, und sie würde einem derben Kusse nicht haben entgehen können, wenn sie nicht dadurch vorgebogen hätte, dass sie ganz freundschaftlich bat, ihrer zärtliche Empfindung für die Ehre zu schonen.

Es war 6 Uhr da wir vom Tische aufstunden. Der Herr v.W. musste zu Bette gebracht werden, unser onkel und der Magister verschwanden auch. Die übrigen Herren tranken mit dem Frauenzimmer Coffee. Die Frau v.W. verliess uns keinen Augenblick, sie glaubte vielleicht, dass wir uns, in ihrer Abwesenheit, über sie lustig machen möchten. Der übrige teil des Tages, wurde auf unsrer Seite sehr vergnügt zugebracht, ich wurde mit in ein Tarock gezogen, wir spielten bis um zehn Uhr. Der onkel und Lampert kamen da wieder zum Vorschein, sie waren aber ganz unmunter. Den Herrn v.W. bekamen wir nicht wieder zu gesicht. Wir nötigten den onkel mit in unserm Wagen zu steigen, er wollte mit aller Gewalt reiten. Am besten wäre es gewesen, er hätte seinen Rausch in Wilmershaussen ausgeschlafen. Ich wünschte, dass ihn die Frau v.W. bitten sollte, da zu bleiben; doch sie war so verdrüsslich, so mürrisch, dass man es ihr ansehen konnte, dass ihr etwas nicht nach ihrem Sinne gegangen war. Beim Abschiede hatte fräulein Julgen gelegenheit, mir mit einem recht muntern, recht freudigen Wesen zu sagen, dass sie mir alles, was sie mir heute nicht mündlich hätte sagen können, bald schriftlich sagen würde. Vor einer Stunde brachte mein Mädchen ein Briefgen von ihr; ich habe es noch nicht gelesen; ich werde es aber meinem Briefe, wenn es etwas merkwürdiges in sich entält, beifügen. Wir nahmen unsern Rückweg durch Kargfeld, um unsern schlafenden onkel auszuladen.

Meine zwei Bogen sind nun wieder voll, und meine Hand ist so steif, dass ich sie fast nicht mehr bewegen kann. Ich bin von Herzen froh, dass ich mit meinem Gewäsche fertig bin. Habe ich dir, in der Sprache des Magisters zu reden, die Nuss in der Schaale geliefert, und allerlei überflüssige Dinge in meine Erzählung gemischt; so wirst du dir den Zeitvertreib machen können, solche aufzubeissen, und den Kern heraus zu suchen. Ich bewundere mein glückliches Gedächtnis, dass ich diesen kleinen Roman, wie ich glaube, ziemlich getreu zu Pappiere gebracht habe. jetzt lege ich den fünften Bogen auf, um was sich zwischen hier und Sonnabends noch eräugnen möchte, denn eher werde ich mein Briefpaquet nicht siegeln, dir zu berichten.

Sonnabends den 22 September. Gestern haben wir einen Besuch in Kargfeld abgelegt. Unser onkel ist krank, er hat einen heftigen Anfall vom Podagra bekommen, das sind die Nachwehen von dem Schmausse bei dem Herrn v.W. Er ist der unleidlichste Mann von der Welt. Da wir uns um sein Bette herumgesetzet hatten, und anfiengen, ihn die Reihe herum zu bedauren; so musste ich einmal niessen. Er fing darüber erbärmlich an zu schreien, als wenn ich ihm mit einem Hammer auf das podagrische Bein geschlagen hätte. Was das ärgste ist, so will er es nicht Wort haben, dass sich das Podagra bei ihm einquartieret hat. Er würde sich kein Bedenken machen seine Beine in noch mehrere Küssen einzuhüllen, als er jetzt tut, gesetzt, dass er davon nicht den geringsten Anstoss hätte: wenn man ihn nur überzeugen könnte, dass Herr Grandison davon auch manchmal einige Beschwerung habe. Ich dächte, du liessest ihn mit nächsten an der Krücke der Frau Shirlei herum hinken, und rühmtest dabei seine ausserordentliche Gedult und seine Diät. Ich bin versichert, dass du unsern onkel eher kuriren würdest, als alle Doktor und Apoteker in unsrer ganzen Gegend. Der Magister bewies aus verschiedenen Gründen, dass sein gönner unmöglich das Zipperlein haben könnte, er gab der Unpässlichkeit unsres Oncles einen verwünschten griechischen Namen, den ich vergessen habe. Der Baron hatte dasmal keine Lust mit ihm zu streiten; er behielt also, zu grosser Beruhigung des Patienten, leichtlich Recht. Der schmerzhafte Fuss des Oncles, liess nicht zu, dass er an seine Henriette denken konnte, und damit waren wir auch sehr wohl zufrieden. Vorgestern hat ihn der Herr v.W. auf ein paar Stunden besucht, es scheint aber nicht, dass sie sich von der Heirat mit einander unterredet haben.

Du wirst einen Haufen Innlagen in meinem Briefe finden. Vorhin brachte Jeremias einen ziemlich dicken Brief, von dem Magister an den Doktor Bartlett. Ich bin so neugierig gewesen, und habe ihn erbrochen, du wirst mich desfalls schon bei