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schien noch die Halbtrauer wegen der Frau Shirlei anzuzeigen, vielleicht hatte er es auch um deswillen gewählet, und die rote Weste sollte unfehlbar seine feurige Liebe gegen fräulein Julgen abbilden.

Er sprach, so lange ihn der Wein noch nicht erhitzet hatte, wenig; was er aber sagte, das musste mit einer Redensart aus dem Grandison gewürzet sein, und wenn er keine fand, die seine Meinung ausdruckte, so sprach er durch Minen. Er lächelte, nickte oder schüttelte mit dem kopf, wie es etwa die gelegenheit erforderte. Ich werde es ihm so bald nicht vergeben können, dass er mich einmal bei Tische rot machte, aus Verdruss wurde ich rot. Er fragte mich lächelnd, wie mir ein blauer Rock mit roten Aufschlägen gefiel? Konnte ich eine so treuherzige Frage gleichgültig aufnehmen? Was muss der Major von Ln. dabei gedacht haben? Ich ärgerte mich über die seltsame Frage, und noch mehr, da ich fühlte, das mir das Blut ins gesicht stieg. Sie müssen diese Frage ihrer Aemilie vorlegen, die wird sie eher beantworten können als ich. fräulein Fiekgen ist nicht da, sagte er, heute sind Sie meine Aemilie.

Der Baron überhob mich einer beschwerlichen Antwort, durch einen von seinen drei Hasen, welchen er lauffen liess. Das ist eine geheimnissvolle Redensart, du weisst nicht, was ich damit, sagen will. Die Sache ist von Wichtigkeit, sie verdient eine Erklärung. Meine Schwester und ich baten den Baron, ehe wir nach Wilmershaussen fuhren, nochmals inständig, alle seine Kunst anzuwenden, das fräulein von der gefahrvollen Versuchung zu befreien, die Hand unsres Oncles anzunehmen oder auszuschlagen. Dazu habe ich bereits die nötigen Maasregeln genommen, sagte er. Ich will es, mit einer kleinen Veränderung, machen, wie Taubmann. Wenn das fräulein v.W. von ihren Bollenbeissern angefallen wird; wenn ich merke dass es Ernst werden soll; so werde ich einen Hasen lauffen lassen, ich werde die Unterredung auf so etwas lenken, darüber man gerne disputirt. Man wird auf eine kurze Zeit den Liebesantrag des Herrn v.N. vergessen, und nur streiten und trinken. Wenn ich sehe, dass sich die Gemüter wieder anfangen zu besänftigen; so werde ich eine neue Materie auf die Bahn bringen, darüber noch ärger gestritten wird, als über die erste, dabei müssen die Deckelglässer nicht vergessen werden. So denke ich in zwo Stunden es so weit zu bringen, dass das Frauenzimmer über uns Männer etwas zu lachen bekommt, und an keinen Ehevertrag wird können gedacht werden. drei Materien habe ich durchstudiret. Wenn Not vorhanden ist, und ich anfange zu reden; so denken Sie nur,dass ich einen von meinen Hasen losslasse, denn die ganze Gesellschaft hetzen wird.

Der Baron hielt sein Wort. Er sah mich nicht sobald in einer kleinen Verlegenheit über dem wunderbaren Betragen des Oncles; sie fiengen an etwas aus den Zeitungen zu erzälen. Er wusste sich hierüber so glücklich auszubreiten, dass wir in fünf Minuten die wichtigsten Anmerkungen über die jetzigen Zeitläufte hörten. Der Geist der Parteilichkeit mischte sich in das gespräche, die Meinungen waren geteilt und es gab allerhand Streitigkeiten. Die Herren wurden so laut, dass man sein eigen Wort nicht mehr hören konnte. Ich habe mir noch nie die Sprachenverwirrung so deutlich vorgestellt, als bei diesem Geräusche. Alle sprachen zugleich, und suchten einander durch die Stärke der stimme zu überwältigen, und keiner verstund den andern. Mir wurde ganz schwindelnd davon im kopf. Etliche kämpften stehend miteinander, etliche befreieten das rechte Ohr von der Perucke um desto genauer zu hören. Ich weiss nicht, ob dieser Lerm sobald würde sein geendiget worden, wenn nicht das Geräusche einiger umgestossenen Weinglässer einen kleinen Waffenstillstand verursachet hätte. Man fing nun an mit weniger Hitze die Staatsund Landesangelegenheiten zu beurteilen. Der Schauplatz wurde verändert. Nach der Vorstellung eines hitzigen Kampfes erschien die ehrwürdige politische Versammlung aus dem Kannegiesser. Man erforschte die Staatsmaximen der hohen Häupter. Man tat Friedensvorschläge. Sie wurden verworfen. Man lieferte wieder Schlachten. Man belagerte Festungen. Wien hätte bald ein heftiges Bombardement von einer englischen Flotte ausstehen müssen. Man setzte Könige ab und ein. Mit einem Worte, man tat alles, man entschied das Schicksal von Europa mit einem Tone, aus welchem nur Brehmen oder Götter reden können. Es ging über diesen politischen Betrachtungen eine gute Zeit hin. Der leichtfertige Einfall des baron hatte alle die wirkung, die er sich davon versprochen hatte. Dieses war ihm aber noch nicht genug; er brachte zum Beschluss dieses scherzhaften Auftritts, die Gesundheit der hohen kriegenden Mächte aus. Es war dem Herrn v.W. und unserm onkel ganz gelegen, dass solches mit dem grossen Deckelglase geschahe, so verdrüsslich auch die Frau v.W. darüber schien. Sie ist fein, und dabei sehr argwöhnisch; vermutlich hatte sie schon einen gegründeten Verdacht auf unsern Schwager geworfen, dass er ihren Absichten hinderlich sein möchte. Indessen konnte sie es doch nicht verhindern, dass ihr Herr und unser onkel, da sie bei der Gesundheit der kriegenden Mächte sich ihrer eignen Feldzüge erinnerten, nicht wegen alter Freundschaft den Pokal zweimal ausleereten. Sie suchte deswegen ihre Angelegenheiten eiligst in Richtigkeit zu bringen. Sie druckte eine gnädige Mine nach der andern auf den Magister ab, um ihn zu bewegen, seinen Herrn aufzumuntern, dass er doch sein Wort anbrächte. Der Baron hatte sich aber ein eigen Geschäfte daraus gemacht, dem Magister immer etwas zutun zu