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, mein Julgen, schlafen Sie heute ruhig.

Amalia v.S.

XXXVI. Brief.

fräulein Amalia an ihren Bruder.

Schöntal, den 18 Septembr.

Geliebter Bruder,

Der gefährliche Tag ist vorüber, und hat uns allen den Schmerz und Verdruss empfinden lassen, den wir fürchteten. Bedaure mit uns die gute Juliane. Alle Bemühungen ihr unglückliches Schicksal aufzuhalten, oder es von ihr abzuwenden, sind fruchtlos gewesen. Unser Kabbale war viel zu unkräftig, das liebe Kind ihrem eifrigen Liebhaber aus der Hand zu spielen. Es ist nicht anders, sie hat ihm gestern ihr feierliches Jawort geben müssen. Wie werde ich im stand sein, eine so verdrüssliche Begebenheit zu erwählen? Ich werde mir den grössten Zwang antun müssen, alle die einzelnen kleinen Umstände bei diesem Vorgange, wieder ins Gedächtniss zu rufen. Umsonst werde ich mir es so viele Mühe haben kosten lassen, sie diese Nacht eines Teils zu verschlafen. Jedoch was tue ich nicht eines geliebten Bruders wegen! Mache dich also geschickt, dismal den unangenehmsten meiner Briefe zu lesen, oder überhebe dich dieser Mühe und nein; das darf bei leib nicht geschehen, es ist so böse nicht gemeint. Der Magister Lampert ist nun durch mich an dir gerochen. Verzeihe mir diese kleine Schelmerei, ich habe diese Wendung dir selbst abgeborget, dass man um eine grössere Freude zu erwecken, erst vorher die Leute schrecken muss. Der gestrige Tag ist für uns vergnügter gewesen, als wir vermuten konnten. Ich weiss, dass du eine getreue Erzählung der begebenheiten dieses Tages erwartest, ich will deine Neubegierde nicht länger aufhalten. Vergieb mir diesen kleinen Possen.

Gestern Vormittags um 9 Uhr, bald hätte ich Lust, von der Nacht meine Erzählung anzufangen, und die schreckhaften Träume auszukramen, womit die beunruhigte Einbildungskraft mich ängstigte. Im Vorbeigehen, einmal sollte ich mich mit dem Magister trauen lassen; fräulein Juliane war ins wasser gesprungen; der Herr v.N. wollte mit unserm onkel Kugeln wechseln. Doch nichts mehr davon. Gestern Vormittags um 9 Uhr fuhren wir nach Kargfeld, um, wie die Abrede genommen war, unsern onkel abzuholen, und ihn nach Wilmershaussen zu begleiten. Wir glaubten, ihn in voller Gala anzutreffen. Wir stiegen ab, und sahen uns allentalben nach ihm um: er wollte aber nicht zum Vorscheine kommen, uns zu empfangen. Wir waren eben im Begriff, in den Saal zu gehen; da fräulein Kunigunde aus der Scheune hervorguckte, und uns einen freundlichen guten Morgen wünschte. Ich kann nicht läugnen, dass es mich heimlich zu verdrüssen anfieng, dass der geschäftige Hausmarschall, Lampert, nicht bei der Hand war. Verwünscht! dachte ich, das tut er aus Stolz. Er ist in seinen Gedanken ein Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in London, wer weiss, ob er uns nicht hinführo den Rang streitig macht. Inzwischen führte uns Tante Kunigunde in das Wohnzimmer, und ehe wir uns noch nach dem onkel erkundigten, fragte sie, ob wir ihn nicht mitbrächten. Wir wollen den Herrn Vetter abholen, um diesen Mittag, zusammen in Wilmershaussen zu speisen, sagte der Baron, ist er etwa schon hinüber? Mein Bruder ist diesen Morgen um 2 Uhr, mit dem Herren Lampert und Wiganden, bei stockfinstrer Nacht in dem ärgsten Regenwetter, abgereiset, um, wie er sagte, in Schöntal, noch vor Tages Anbruch, etwas wichtiges mit dem Herrn Baron zu verabreden, und hernach das grosse Werk auszuführen. Was er darunter verstehet, kann ich eigentlich nicht sagen, (sie weiss noch nichts gewisses von unsres Oncles Liebe,) wenn er nur nicht etwann gar einen Schatz hat graben wollen. Seit etlichen Tagen habe ich gemerket, dass mein Bruder und Herr Lampert bis in die tiefe Nacht gesessen und studiret haben; mein Bruder hat sehr viel auswendig lernen müssen. Gestern hat er den ganzen Nachmittag in tiefen Gedanken gesessen, und immer etwas zwischen den Zähnen gemurmelt, welches ich für Beschwerungsformeln hielt. Gott bewahre! Wenn mein Bruder nicht in Schöntal ist: so weiss ich nicht was ich denken soll. Wir haben ihn mit keinem Auge gesehen, sagte meine erschrockne Schwester. Wo muss der Mann hin sein? Umsonst wird er doch nicht in der Nacht sich auf den Weg gemacht haben? Es hätte nicht viel gefehlet, so hätten Tante Kunigunde und meine Schwester sich hingesetzt, und mit einander ein Stückgen geheulet. Mir war bei diesem unerwarteten Handel selbst nicht wohl. Der Baron lachte über unsere Bestürzung, und dieses brach unsrer Tante vollends das Herz. Sie liess einige Tränen fallen, nicht so sehr über ihren Bruder, als vielmehr über ihrem Regenschirm, glaube ich, den Wigand, wie einen Himmel, über seinen Herrn bei seiner Abreise hatte tragen müssen, und dessen Verlust sie sehr beklagte. Sie sah ziemlich finster dazu, dass mein Schwager bei so betrübten Umständen noch scherzen könnte, und nahm kaltsinnig von uns Abschied. Meine Schwester wollte über die Leichtsinnigkeit ihres Mannes, auch mit ihm ein Bisgen zanken: er beruhigte uns aber, durch eine wahrscheinliche Mutmassung von unserm onkel. Wer weiss, sagte er, ist diese nächtliche Kavalkade in die Stadt gegangen. Unfehlbar wird der Herr v.N. daselbst einige Galanterien erhandeln, um seiner Braut damit ein Geschenke zu machen. Es kann sein, dass er nicht eher als gestern Abend diesen Einfall gehabt hat, und vielleicht treffen wir ihn bereits bei dem Herrn v.W. an.

Wie froh war ich,