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glaubte, verleitet hat. In der Tat, der Argwohn ist so eine schlimme Sache, dass diejenigen, welche damit behaftet sind, so sehr dadurch bestrafet werden, dass man nicht Ursache hat, Ihnen deswegen Vorwürfe zu machen, oder eine andere Gnugtuung für geschehene Beleidigungen zu verlangen: man sollte nur ein gerechtes Mitleiden mit den Unglückseligen haben.

Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich der Gedanke gequälet hat, Sie wünschten eine Heirat zwischen mir und Ihrem onkel, und wären bei diesem Geschäfte selbst eine der vornehmsten Triebfedern. Ich markerte mich in meinem Gemüte, wie ein armer Missetäter, der seinen Tod vor Augen siehet, und noch nicht alle Hoffnung zum Leben aufgegeben hat; ich hatte keinen Grund Sie anzuklagen, ich hatte aber auch keinen, allen Verdacht gegen Sie zu verbannen.

Durch Ihr tröstendes Schreiben ist mein Herz um ein paar Centner leichter; es wird aber dennoch von einer sehr grossen Last beschweret. Ihren gütigen Rat werde ich, so viel mir möglich ist, befolgen; was wird es aber helfen, wenn wir eine kleine Galgenfrist erhaschen? Wird nicht dadurch meine Marter vergrössert werden? Glauben Sie, dass ich mehr Ihren Vorschriften folgen werde, um Ihren Verweisen zu entgehen, wenn die Sache einen widrigen Ausschlag für mich bekäme; als dass ich einen günstigen Erfolg davon hoffen sollte. Wie sehr würde es mich kränken, wenn ich Sie einmal sagen hörte: beklagen Sie Sich nicht, warum haben Sie nicht gefolget, so geht es den Leuten die sich nicht wollen raten noch helfen lassen. Solche Vorwürfe würden tödliche Stiche in mein Herz sein. Nein, nein, ich will Ihnen folgen, ich will Ihnen gern gehorsam sein: aber der Gehorsam gegen meinen Vater darf dadurch nichts verlieren. Sollte ich Ihn durch meinen Ungehorsam unter die Erde bringen?

Ach Gott! Jetzt schlägt es 3 UhrWie wird es morgen um diese Zeit aussehen? – Morgen habe ich einen sauern Tag zu überstehen, ich zittere, wenn ich daran gedenke.

Heute frühe, kündigte mir meine Stiefmutter, wie sie sagte, auf Befehl meines Vaters an: dass morgen der feierliche Verlöbnistag zwischen dem Herrn v.N. und mir feste gestellet wäre; sie wollte sich nach meiner Entschliessung erkundigen, ob ich noch der Meinung wäre, den Herrn von N. meine Hand zu geben. Ich sagte ihr, dass ich in diesem Stücke keine Entschliessung zu fassen hätte, sondern mich gänzlich nach dem Befehle meines Vaters richten würde. Wenn nun ihr Herr Vater will, Sie sollen den Herrn v.N. für ihren künftigen Gemahl erklären, wollen Sie denn das tun? Diese Frage werde ich Niemand als meinem Vater selbst beantworten, (ich sah ein wenig sauer aus.)

Ich will mit unangenehmen fragen nicht in Sie dringen; ich will Ihnen nur so viel sagen: ziehen Sie Ihre Klugheit bei Ihrer morgenden Aufführung zu Rate; damit Ihr Herr Vater nicht bewogen werde, seinen väterlichen Ernst, auf eine nachdrücklichste und beschämende Art, Ihnen zu zeigen. Sie ging, ohne auf meine Antwort zu warten und machte die tür ein wenig unsanfte hinter sich zu. Eine tödliche Traurigkeit überfällt mich; die harte Begegnung meines Vaters, die heimliche Feindschaft meiner Stiefmutter, mein bevorstehendes Schicksal, habe ich denn alles dieses verdienet? Bin ich jemals ein so gar gottloses Kind gewesen? Bedauren Sie mich, meine Amalia.

Ihrem redlichen Herrn Schwager, und ihrer guten Frau Schwester empfehlen Sie mich bestens. Wenn Sie nicht eine fussfällige Abbitte von mir verlangen; so rücken Sie mir mein Verbrechen gegen Sie ja niemals auf. Ich schliesse, die innerliche Bekümmernis sucht durch die Tränen einen Ausbruch bei

Ihrer

Juliane v.W.

XXXV. Brief.

fräulein Amalia an das fräulein v.W.

Schöntal, den 16 Sept. Abends um 6 Uhr.

Alleweile ist ein Bedienter von Ihrem Herrn Vater da gewesen, und hat uns auf morgen Mittag eingeladen. Wir werden erscheinen. Mein Schwager ist heute Nachmittage in Kargfeld bei dem onkel gewesen, und hat ihm einige gute Lehren auf morgen gegeben. Er hat ihn erinnert, die wichtigsten Stellen von der Verheiratung des Herrn Grandisons genau durchzulesen, damit er keine Fehler in der Nachahmung seines grossen Musters begehe. Amalia, spricht er, ist manchmal leichtfertig, Herr Vetter, und wird das fehlerhafte in Ihrer Aufführung ihrem Bruder schreiben, wenn dieser es hernach Sir Carln erzehlte; so würden sie dadurch bei ihm verächtlich werden, dass sich ihr Herr Gevatter wohl gar Ihrer schämte. Er bat meinen Schwager, ihm einen Wink zu geben, wenn er etwas in seinem Bezeigen zu tadeln fände. Der Brief, den Ihr Mädchen vor einer Stunde brachte, hat uns sehr gut gefallen. Wir sind nicht wenig stolz darauf, dass Sie unsern Rat für wichtig gnug halten ihn zu befolgen. Tun Sie es immer, wir versprechen uns davon viel gutes. Machen Sie Sich ja keine sorge, wenigstens nicht so gar viel. Mein Schwager gibt Ihnen sein Wort, dass Sie morgen den nachdrücklichen und beschämenden Ausbruch des väterlichen Ernstes gar nicht sollen zu befürchten haben; Sie können deswegen alle Furcht und Angst aus Ihrem Herzen verbannen. Wir wünschen, dass der morgende Tag mehr zum Vergnügen, als zu Jemands Verdrusse ausschlagen möge, wenn man aber doch ja verdrüssliche Gesichter erblicken müsste; so versichere ich Sie, dass Jedermann lieber ihrer Frau Stiefmutter, als Ihnen ins gesicht gucken würde, um die verdrüsslichen Züge darinnen zu entdecken. Schlafen Sie ruhig