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väterlichen Gewalt auf die arme verkaufte und verratene Tochter losstürmen, um sie zu zwingen, den verhassten Freier anzunehmen.

Nicht wahr, das ist die ganze Fabel, die Sie Sich von Ihren guten Freunden in in Schöntal in den Kopf gesetzet haben? Das sind böse, ungetreue, meineidige Freunde! Aber nun will ich Ihnen die rechte Wahrheit erzählen, hernach werden Sie anders von uns urteilen. Gestern Nachmittage statte unser onkel bei uns einen Besuch ab. Er machte uns zum ersten male in seinem Leben bekannt, dass er feste entschlossen wäre, zu heiraten, er nennte uns seinen geliebten Gegenstand. Wir erschracken, dass keins von uns im stand war zu reden, da er Sie nennte. Ich habe die ganze Unterredung mit unserm onkel aufgeschrieben, und will sie meinem Briefe beifügen, Sie können daraus unser ganzes Betragen bei dieser wichtigen Angelegenheit erkennen. Die meiste sorge macht uns der Brief Ihres Herrn Vaters an unserm onkel. Mein Schwager erhielt die Erlaubnis ihn zu lesen, und hat ihn abgeschrieben. Unfehlbar ist es Ihnen noch nicht bekannt, dass unser onkel bereits von Ihrem Herrn Vater das Jawort hat, Sie würden mir diesen Umstand nicht verschwiegen haben. Ich übersende Ihnen auch die Abschrift von diesem Briefe. Schicken Sie mir diesen doppelten Einschluss, wenn es möglich ist, bald wiederum zurück. Sie haben eben nicht Ursache so sehr über den voreiligen Consens ihres Herrn Vaters zu erschrecken. Kleinmütigkeit und Verzweiflung kann der Sache keinem guten Ausgang versprechen, fassen Sie einen Mut, wir arbeiten alle daran, das Werk zu hintertreiben.

Gestern hielten wir bis um Mitternacht grossen Rat, und ich war eben im Begriff, Ihnen einen Besuch zu geben, da Ihr Mädchen kam und mir Ihr Schreiben brachte. Um allen Verdacht zu vermeiden, stelle ich meinen Besuch ein; ihr Frau Stiefmama würde uns auch vermutlich nicht alleine mit einander reden lassen; ich will Ihnen deswegen das, was zu Ihrem besten beschlossen ist, lieber schriftlich als mündlich sagen. Wenn es in Ihrer Gewalt ist, so nehmen Sie eine Gelassenheit an, die der Unempfindlichkeit gleich kommt. Ihre Stiefmutter mag Ihnen von der verhassten Sache sagen was sie will, so berufen Sie Sich auf Ihren Herrn Vater, sagen Sie, wie Sie es bereits getan haben, Sie wollten, Sie wären bereit, Ihm zu gehorsamen. Sollte man in Sie dringen, auf eine verdrüssliche Sache ja, oder nein zu antworten; so sehen Sie zu, dass Sie auf eine schickliche Art ausbeugen. Ich dächte, Sie könnten mit der Versprechung des kindlichen Gehorsams oftmals durchkommen. Künftigen Dienstag haben Sie von unserm onkel und uns einen Besuch zu erwarten, Sie werden es aus Ihres Herrn Vaters Briefe sehen. Wie es scheint, sollen Sie da Ihr Jawort von sich geben; dieses darf durchaus nicht geschehen. Es ist uns, meine teureste Freundin, nichts nötiger, als dass wir in etwas Zeit gewinnen, mit einander auf Maasregeln zu sinnen, wie wir diesem plötzlichen Sturme ausweichen wollen. Wir sind alle überraschet worden. Lesen Sie den 6ten Band des Grandisons mit Aufmerksamkeit. Wenden Sie die Gründe, die Henriette braucht, den Hochzeittag zu verspäten, auf den Tag der Verlobung mit unserm onkel an. Sie wissen, dass er in allen Stücken dem Grandison nachahmen will. Wir müssen uns in seine Schwachheit richten, wenn etwas gutes soll ausgerichtet werden. Wir wollen unsern onkel zubereiten, Ihnen keine Bitte abzuschlagen. Ersuchen Sie Ihn um eine Frist von 6 Wochen, ehe Sie Ihr Jawort von sich geben könnten, diese setzen Sie hernach, wenn er auf einem kürzern Termine bestehet, auf 4 Wochen herunter. Unter der Zeit getrauen wir uns die Sache so einzufädeln, dass Ihrer Stiefmutter und unserm onkel das Concept ziemlich soll verrücket werden.

In einem Punkte müssen Sie nur nicht gar zu zärtlich sein, wenn die Sache einen guten Ausgang haben soll. Es scheinet, Sie wollen Ihrem Herrn Vater, wenn er darauf bestehet, in der Tat gehorsamen, und sich unsern onkel zum Gemahle aufdringen lassen. Sie machen sich den Ungehorsam in diesem Stücke zu einem Gewissenspunkte, und dieses aus einem Misverstande. Sie erklären Ihren Catechismus unrecht. Das vierte Gebot will nicht, dass wir den Eltern als Sklaven eine blinde Untertänigkeit beweisen sollen; es befiehlet uns, Ihnen zu gehorchen in gerechten und billigen Dingen. Wenn aber ein Vater seine Tochter zwingen will, einen alten verlebten Mann zu heiraten, und der noch dazu mehrerer Fehler als das Alter hat; das wäre eben so viel, als wenn er ihr den Befehl gäbe, in ein wasser zu springen, oder sich die Kehle abzuschneiden. Würden Sie denn einem solchen Befehle gehorsamen? Wenn Sie meinem Rate folgen, so denke ich, es soll das Ungewitter, dass sich über Ihrem haupt zusammen gezogen hat, sich wiederum zerteilen. Leben Sie wohl, meine Freundin, machen Sie Sich nicht so vielen unnötigen Kummer, und sein Sie versichert, dass nichts in der Welt vermögend ist, diejenige freundschaftliche Gesinnung zu ändern, welche gegen Sie, meine Werte, bis auf den letzten Tag ihres Lebens beibehalten wird

Dero

aufrichtig und ergebenste Freundin

Amalia v.S.

XXXIV. Brief.

Das fräulein v.W. an fräulein Amalien.

Wilmershausen den 16 Septembr.

Ich kann Ihnen die zwei Anschlüsse Ihres Briefes unmöglich zurück schicken, ohne meinen Dank für die Mitteilung derselben abzustatten, und zugleich Ihnen diejenige Beleidigung abzubitten, wozu mich eine gottlose leidenschaft, der ich mich ganz und gar nicht fähig