als meine Tochter ansehen soll; so erkläre dich den Augenblick, ob du den Herrn v.N. nehmen willst oder nicht? (Ich schwieg) Lass mich nicht böse werden – du weisst, wenn ich anfange – –. Gnädiger Papa (ich konnte vor schluchzen nichts hervorbringe) – – schonen Sie doch – Sie machen es immer ärger. Sie müssen nicht so verstockt sein, Julgen, sein Sie gehorsam – Antworten Sie auf ihres Papas Frage.
Die Worte meiner Stiefmutter durchschnitten mir das Herz. Die boshafte Frau! Ich war nicht im stand, ein Wort zu reden. Du – – – (Ich verschweige aus kindlicher Ehrerbietung die Worte, die der Zorn meinem Vater in diesem Augenblicke eingab, sie waren nicht väterlich.) Willst du nicht reden, was ist das für eine Aufführung? – Den Augenblick gehe mir aus dem gesicht, und komm mir nie wieder unter die Augen – – Willst du mich mit deinen Starrkopfe unter die Erde bringen?
Die letzten Worte kränkten mich aufs äusserste. Ich fiel meinem Vater in die arme. Gnädiger Papa, ich will mich ihrem Gewissen überlassen. Ich verspreche ihnen meinen kindlichen Gehorsam, machen Sie aus mir was Ihnen gefällt. Willst du es mir angeloben, dass du dich gegen mich in allen Dingen, als eine gehorsame Tochter hinführo aufzuführen gedenkest; so will ich deine jetzige Vergehung noch einmal übersehen. Ich gab ihm meine zitternde Hand, und machte, dass ich aus den Zimmer kam. Ich ging in meine stube, und warf mich auf das Canapèe. Ich will Ihnen nicht die Gemütsbewegungen entdecken, die ich empfand, ich bekam ein entsetzliches Kopfwehe, und war nicht im stand meine Gedanken zusammen zu fassen, um den ganzen Verlauf der Sache Ihnen zu berichten, ob ich es gleich versuchte. Gestern Morgen ging ich hinunter zu meinem Vater, in was für einer Gemütsverfassung, können Sie Sich leicht vorstellen. Alle meine Glieder zitterten, da ich die Tür aufmachte. Er war ernstaft; seine Gemahlin munter, keins aber dachte mit einem Worte an die verhasste Sache. Ich schlich mich bald wieder fort. Was werde ich nun für ein Schicksal zu erwarten haben? verlassen Sie mich nicht, meine liebste Amalia, verlassen Sie mich nicht, meine beste Freundinn; ich weiss zu Niemand anders als zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Können Sie so viele Zeit abmüssigen, so beehren Sie mich mit ein paar Zeilen, die mir Ihre Gesinnung gegen mich entdecken. Mein Mädchen soll darauf warten. Sind Sie noch auf meiner Seite, so stehen Sie mir mit Ihrem guten Rate bei, wie ich mich in diesen verwirrten Umständen zu verhalten habe. Meinem Vater kann und darf ich nicht ungehorsam sein, und bin ich gehorsam, was für ein Schicksal habe ich da zu erwarten! Ich sehe der Wiederkunft meines Mädchens, mit einem zweifelhaften Verlangen, entgegen, um zu erfahren, ob Sie noch unverändert das sind, was sich von Ihnen verspricht
Dero
aufrichtig und ergebenste Freundin
XXXIII. Brief.
fräulein Amalia an das fräulein v.W.
Schöntal den 14 Sept.
Wo soll ich anfangen, Ihren Brief zu beantworten? Soll ich mich wegen eines ungegründeten Verdachts verteidigen, und wegen Ihres garstigen Argwohns auf Sie schmälen? das werde ich nicht tun. Ihr Gemüte ist nicht in der Verfassung, dass es jetzt Verweise annehmen kann. Ich muss Ihnen aber doch meine Empfindlichkeit darüber bezeigen, dass Sie mich für eine Meineidige halten und mir den strafbaren Eigennutz zutrauen, dass ich das Glück meiner Freundinn auf das Spiel setzen könnte, um eine gute Tante dadurch zu gewinnen. Warten Sie, warten Sie, das kann Ihnen nicht so hingehen. Ihr gekränktes Gemüte schützet Sie dieses mal für einer kleinen Rache, ich würde sonst in der Tat ein bisgen böse tun; doch diesmal soll Ihnen alles vergeben sein. Sie haben einigermassen Ursache zu dem Verdachte gehabt, mich für ihre Kupplerin, nein, das ist ein gar zu garstiges Wort, für eine Unterhändlerin bei ihrer Freierei anzusehen. Ich lasse Ihnen alle Gerechtigkeit wiederfahren. Meinem onkel fällt es ein, sich zu verheiraten, notwendig muss er meinem Schwager und uns Schwestern etwas davon entdecket haben. Vielleicht bat er uns, ihm eine Partie vorzuschlagen. Wir werden notwendig so eigennützig gehandelt, und ihm eine person vorgeschlagen haben, mit der wir uns wohl auszukommen getrauten, die wir als unsere Tante lieben und ehren könnten. Kein altes verlebtes fräulein werden wir nicht erwählet haben; so eine geschleierte Ziege würde eine schlimme Tante abgeben, sie würde zänkisch und geizig sein, und uns mit bösen, finstern Gesichtern bewillkommen, wenn wir nach Kargfeld kämen. Das fräulein v.W. kennen wir, sie ist unsre Freundin, die gäbe eine vortreffliche Tante. Ja, ja, es war natürlich, dass wir sie unsern onkel vorschlugen. Sie mag sehen, wie sie mit dem alten wunderlichen mann auskommt, sie mag bei ihm für ihre person unglücklich sein; wenn wir nur eine gute gesellige Tante an ihr bekommen, die nicht ewig an uns etwas zu bessern und zu tadeln findet. Es blieb dabei, wir schlugen ihm das fräulein v.W. vor; er verliebte sich, von dem ersten Augenblicke an, in sie, wie der Narciss in seine Gestalt, die er im wasser erblickte. Die Sache wurde so kartiret, dass das liebe gute Kind nichts davon erfuhr. Die Stiefmutter musste den Vater stimmen; dieser musste auf einmal mit seiner