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sein, so kann ich doch Niemanden als Ihnen das meinige entdecken. Ich will einmal meinem Argwohn in meinem Gemüte Platz geben; ich will mir einbilden, Sie wünschten, dass ich Ihre Tante werden möchte, wollten Sie wohl diesem Wunsche Ihre Freundin aufopfern? Könnten Sie, um Ihrem onkel gefällig zu sein, Ihre Freundin in so vielen Verdruss einwickeln? Ich habe viele Mühe, mir dieses zu bereden, und gleichwohl scheinet es, als wenn Sie nebst andern wider mich conspiriret hätten. Doch wie gesagt, ich will Ihnen noch nichts Schuld geben. Ich will lieber glauben, Sie wüssten noch nicht ein Wort von der ganzen Sache, ich will Sie für neugierig halten und Ihnen den Handel eröffnen. Vorgestern des Morgens bekam mein Vater einen Brief von dem Herr von N – – durch seinen Reitknecht. Mein Vater und meine Stiefmutter schienen einige Tage vorher sehr aufgeräumet, und diese insbesondere war so freundlich gegen mich, dass ich die Stiefmutter beinahe darüber vergass. Mein Vater zog seine Liebste an ein Fenster; ich sass an einen andern, und nähete etwas für mich in dem Rahmen. Sie lasen beide das Schreiben sachte, doch so, dass ich etwas davon verstehen konnte. Ich hörte dass der Innhalt mich anging; ich merkte, dass es ein Anwerbungeschreiben sein sollte; wiewohl ich von der Schreibart des Briefes eben nicht so gar vorteilhaft auf den Verfasser schliessen konnte. Meine Glieder fiengen an zu zittern, ich erwartete mit Ungeduld das EndeDa sehen Sie es nun, mein Schatz, sagte meine Mutter, dass es sein Ernst ist, der gute N. ist doch wirklich ein Mann von ParoleHaben Sie es gehört, Julgen, was Ihnen für ein Glückke bevorstehet? Schätzgen, lesen Sie doch den Brief noch einmal, dass ihn Julgen höret. (Sie streichelte meinem Vater die Backen, mich dünkt, ich hätte sie nie so freundlich gesehen.)

Die ganze stube ging mit mir herum. Ich dachte, ich müsste vom stuhl sinken. Schrecken und Verdruss über die alberne Frage meiner bosshaften Siefmutter setzten mich ganz ausser mich. Die Furcht, den verhassten Brief noch einmal zu hören, erhielt mir noch das Vermögen zu reden.

Haben Sie die Gewogenheit gnädiger Papa, sich die Mühe zu ersparen, den Brief mir vorzulesen, ich habe schon so viel daraus verstanden, als ich wissen soll. Ich bin versichert, Sie werden ihn, nebst der gnädigen Mama, als einen Scherz annehmen. Der Herr v. N – – hat seit einiger Zeit viele scherzhafte Ausschweifungen begangen; in diesem Schreiben scheint er sie am weitesten getrieben zu haben.

Nein, nein, meine Tochter, du irrest dich, es ist des Herrn von N. sein wahrer Ernst. Er hat schon neulich bei mir mündlich um dich angehalten; ich trauete ihm aber nicht, und dachte, der verliebte Anfall würde bald wieder überhin gehen. Ich riet ihm, er sollte bedenken, dass das Heiraten ein schwerer Punkt wäre; er sollte untersuchen, ob er einen rechten Trieb hätte, ehelich zu werden, da er es so lange versparet hätte. In 14 Tagen sollte er mir von seinem Entschlusse wieder Antwort geben. Nun hat er schriftlich um dich nach gesuchet. Er ist von Jugend auf mein guter Freund gewesen, und hat mir manchen Gefallen erwiesen. Es ist einmal Zeit, dass ich auf eine Vergeltung denke. Wenn du nichts erhebliches wider ihn einzuwenden hast, so mag er immer dein Gemahl werden. Behüte Gott! Gnädiger Papa, wenn Sie Ernst aus dem Antrage des Herrn von N. machen, so setzen Sie ihr Kind in die äusserste Betrübnis. Sie werden mich doch nicht an einen Mann verheiraten wollen, der über die Jünglingsjahre lange hinweg war, da ich gebohren wurde; an einen Mann, der seit einiger Zeit eine so wunderbare Aufführung angenommen hat, dass man ihn für einen Romanhelden ansehen sollte! – Ich habe noch keine Neigung zum Ehestande.

Reden Sie nicht so unverständig, Julgen, Sie sind kein Kind mehr. Wenn alle Frauenzimmer so dächten wie Sie, so würde ihr Papa von mir auch einen Korb bekommen haben. Er war kein Jüngling mehr, da ich ihn heiratete; er war noch dazu ein Wittwer, mit einer kleinen Wehklage, und ich nahm ihn doch. Wissen Sie nicht die alte Hausregel: der Mann im Schwade und die Frau im Bade? das ist aber eine Bosheit von Ihnen, dass Sie den Herrn von N. einen Romanhelden nennen; dadurch versündigen Sie Sich an ihrem Papa. Die jenigen, die Romanhelden vorstellen, sind Narren, und wer mit Narren eine Gemeinschaft hat, ist selbst nicht klug. Ihr Papa liebt den Herrn von N., er ist unser guter Freund. Schätzgen, so gehet es, wenn man die Kinder verhätschelt, hernach spotten sie die älteren. Pfui, schämen Sie Sich, dass Sie so wenig achtung gegen ihren Papa bezeigen!

Mädchen?

Gnädiger Papa, das ist nicht auszustehen, (ich wollte seine hände küssen, ich weinte, er stiess mich von sich. Das hat er noch niemals getan.) hören Sie auf mich zu verleumden. Was habe ich Ihnen getan, dass Sie durch so niedrige Kunstgriffe mir die Gunst meines Vaters entziehen wollen – – Haben Sie Mitleiden mit mir, gnädiger Papa, ich bin ihre Tochter.

Höre, Juliane, mit dem albernen Geplaudere richtest du nichts bei mir aus. Wenn du willst, dass ich dich