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Liebe, fallen so wohl auf Palläste als auf Strohdächer. Es zwingt sie ja Niemand, den Alten zu nehmen. Wenn Ihre Stiefmutter, auf eine unbedachtsame Art manchmal mit ihr scherzet, und ihr mit dem Stifte oder mit unsern onkel drohet, so muss sie das als Scherz aufnehmen, und mit Scherz erwiedern. Was wollte ich darum geben, wenn dein Urteil wahr wäre. Die gute Juliane, es kostet mir viele Tränen, wenn ich daran denke. Sie soll, sie muss unserm onkel ihre Hand geben. Ihre verdammte Stiefmutter –. Ich würde ihr die Augen auskratzen, wenn sie da vor mir stünde, so erbittert bin ich. Sie ist eine von den gemeinen Stiefmüttern, welche sich eine Pflicht und zugleich ein Vergnügen daraus machen, die Kinder erster Ehe zu peinigen. Kein Wort mehr von der verhassten Frau! Beigelegte sechs Briefe werden dir die ganze Sache aufklären.

Den 13 kam unser onkel nach Schöntal, und tat uns eine förmliche Erklärung, wie er es nennte, dass er Willens wäre, dem Beispiele seines Herrn Gevatters in Engelland zu folgen, und sich zu verheiraten. Meine häuslichen Umstände sind nun in Ordnung gebracht, das Musiczimmer, die Bildergallerie und der meiste teil meiner Meublen sind nach dem Geschmack meines Freundes in Engelland eingerichtet. An meiner person selbst, habe ich so eine Reformation vorgenommen, dass ich mich kaum noch kenne, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Es fehlet mir nichts mehr als eine Henriette. Die Nachrichten aus Italien, können nun in meinen Entschliessungen keine Aenderung mehr machen, sie mögen ausfallen wie sie wollen. Mag doch der Graf von Belvedere, mit seiner Clementine ruhig leben. Grandison hat ihr durch seine Verheiratung, ein Beispiel gegeben, sie soll mir eins geben, und ich will denenjenigen eins geben, die mir einmal nachahmen werden.

Mein Schwager unterstützte das Vorhaben unsers Vetters, das er für einen Anfall seiner Schwärmerei hielt, die keine sonderliche Folgen haben würde, durch seinen Beifall. Meine Schwester und ich, sind nur Maschinen meines Schwagers, jene aus Liebe, ich aus Freundschaft. Er drohet uns nach seinem Gefallen. Wir mussten uns stellen, als wenn wir eine grosse Freude darüber hätten, dass unser onkel, in seinen alten Tagen, noch ein Papa werden wollte. Wer ist denn die glückliche Byron, Herr Vetter, fragte ich, die nach Ihnen seufzet. Doch nicht etwa das fräulein v.W.

Der onkel. Ha, ha, ha! Wer anders als Sie. Dass dich der Bli – –, dass dich der Blech! wie das Bäsgen raten kann! Wenn Sie kein fräulein wären, so müssten Sie einen Bürgermeister nehmen.

Mein Schwager schien über dieses geständnis, in etwas betreten zu sein, er vermutete nicht, wie er nachgehends sagte, dass fräulein Julgen eine Rolle in dem Lustspiele unsres Grandisons bekommen sollte; wir schätzen sie alle hoch, und lieben sie; das gute Kind verdient es.

Mein Schwager. Daran tun Sie recht, Herr Vetter, dass Sie Ihren Herrn Gevatter folgen, und sich verheiraten wollen. Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Vorhaben. Aber mich dünkt, wenn Sie das fräulein v.W. zu Ihrer Byron machen wollen; so wird Ihnen Sir Carl die Abweichung in seiner Nachahmung nicht leicht vergeben können.

Der onkel. Wie so, Herr Vetter? das sehe ich nicht ein.

Der Schwager. Sir Carl war überzeugt, dass er die einzige Mannsperson wäre, die seine Henriette als ihren Gemahl lieben könnte; er hatte ein Recht auf ihre Liebe; er war der Beschützer und Erretter ihrer Ehre; er hatte die Bewilligung aller Anverwandten, ihr Mädchen zu lieben; Jedermann wünschte, dass die zwo vortrefflichen Personen, ein Paar werden möchten. Bei Ihnen, Herr Vetter, nehmen Sie es nicht ungütig, dass ich nach meiner überzeugung rede, bei Ihnen ist keiner von diesen Umständen anzutreffen; Sie würden also bei dieser Verheiratung, wider Ihren Willen, ein Urbild werden, und das würde Sir Carln verdrüssen, wenn Sie, so zu reden, über ihn weg sein wollten. Der onkel schien über den Einwurf meines Schwagers sehr verlegen zu sein. Er wollte antworten; er reusperte sich; ruckte auf dem stuhl hin und her.

Herr Lampert, Herr Lampert, warum so stille? Er siehet aus, als wenn er Flachs säen wollte.

Der Magister stieg von seinem stuhl auf, er hatte seine Gedanken gesammlet, und sah so aus, als wenn ihn etwas auf dem Herzen läge. Wir waren aufmerksam auf ihn. Endlich öffnete sich sein Mund:

Nachdem ich dasjenige, was Eu. Gnaden (er bückte sich gegen den Baron) vorzutragen geruhet haben, hin und wieder sonderiret habe; so kann ich nicht in Abrede sein, besonders, da der bekannte Canon: Minima circumstantia variat rem, auf Ihrer Seite zu stehen scheinet, dass die Zweifel Eu. Gnaden, dem ersten Anscheine nach, einige Stärke haben. Allein, wenn wir die Nuss aus der Schaale nehmen wollen, so werden wir finden, dass alle diese Einwürfe nicht hinreichen, meinen gnädigen Herrn Principal, einer Abweichung in der Nachahmung Herrn Carl Grandisons, schuldig zu machen. Denn was den ersten Satz anlanget: Sir Carl war überzeugt, dass er die einzige Mannsperson wäre, die seine Henriette als ihren Gemahl lieben könnte; so gilt dieses vollkommen von meinem gnädigen Herrn. Er zweifelt im geringsten nicht, dass ihn das fräulein v.