welchen Sir Carl der Clementine, aber der Herr Magister nicht mir vorgelesen hat.
Magister. Könnte ich nicht Sir Carl, könnte Sie
nicht Clementine sein? von mir will ich jetzt nicht reden; aber Sie übretreffen in meinen Augen eine Göttin: Sie sind also weit vortreflicher als jene junge Italienische Gräfin.
Ich. Woher wissen Sie denn, dass ich schöne bin?
Magister. Das sagen mir meine Augen und meine Empfindung.
Ich. Da sich Ihre Empfindung unfehlbar nach den Augen richtet; so wird Ihre Empfindung eben so oft betrogen werden als Ihre Augen: denn ich weiss, dass Sie schon seit etlichen Jahren durch die Brille lesen.
Magister. Es ist wahr, das beständige Nachtstudieren und die häufigen Lucubrationes haben mir das gesicht ein wenig verderbt, dass ich die kleinen Buchstaben, und zumal im Hebräischen die Punkte, nicht recht mehr erkennen kann. Aber ein Mädchen von achtzehn Jahren ist ja eben so kleine nicht, dass ich erstlich mein Auge bewaffnen müsste, wenn ich sie ansehen wollte.
Ich. Ich habe nichts wider Ihr scharfes Auge in Ansehung achtzehnjähriger Fractur einzuwenden: es kommt mir aber sehr wunderbar vor, dass der Herr Magister auf mich achtung gibt. Sie waren mir ja sonst in der Schule nicht gewogen.
Magister. Concedo, mein schönes Hannchen; aber dazumal waren Sie ein loses Mädchen: und ausserdem musste ich auf Respect halten. nunmehr aber haben sich die zeiten geändert. Sie und ich sind mannbar. Es kommt darauf an, dass Sie mich lieben und mir Ihr Herz schenken.
Ich. Bringen Sie das letztere als eine Frage oder als eine Bitte vor?
Magister. Als eine Frage und als eine Bitte zugleich.
Ich. So werde ich auch auf beides mit Nein antworten.
Magister. Wie, Sie lieben mich nicht? Ich sollte mich betrogen haben? Nein, Sie müssen scherzen. Ich merke schon, Sie wollen lieben und schweigen – – Sie wollen mich raten lassen. Sie wollen erstlich meine Beständigkeit prüfen. Sie – – – –
Ich. Was haben Sie für Einbildungen! (ich musste wirklich lachen.)
Magister. lachen Sie nicht, meine Clementine. geben Sie mir vielmehr die gütige Erlaubnis, Dero Herrn Vater, den Herrn Marggrafen, aufzuwarten, mich zu seinen Füssen zu werfen, und die bewunderswürdige junge Gräfin von seiner Hand anzunehmen. Ich verlange keinen Pfennig von Ihren grossen Vermögen; ich will vielmehr sorgen, dass – – doch dieses wird sich schon schicken. Was meinen Sie wohl, dass der Herr Marggraf sagen würde?
Ich. Er wird vielleicht eben so lachen als wie ich. Wenn er aber hört, dass Sie den Herrn Grandison und ich Clementinen vorstellen soll; denn würde er gar böse werden.
Magister. Sorgen Sie nicht. Ich bin schlau, ich bin ein alter Hofmann, ich will ihn schon fassen, oder ich müsste kein 20jähriger Magister sein, und mich unter Edelleute so lange durchgefressen haben.
Ich. Ich traue Ihrer Geschicklichkeit sehr viel zu: ich zweifele aber, ob Sie meinen Vater und mich in diesem Punkte bewegen werden.
Magister. Da sehe ich Ihren Herrn Vater über den Hof kommen. Ich will ihm entgegen gehen. Sehen Sie nur, ob er nicht wie ein Erzbischoff einhergehet. O der teure Marggraf! Hier lief er fort, und ich befahl indessen unserer Magd, mir einen Boten zu bestellen. Ich habe das bewuste Schreiben beantwortet; aber mit zitternder Hand. Wenn ich die gnädige Erlaubnis von Ihnen bekomme, so werde ich Ihnen morgen in Kargfeld aufwarten, etc. Ich bin mit aller Hochachtung
Ew. Hochwohlgeb.
untertänige Dienerin
Johanna Wendelin.
XXIX. Brief.
fräulein Amalia an ihren Bruder.
Schöntal, den 16 Sept. Abends um 9 Uhr.
Was wirst du denken, mein Bruder, wenn ich dir sage, dass unser onkel wirkliche Anstalt macht, sich zu verheiraten. An und vor sich, kannst du eben so wenig als wir die Sache misbilligen; die Wahl die er getroffen hat, ist auf seiner Seite vortrefflich; aber wenn die Heirat zu stand käme, so wäre eine person unglücklich, eine person, die uns allen nicht gleichgültig ist.
Du kennest sie, sie ist meine beste und angenehmste Freundinn. Wozu dienen meine Umsch weife, unser onkel hat die Liebste, die er sich auserlesen hat, in einem seiner Briefe an dich genennet; ich habe diesen Brief gesehen. Stelle fräulein Julianen von W. einmal in Gedanken neben unsern alten onkel. Ein wohl übereinstimmendes Paar! Ein Mann, näher bei sechzig als funfzig Jahren, der kein grosses Vermögen hat, dass die Wehetage der Frau, durch künftige gute Aussichten versüssen könnte; der noch dazu vor kurzem ein halber Entusiast worden ist, und durch seine Schwärmerei vielleicht noch um sein übriges Vermögen kommt; und ein Mädchen, ein allerliebstes Mädchen von 21 Jahren, das so sittsam, so tugendhaft, so wohl gebildet ist, dass sie mit gutem Rechte eine Byron vorstellen könnte. Ich gedenke mir nichts grausamers, als eine solche Heirat.
Behüte Gott! Eher hätte ich das Schlachtfeld bei Minden sehen mögen, als dass ich meine Freundinn in den Armen dieses Mannes erblicken sollte. Du wirst glauben, ich stellte die Sache auf einer gar zu schlimmen Seite vor. Wenn fräulein Julgen an einem alten mann ihr Vergnügen finden kann, denkst du; wenn sie eine Zuneigung zu ihm haben kann, warum sollte ich sie denn bedauren. Der Regen und die