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sie will wieder ausreissen. Darauf schreiet er: bin ich denn ein getalischer Löwe, oder ein grausamer Tieger, dass Sie so vor mir laufen? Sie seufzet, sie sieht ihn schmachtend an, und spielt ihre person vollkommen wohl. Dieses verstellte Wesen macht den grössten Eindruck in ihn. Er kam gestern mit einer tiefsinnigen Mine zu mir, da ich eben in Kargfeld einen Besuch abstattete, und wir hatten fol

Der Magister. Ach, gnädiges fräulein! ich muss Ihnen meine ganze Schwäche entdeckenHannchen dauert mich, – das gute Kind empfindet die Liebe; sie weiss aber nicht was ihr fehlt. Sie will wie Clementine blass werden, und sich auszehren.

Amalia. Sie sind doch ein grausamer Mensch, dass Sie mit dem guten kind so verfahren. gehen Sie, und entdecken Sie ihr dasjenige, was Sie empfinden, ehe das arme Mädchen stirbt.

Der Magister. Nein, das kann ich noch nicht. Soll der Roman nach Italienischen Gusto ausgeführet werden; so ist in einem halben Jahre, noch an keine ausdrückliche Liebeserklärung zu denken.

Amalia. Ich dächte aber, da weder die Religion noch der General im Wege ist; so könnte die Sache etwas abgekürzt werden.

Der Magister. Nein, das geht profecto nicht an. Wenn Sie aber Frau Beaumont sein, und meine Clementine ausforschen wollen; so tun Sie nur eine Gnade.

Amalia. Ich bin schon etliche mal die forschende Frau Beaumont gewesen; Hannchen aber hat nicht die aufrichtige Clementine sein, und mir das Geheimnis ihres Herzens anvertrauen wollen. So viel aber merke ich: sie ist verliebt.

Der Magister. gehen Sie nur recht auf den Grund. Sie müssen ihr Herz bis auf die ersten Bestandteile analisiren, die sich nicht weiter zergliedern lassen. Sie müssen meinen Namen nennen, und sehen, ob sie rot wird; Sie müssen meine Gelehrsamkeit, mein Ansehen in der gelehrten Welt, und die Hoffnung zu grossen Ehrenstellen rühmen, und auf alle Blicke dieses schlauen Kindes achtung geben. Sie wird sich verraten, ich gebe ihn mein Wort, sie wird sich verraten.

Amalia. Wissen Sie was, Herr Magister! da Sie die Maximen eines Spions so gut im kopf haben; so forschen Sie ihre Clementine selber aus. So viel melde ich Ihnen: dass Sie Hannchen wahrscheinlicher Weise nicht liebt, sondern einen andern.

Der Magister. Wie, sie liebt mich nicht? Beim Jupiter! das tut sie. Ich würde sonst auf Rache bedacht sein, und meinen Nebenbuhler den Halsbrechen.

Amalia. Heist das dem Grandison nachgeahmt? O wie fein haben Sie Sich gebessert!

Der Magister. Nicht doch! das war meine Meinung auch nicht. Ich will aber auf jeden Liebhaber meiner Clementine eine Satire machen, und die Kerls so ärgern, dass sie für Aergerniss sterben sollen.

Amalia. Machen Sie was Sie wollen. Ich bin eben im Begriffe, einen Besuch bei Hannchen abzustatten. Vielleicht kann ich etwas für sie tun.

Der Magister. Höchst vortrefliche fräulein, tun Sie es, ich küsse Ihnen den Rock.

Du siehst geliebter Bruder, wo es dem alten Magister fehlt. Er schickt sich gut zum ganzen Lustspiele. Ich will nur gerne sehen, wie er sich anstellt, wenn die Sache mit Hannchen offenbar wird. Lebe wohl

Amalia von S.

XXVIII. Brief.

Jungfer Hannchen an fräulein Amalia v.S.

Kargfeld den 3. Sept.

Gnädiges fräulein,

Der Magister wird mir zuletzt unerträglich. Ich würde ihn gestern etwas empfindlicher abgeführt haben, woferne mich der Ort und sein Alter nicht davon abgehalten hätten. Verliebte Tändeleien verdienen bei jungen und feurigen Gemütern einige Nachsicht; wenn aber ein Magister von 45 Jahren dergleichen Possen treibt, denn muss man ihn für einen – – halten. Setzen Sie, mein liebes fräulein, ein bequemes Wort an die leere Stelle. Nach diesem Eingange muss ich Ihnen eine Unterredung bekannt machen, die ich auf dem saal mit ihm hielt. Ich ging, wie Sie wissen, aus der Gesellschaft, um unserer Magd etwas zu befehlen. Kaum war ich vor der Tür; so sprang der alte Lampert hinter mich her,

Magister. Warum verlassen Sie die Gesellschaft, mein schönes Hannchen, man spührt es gleich, wenn eine angenehme person fehlt.

Ich. Sie täten also besser, wenn Sie dabei blieben: sonen reichlich ersetzen.

Magister. Ich will mich eben nicht für unleidlich

halten; aber das, was Sie sagen, scheint mir eine Hyperbole zu sein.

Ich. Was soll das sein, Hyperbole?

Magister. Das ist eben so viel, als ein grosses Lob,

welches wir dem andern aus heftiger Liebe geben: ja es könnte auch eine artige Schmeichelei heissen.

Ich. Eine artige Schmeichelei? das geht noch eher

an. Allein ich schmeichele keinem Menschen, und wenn es auch ein Fürst wär.

Magister. Loses Kind, wissen Sie nicht, dass Frau

enzimmer ihre Liebhaber schmeicheln? Z.E. der Chapeau sagt: meine Göttin; so spricht sie – – nein, das wäre Abgötterei: aber eine andere Caresse: er sagt: mein Lamm, und sie – – nein, das wäre mehr eine Beleidigung: Aber Engel können sie einander vice versa heissen; denn das Wort Engel ist in Deutschen generis communis. Wie Sie auch sonsten von mir in der Schule gehört haben, da ich Ihnen den Milton erklärte.

Ich. Haben Sie mir denn den Milton erklärt? Das

ist ja der englische Dichter