Wenn Sie eine Rache üben wollen, so tun Sie es an ihrem Feinde, denn Getränke, das die Flasche aufbehält, dieses verdienet ihren Unwillen.
Ich nahm die Flasche, und wollte den Brandewein zum Fenster hinaus schütten.
Der onkel. Leichtfertige Base, was wollen Sie machen, Sie werden doch nicht Gottes Gabe auf die Gasse schütten?
Amalia. Ja, das will ich. Es wird in Absicht auf den Misbrauch, der damit vergehen könnte, ein gutes Werk sein, wenn ich es wegschütte.
Der onkel. Nein, ich werde nicht zulassen, dass Sie meinetwegen sündigen. Ich will das Bisgen Couragewasser, das noch in der Flasche ist, austrinken, dieses wird meinen Mut stärken, dass ich in dem Vorsatze beharren kann, dieses schädliche Getränke auf ewig zu verschwören.
Amalia. Mein gutes Zutrauen gegen Sie wird sich wieder verliehren, wenn Sie dieses tun. Haben Sie ohne Ihren Leibtrank nicht Mut genug ihre bösen Leidenschaften zu beherrschen; so werden Sie bei demselbigen noch viel weniger im stand sein Ihr Vorhaben ins Werk zu richten.
Der onkel. Ha, ha! Bäsgen, über ihre Rockenphilosophie lache ich. Meine Ehre setze ich zum Pfande, dass ich meinem Leibtranke heute gute Nacht gebe.
Er schenkte sich in der Geschwindigkeit ein Glas nach dem andern ein, trank auf ein ewiges Lebewohl, auf Nimmerwiedersehen, auf das glückliche Halsbrechen seiner Flasche, und s.w. Da sie leer war, schien er tiefsinnig zu werden, er ging dreimal die stube auf und ab, mehr als einmal öffnete sich sein Mund zum Reden, er war aber nicht im stand ein Wort hervorzubringen. Endlich fing er plötzlich an: Nichts! Keine Einwürfe! Entferne dich auf ewig du Ungeheuer von einer leidenschaft. (Er ergriff die Flasche.) Lebe wohl du redliche Gefehrtin meiner Tage. Du mein Labsal hast mich oft ergötzet. Dein Nektar erwärmte mich, da ich über den kalten Alpen stieg, und erquickte mich, wenn mich die Sonnenhitze in Italien entkräftet hatte. Ich beweine dein Schicksal, meine beste Freundinn: aber es ist besser, dass ich dir den Hals breche, als dass du mir eine betrübte Erinnerung, oder wohl gar wiederum ein quälendes Verlangen nach den Wohltaten erregest, die ich ehedem aus dir genossen habe. O Grandison, Grandison! Wüsstest du meinen heroischen Entschluss, du würdest ihn billigen. Er riss das Fenster auf, und warf die getreue unschuldige Flasche mit dem Römer wider eine unbarmherzige Mauer, dass beide in tausend Stücke sprangen. Ich liess ihn gehen. Bis hieher ist er seinem Vorsatze getreulich nachgekommen, und hat nicht das geringste Verlangen nach seiner Panacee, wie er es nennte, merken lassen. daher trinkt er eine abscheulige Menge Tee und ein gut Glas Wein. Seine Gesundheit hat nichts gelitten. Manchmal komme ich auf die Gedanken, dass wir unserm Vetter ein rechtes Freundschaftsstückgen, durch deine Erfindungen erwiesen haben; manchmal bin ich aber auch auf uns alle böse. Du hattest einmal in einem Briefe den Tod der Frau Shirlei berichtet, unser Vetter legte deswegen tiefe Trauer an, wir trauerten nicht, und fuhren nach Kargfeld, um einen Besuch bei ihm abzulegen. Solltest du wohl glauben, dass er uns den Torweg vor der Nase zumachen liess? Wir mussten umwenden. Meine Schwester und ich verschworen es, seine Türschwelle jemals wieder zu betreten. Mein Schwager hat seinen Spass darüber. Er zog sich den andern Tag schwarz an, als wenn seine Mutter gestorben wäre, wir mussten unsres Protestirens ungeachtet mit ihm fahren. Verwünscht! Ich musste eine schwarze Florkappe überhengen; meine Schwester auch. Nic habe ich mich so sehr geschämet als damals. Das ist wohl die erste alte Frau aus einem Roman die wirklich ist betrauret worden. Unser onkel liess gar läuten; und wenn der Pfarrer wäre zu bewegen gewesen, so hätte die gute Frau eine Gedächtnisspredigt, und eine Parentation bekommen. über diesen Possen ist die Glocke in Kargfeld gesprungen, unser onkel soll eine neue giessen lassen oder die bauern wollen ihn verklagen Es gehet die Rede, der Magister hätte der Gemeinde in Kargfeld unter dem Fuss gegeben, sie sollten eine Bittschrift an den Sir Grandison aufsetzen, und um eine Collecte für die Kirche bei ihm anhalten; vielleicht ist es etwa schon geschehen. Der Pastor Wendelin hat am Sonntage vor 8 Tagen, unsern Vetter dergestalt abgekanzelt, weil es eben der Text so mit sich brachte, dass alle bauern nach dem adlichen stuhl gesehen haben. Von unsern Familien Umständen weiss ich nichts zu sagen, als dass meine Schwester immer bishero gekränkelt hat. Es kann sein, dass unser onkel in einem halben Jahre zweimal Gevatter wird. Nun habe ich mich von Neuigkeiten so ausgeleeret, dass ich nichts mehr zu sagen weiss, als eine alte Wahrheit: dass nie ihren Bruder zu lieben aufhören wird, dessen
aufrichtig ergebene Schwester
Amalia v.S.
XXVII. Brief.
(Die zwei folgenden Briefe waren in den vorigen
eingeschlossen.)
Schöntal den 6 Septembr.
Lieber Bruder,
Der Magister Sancho ist ganz unruhig. Seine Clementine will noch nicht so recht tiefsinnig werden; und er hat sich doch vorgenommen, ihr nicht eher mit seiner Gegenliebe zu hülfe zu kommen, als bis sie halb rasend ist.
Wenn er sie in den Pommeranzenwäldgen antrifft, so geht sie, um ihre Glut zu verbergen, in den Griechischen Tempel; oder deutlicher zu reden: sie springt durch die Johannisbeerbüsche in das Gartenhaus. Er verfolgt sie, und