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die Niemand sonderlich beleidiget wird; inzwischen wünschte ich doch, dass wir nicht auf Kosten des Bruders unsrer Mutter lachen dürften. Nun ist die Sache nicht mehr zu ändern, wir würden uns vergebens bemühen, ihm eine Grille, die er sich so feste in den Kopf gesetzt hat, auszureden. Manchmal kommt es mir vor, als wenn er wirklich Vorteil daraus gezogen hätte. Er flucht in der Tat nicht mehr so grimmig, wenigstens nicht mit so anstössigen Worten als ehedem.

Neulich hat er in seinem haus wiederum eine Aenderung vorgenommen; der Coffee ist daraus verbannet worden. Frühe Tee, Nachmittags Tee, auf den Abend Tee; es mag kommen wer da will, der muss Tee trinken. Warum? Sir Carl Grandison trinkt vor und Nachmittage Tee, und in Engelland ist es Mode, die Gäste mit Tee zu bedienen. Unser onkel trinkt alle Tage eine ziemliche Portion davon. Nun, denke ich, hat er sich eher für der Wassersucht, als für der Schwindsucht zu fürchten. Vor einigen Wochen, da er eben anfieng zu grandisoniren, erzählte er mir, dass er vorgestern den Anfang gemacht hätte, seine Leidenschaften zu überwältigen, dieses gab uns zu einer Unterredung von einem seltsamen Innhalte Anlass, der noch einen seltsamern Erfolg hatte. Ich schrieb sie auf, sobald ich nach haus kam, um dir solche mitzuteilen. Hier ist sie.

Der onkel. Das sollen Sie sehen, fräulein Base, dass ich alle meine Leidenschaften, noch vor Ausgang der Woche, völlig in meiner Gewalt haben will.

Amalia. Das ist ein sehr edler Entschluss, Herr Vetter, der Ihnen wirklich Ehre macht; gesetzt, dass Sie auch mit dieser Unternehmung nicht so schleunig zu Werke gehen könnten, als Sie wohl denken.

Der onkel. Nein nein, wenn ich mir etwas vornehme, so muss es durchgesetzt werden, es koste auch was es wolle. Das wäre der Teuf – –, das wäre doch viel, sage ich, wenn ein Mann der in Italien mehr als 100 Köpfe commandiret hat, seinen eigenen Schädel nicht könnte zurechte bringen!

Amalia. Erlauben Sie, Herr Vetter, ich halte es viel leichter, andrer Leute Köpfe zu commandiren, als seinen eigenen.

Der onkel. Was der Donnerstag und das Wetterglas wäre es denn auch für eine Kunst, wenn es keine Schwürigkeiten hätte. Ich weiss wohl, dass sich meine Leidenschaften, die Canallien, wider mich empören werden; aber der Himmel sei ihnen gnädig, wo sie sich regen. Ich habe wohl eher einen Eisenfresser von einem Kerl, der nur so aussahe, als wenn er mit meinem Commando nicht zufrieden wäre, krumm schliessen, und unter die Pritsche werfen lassen, sollte ich denn nicht meine närrischen Affecten eben sowohl bezwingen und unter die Bank stecken können?

Amalia. Ich habe das beste Zutrauen zu Ihnen; und wenn ich mir gleich nicht vorstellen kann, dass Sie so geschwinde von sich Meister werden: so hoffe ich doch, dass Sie es, in kurzer Zeit, mit Bezwingung Ihrer Leidenschaften, sehr weit bringen werden.

Der onkel. Nicht doch, nicht doch! Was ich einmal gesagt habe, dabei bleibt es. Die Hunde, die bösen Leidenschaften, müssen vor Sonnabend Abend alle dort in meiner Schwester Strickbeutel stecken. (ich lachte.) – Sie lachen? – Wollen Sie mir nicht glauben? Wohlan, Sie sollen Wunder und Zeichen sehen. Sie denken, es wäre etwas, das ich mir gar nicht abgewöhnen könnte – – Der BrandeweinNicht wahr? Sie haben Recht, es wird eine grosse Ueberwindung kosten. Das, und noch ein paar eingewurzelte Hausflüche sind noch Ueberbleibsel von dem Soldatenleben. Aber bei meiner Ehre, diesen habe ich bereits den Laufzettel gegeben, und mit jenem werde ich kurz Federlesen machen.

Ich war in der Tat sehr froh, dass er diesen Vorsatz hatte. Wenn es doch sein könnte, dachte ich. Ich muss ihn bei diesen guten Gedanken zu erhalten suchen, ich reizte seine Ehrbegierde.

Amalia. Alles will ich Ihnen gern glauben; aber dass Sie diesen heldenmütigen Entschluss glücklich ausführen sollten, das traue ich Ihnen nicht zu. Indessen ist Ihr Vorsatz, eine Gewohnheit zu unterlassen, die Ihrer Ehre oft Eintrag getan hat, so vortrefflich, dass er, wenn er auch gleich nicht zur Wirklichkeit käme, Ihre Ehre doch in meinen Augen wieder herzustellen scheinet. Ich kann nicht leugnen, Leute die dem Trunke ergeben sind, und besonders ein Getränke lieben, darinne sich nur der Pöbel übernimmt, sind mir verächtlich, sie mögen sein wer sie wollen. Sehen Sie, ich rede offenherzig, Herr Vetter; ich rede so mit Ihnen, wie ich mit dem Sir Grandison reden würde, wenn ich ihn jemals trunken gesehen hätte.

Mein onkel stieg stillschweigend auf, und ging aus den Zimmer, ich dachte er wäre böse. Kurz darauf kam er wieder mit der gewöhnlichen Flasche im linken arme, und einem Römer in der Hand. Er setzte Beides auf den Tisch.

Der onkel. Nun sollen Sie sehen, dass ich im stand bin, dasjenige auszuführen, was ich mir einmal vornehme. Hier an diesen Werkzeugen des Teufels, (er wies auf die Flasche und das Glas) will ich eine schreckliche Execution ausüben.

Er eilte damit zum Fenster, ich hielt ihn zurück. Lassen Sie Ihre Rache nicht auf die Unschuldigen fallen. Was hat die arme Flasche getan, dass Sie so barbarisch mit ihr umgehen wollen?