ihren Herzen einprägte. Wenn ich meinen Autor hinlegte, befand sich alles in einer entzückten Stille, bis wir unsere Geister wiederum gesammlet hatten: als denn wurde das vorgelesene Pensum nach den Regeln des Geschmacks beurteilet. Niemand unterstund sich, ein Meisterstück des menschlichen Witzes (davor hielten wir es anfangs alle, bis ich durch Gründe überzeugt wurde, dass es eine wahre geschichte wäre) dem geringsten Tadel zu unterwerfen, und wenn ja hier und da ein Dubium oder sonst eine Anmerkung gemacht wurde, so geschahe es mehr exercendi ingenii caussa, als in der Meinung, wirkliche Fehler zu entdecken. Ich kann nicht leugnen, dass mich oft der Beifall der ganzen Gesellschaft stolz machte, wenn ich mit einer entscheidenden Mine Streitigkeiten über diese oder jene Stelle schlichtete. Nur einer der allerbösgeartesten Menschen – –. Niemals soll es mir aus den Gedanken kommen – –. Wigand, der lasterhafte Wigand, ehemals ein elender Drescher, hernach Hochadelicher Leibkutscher bei meinem Herrn Principal, durfte es wagen, mir einmal öffentlich zu widersprechen. Vergeben Sie, dass ich hier eine kleine Ausschweifung begehe, und Ihnen eine Begebenheit die zu Grandisons und meiner Ehre ausschlug, bekannt mache.
Wir waren einmal des Abends in der Beurteilung des 25sten Briefes aus dem ersten buch begriffen, da Wigand zwischen den Federfässern in der Kajüte hervor in die Versammlung drang, und einen Haufen Scheltworte über den ehrlichen Jeremias, Sir Carl Grandisons Kutscher, aussties, dass er dem Wagen des Ehr und Tugend vergessenen Hargravens ausgewichen wär. Er bestritt nach den Gesetzen der Fuhrleute, dass ein Postillion einem eigenen Kutscher eines grossen Herrn ausweichen müsste, und machte Mine, auf Sir Carln selbst loszuziehen, wegen eines unbilligen Befehls, den er seinem Kutscher sollte gegeben haben. Hier lief meinem gnädigen und von dem charakter Grandisons ganz bezauberten Herrn die Galle über; er sprang auf, und ich glaubte, er würde Wiganden den Hals brechen; allein er hies ihn nur einen Galgenschwengel, und drohte, ihn sogleich aufhängen zu lassen, wenn er Sir Carln, als die Zierde der Welt nur im geringsten wieder antasten würde. Ich aber versiegelte die ganze sehr nachdrückliche Rede meines Herrn mit den Worten: ne suror vltra crepidam, welche ich ihm in einer Uebersetzung zurufte, und den Buben endlich durch verschiedene Schlüsse zur Ruhe brachte. Ich würde Bedenken getragen haben, mich soweit zu erniedrigen, und mit diesem Unverschämten in einen Wortstreit mich einzulassen, wenn nicht mein glückliches Gedächtnis mir eben zu rechter Zeit aus dem Martial zugerufen hätte: Inter Pygmacos non puder esse breuem.
Damals fing mein Hochadelicher Herr Principal zugleich mit nur an, grosse Gedanken von der geschichte des Grandisons zu hegen, und anstatt dass sich diese bei Endigung des Buches hätten verlieren sollen, so wurden sie bei uns dergestalt erhöhet, dass wir nach einer genauen überlegung den Satz bei uns fest stelleten: es ist unmöglich, dass die geschichte Herrn Carl Grandisons eine Erdichtung sei; es ist unmöglich, dass diese geschichte aus der Erfindung eines sinnreichen Kopfes, wie eine andere Minerva aus dem Gehirn des Jupiters, entsprungen sei. Wie gesagt, diese Gedanken wurden von Tag zu Tag reifer, bis wir uns endlich stark genug fühlten, öffentlich damit hervor zu brechen. Ich tat es mit Genehmhaltung meines gnädigen Herrn. Wir waren eben insgesammt in Schöntal bei Ihrem Herrn Schwager zu gast. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer ermüdete nicht, obgleich eine Stunde verlief, ehe ich alle Gründe für die Wahrheit meines Satzes schicklich anbringen und ihnen die logikalische Stärke geben konte. Meine Augen waren nunmehr beschäfftiget, einen gerechten Beifall der hohen Versammlung abzufordern; da Ihr jüngeres fräulein Schwester mit einem leichtfertigen Gelächter, als wenn sie vergessen hätte, dass ich jemals ihr Lehrmeister gewesen wär, meine Beweise seindselig anzugreifen; ja wo es möglich wär, sie umzustürzen, sich bemühete. In kurzem hatten wir zwo Parteien an der Tafel, die mehr mit hitzigen als spitzigen Vernunftschlüssen gegen einander zu feld zogen. Da wir uns nach haus begaben, rühmte sich jedes des Sieges. Dero Herr onkel und ich wurden durch die schwachen Einwürfe der Gegenpartei in unserer Hypotese treflich gestärket. Der Streit ist noch nicht beigelegt. Seitdem ich diesen Zankapfel in Ihre Hochadeliche Familie geworfen habe, fehlt es unsern Unterredungen niemals an Materie. Vor einiger Zeit sprangen beinahe alle, bei denen im Anfang meine Gründe Eingang gefunden hatten, von mir ab, und traten auf die Seite Ihres Fräuleins Schwester. Niemand als der gnädige Herr hielt noch bei mir aus. Ich war genötiget, nach dem Beispiele des Weingottes, da er mit den Himmelsstürmern kämpfte, mich bald in einen grausamen Löwen zu verwandeln; bald eine andere Gestalt anzunehmen, um nicht von der Menge unterdrückt und zu einem schimpflichen und der Wahrheit nach teiligen Stillschweigen gebracht zu werden. Nun haben wir uns wieder einen Anhang gemacht. Hier haben Sie das Verzeichnis von den Anhängern jeder Partei. Diejenigen, welche unter mir, dem Magister Lampert Wilibald die geschichte Herrn Carl Grandisons als wahre begebenheiten annehmen und verteidigen, sind: Mein gnädiger und hoher Principal, der, wie er sagt, für die Wahrheit der guten Sache sterben will. fräulein Kunigunde, Schwester meines gnädigen Herrn. Junker Gangolph von R.., welcher bei hiesigem Förster die Jägerei lernt, seines Alters zwischen 18. und 19. Jahren. Florian, der Lustgärtner und der ehemals verkehrte, nun aber belehrte Wigand. Diejenigen, welche unter dem Hochwohlgebohrnen fräulein Amalia von S.. die geschichte Herrn Carl Grandisons, als einen Roman annehmen