meiner Juliane gehen. Dieses gute Kind erkundiget sich oft nach dir, und freut sich über alle gute Nachrichten, welche ich aus Engelland erhalte. Sie hat sich zu ihrem Vorteile verändert, und besitzt alle Vorzüge unsers Geschlechts. Schreibe' mir bald und liebe mich ferner.
Amalia v.S.
XX. Brief.
Der Magister Wilibald an den Doctor Bartlett.
Kargfeld, den 16. August.
Hochgeehrtester Herr Doctor,
Vornehmer gönner,
Wundern Sie Sich nicht, dass ein Unbekannter, aus einem entfernten land, das von den geheiligten grenzen der Britten durch einen Arm des grossen Weltmeeres abgesondert ist, sich die Erlaubnis erbittet, Ihre wichtigen Geschäfte durch ein kleines Handschreiben zu unterbrechen. Der Ruhm eines Carl Grandison und mit dem seinigen der Ihrige, hat sich eben sowohl in meinem vaterland; als in den übrigen Teilen der gesirteren Welt ausgebreitet. Das Licht, worinne ich Sie bei Durchblätterung der geschichte des grossen Mannes erblickte, hat mich, gleich einem irrenden Wandrer, auf die Spur eines glücklichen Weges geleitet, und ich werde mich bemühen ihn zu verfolgen, bis das Stundenglass meines Lebens ausgelaufen ist. Möchte ich doch so glücklich sein, ihre Freundschaft zu verdienen! Vielleicht kann ich auf solche einen eben so gerechten Anspruch maPapist, und noch dazu ein Ordensmann ist, unsere Grundsätze stimmen viel genauer mit einander, als mit den seinigen überein.
Der Posten, welcher Ihnen von dem Herrn Baronet anvertrauen ist, hat eine genaue Verwandschaft mit denn, welchen ich seit geraumer Zeit in dem haus meines gnädigen Patrons verwalte, und wie ich hoffe, noch lange verwalten werde, dass ich es nicht habe Umgang nehmen können, mit Ihnen die Maasregeln zu verabreden, wornach wir in unsern wichtigen Aemtern handeln wollen, um in allen Stücken desto einförmiger zu sein. Mein Patron hat nur insonderheit anbefohlen, Sie zu ersuchen, Ihre Geheimnisse ratione der Unterweisung der Kinder, mir mitzuteilen. Ich denke, es siehet hier kein Brod- und Handwerksneid im Wege, der Sie etwann zurück haltend gegen mich machen könnte. Wir wollen einmal die Propositionem indefinitam affirmantem: Figulus figulum odit, in propositionem particulariter negantem convertiren: Quidam figulus figulum non odit. Ich will Ihnen doch meinen modum, circa puerorum institutionem procedendi, kürzlich entwerfen. Vielleicht kommt er Ihnen etwann auf irgend eine Weise zu statten.
Ob mein gönner gleich noch unverheiratet ist; so hat es Ihm doch niemals an Kindern gefehlet, er hat deren drei von seinem Bruder, der zeitig starb, erzogen. nunmehr hat er Lust, sich selbst zu verheiraten und Kinder zu zeugen. Ich soll mich deswegen im Voraus anschicken, diese nach Sir Carls und Ihrem Geschmacke zu erziehen.
Es gehet nun in das zwanzigste Jahr, dass ich den Pulverem Scholasticum einschlucke, bei dieser langwierigen Praxi habe ich gefunden, dass es nötig ist, dass ein Docent, in Gegenwart seiner Untergebenen, eine Amtsmine annehmen müsse, die Furcht und Gehorsam zu erwecken fähig ist. Wenn ich nach der Mitologie ein Bild eines klugen Hofmeisters entwerfen sollte; so würde ich solches von dem Jupiter, Könige der Götter, entlehnen. Wie dieser oft, in düstre Wolken eingehüllt, bald mit seinen Donnerkeilen um sich wirft; bald einen gewaltigen Platzregen auf die durstige Erde fallen lässt, um sie zu Hervorbringung guter Früchte geschickt zu machen; bald durch Sturm und Wirbelwinde, die faulen und ansteckenden Dünste vertreibt: so muss auch ein weiser Mentor, bald durch den Ton seiner donnernden stimme, dem Mutwillen der Untergebenen zu steuren suchen; will dieses nicht helfen, wohlan! so bläue er ihnen den rücken, und lasse einen Platzregen seines Backels nach dem andern darauf fallen. Was gilt es, für solchen Stürmen werden Bosheit, Faulheit, Mutwille und das ganze Heer jugendlicher Torheiten zitternd fliehen, und mitin dem Fleisse nebst allen Tugenden Platz machen. Sehen Sie, Herr Doctor, das ist meine Art mit Untergebenen umzugehen. Ich kann, ohne mich zu rühmen, versichern, dass ich solchergestalt, manchen braven Mann gezogen habe, der Herr Baron von S.. ist davon ein lebendiger Zeuge. Jedoch ich merke, dass Sie auch wissen wollen, was für Lectiones ich mit meinen Discipeln tractire, ich halte mich verbunden Ihnen auch hierinne zu willfahren.
Ehe ich noch die geschichte Ihres Gönners kannte, begnügte ich mich, meinen Untergebenen das beizubringen, was andere meines gleichen der hochadlichen Jugend lehrten. Lesen und schreiben, ein Bisgen Christentum und das Einmaleins war alles, was ich docirte; so bald ich aber dieses Buch mit verstand gelesen hatte, entwarf ich ein ganz neues Informationssistem. Vor allen Dingen merkte ich mir die Stellen aus der geschichte, wo ausdrücklich einer Wissenschaft oder einer Geschicklichkeit, die der grosse Mann besitzt, gedacht wurde; hernach überlegte ich, was für Wissenschaften, mit den ausdrücklich benenneten, verwandt wären, und ohne welche jene nicht gründlich könnten erlernet werden. Durch hülfe einer gesunden Vernunftlehre brachte ich folgendes Verzeichnis zu stand. Haben Sie die Gewogenheit, Herr Doctor, es mit Fleisse durchzugehen, Anmerkungen, wo Sie es für nötig erachten, hinzuzutun, auch wo ich etwa sollte geirret haben, welches ich nicht glaube, meinen Aufsatz zu verbessern, ich bin in statu docilitatis. Verzeichnis derjenigen Wissenschaften und Geschick
lichkeiten Herrn Carl Grandison Baronets, zur
Nachahmung junger von Adel, aufgezeichnet von
einem Verehrer des grossen Mannes.
Sir Carl Grandison besitzt:
1) Eine feine Stärke in den grundsätzen der Religion, einfolglich auch in der Polemik, Kirchenhistorie, Kasuistik