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Ding! Sie macht so gar mit mir ihren Spass; aber ich kann nicht böse werden: denn sie ist ein allerliebstes fräulein; und so war sie schon ehedem, da sie noch meinen Hörsaal besuchte. Von W. ein guter Mann, und ein guter Christ. Von Sorgen wird er niemals grau werden. Er kann in unserer Grafschaft das meiste essen und trinken, und schläft so lange, bis ihn wieder hungert. Seinen Namen kann er nicht schreiben. Lady W. eine belebte und muntere Dame. Sie hat ein Maul wie ein Schwerd. Sie erzieht ihre Töchter sehr vernünftig, und ist in allen Dingen so billig und gerecht, wie ein Corpus iuris. fräulein Juliane von W. ein stilles gutes Kind: ja, ich würde sie noch mehr loben, wenn sie sich nicht zuweilen ihrer Frau Mama widersetzte. Sie ist noch jung; ein gesetzter und vernünftiger Mann kann bei ihr noch etwas ausrichten. Magister Wendelin, Pastor Loci. In seinem amt ist er ganz wohl zu gebrauchen; in schweren Wissenschaften aber gibt er mir den Vorzug. Ich habe indessen meine Ursachen, wenn ich mit ihm nicht disputire: denn Jungfer Sannchen ist seine Tochter, und meine Clementine. Ha! ha! ha! O Liebe, wie bezauberst du mich! Tange Chloen femel arrogantem! dulce ridentem Lalagen amabo, dulce loquentem. Lorenz Lobesan, ein serpentischer Schulmeister. Kein Händel ist er zwar nicht; er kann aber zehn andere Kerls überschreien. Jeremias könnte weit besser sein, wenn er meinen Lehren nachlebte, und den Kutschern in Grossbritannien nachahmte. Mein Commentarius über den Grandison wird meinem Herrn und ihm gute Dienste tun.

So würde Magister Lampert reden, wenn er eine Vorrede schreiben sollte.

Doch, nichts mehr von ihm! In der geschichte wird er eine Hauptperson spielen, und sich näher zu erkennen geben.

Wir legen der Welt kein Gedichte vor Augen; so erdichtet auch die geschichte Sir Carls ist. Die hierinne vorkommende Personen leben, und befinden sich wohl. Hat nicht Jedermann das Recht, nach seinen grundsätzen zu handeln? Meine Freunde haben zeitero die Möglichkeit, Sir Carln nachzuahmen, bestritten.

Sie haben Recht. Niemals aber wird es an Leuten mangeln, welche dem Herrn von N. und Magister Lamperten ähnlich zu werden, fähig sind. Lorenze und Wigande gibt es ohnedem in allen Städten und Dörfern.

Es werden künftig noch mehrere Personen vorkommen, die aber dem Leser zuvor sollen geschildert werden. Am Ende will ich mich mit Namen nennen. Den 9ten Septembr. 1759

I. Brief.

Der Magister Wilibald an den Baron von S.

Kargfeld, den 29. März.

Hochwohlgebohrner Herr,

Gnädiger Herr,

Die Ehre, die ich ehemals gehabt habe, Sie in allerlei guten Wissenschaften zu unterrichten; die Erlaubnis, welche Sie mir vor Ihrer Abreise gaben, oft an Sie zu schreiben, und der ausdrückliche Befehl meiner gnädigen herrschaft, einen Briefwechsel mit Ihnen zu unterhalten, berechtigen mich zur Erfüllung meines eigenen Wunsches, dem geist nach Sie auf Ihren Reisen zu begleiten: ob ich gleich körperlich von Ihnen entfernt bin. Nun sind Sie in Amsterdam, und nun werden Sie beurteilen können, in wie ferne ich Recht, oder Unrecht hatte, wenn ich diese berühmte Stadt die Königin aller Handelsstädte nennte. Den fürnehmsten teil der vereinigten Provinzen haben Sie bereits besehen, und machen Anstalt, wie Sie sagen, nach Engelland, dem vaterland tiefdenkender Gelehrten; der Heimat grosser Geister; der Quelle aller Reichtümer Europens, überzuschiffen. (Hier haben Sie in wenig ten Ihre Aufmerksamkeit verdienen muss.) Sein Sie glücklich in allen Ihren Unternehmungen! Auf Befehl meines gnädigen und hohen Patrons soll ich Ihnen von unserm motu ciuico, wie ich es nach dem Horaz nennen könnte; oder von der innerlichen Gährung, welche in unserer kleinen Republik herrschet, eine Nachricht geben. Ich will meine Erzählung von den Eiern der Leda herholen. Sie wissen noch nicht, was für ein guter Geschmack in dem haus Ihres Herrn onkel, meines hohen Patrons, sowohl in Ansehung der Wissenschaften; als aller übrigen Dinge anzutreffen ist. Die Scene hat sich seit Ihrer Abreise sehr geändert. Es wird niemand in die Gesellschaft, oder in den Dienst der herrschaft aufgenommen, der nicht ein Kenner, oder ein Verehrer davon ist. Vom Hofmeister bis auf den Koch muss man nach den Regeln des Geschmacks urteilen, oder doch darnach urteilen lernen. Wenn ich aufgeräumt bin, nenne ich deswegen den Hochadelichen Sitz eine Akademie. Vor einigen Jahren, da Sie sich schon auf dem Carolino befanden, bekam ich von der gnädigen herrschaft den Auftrag, bei den Winterlustbarkeiten, über ein, zu der Zeit mir unbekanntes Buch Vorlesungen zu halten; oder eigentlich zu reden, in der Versammlung des adelichen Hauses die geschichte Herrn Carl Grandisons, die eben damals in unserer Muttersprache zum erstenmale erschienen war, bei langen Winterabenden vorzulesen. Sie wissen, dass wohlgeschriebene Bücher jederzeit eine der angenehmsten Zeitkürzungen sowohl Ihres Herrn onkel; als auch seiner fräulein Schwester gewesen sind. Ich gehorsamste anfangs mit einigem Widerwillen. Ich wusste, wieviel meine Lunge durch das Geräusche der Spinnräder, welches meine stimme durchdringen musste, und durch den schädlichen Staub von der Hechel leiden würde: ich wüsste aber noch nicht, wie viel mein Verstand davon gewinnen würde. Kein Schlaf kam den aufmerksamen Zuhörern in die Augen; aber gnug empfindliche Tränen rollten die Wangen herab, wenn ich ihnen diese rührende geschichte las, und jedes Wort derselben durch den gemässen Accent