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ich ihm eins habe versetzen wollen: aber jetzt da er ihn nicht mehr vertritt, bin ich mehr als jemals gegen ihn aufgebracht. Einige wollen sagen, er hätte, weil er mir nichts anhaben kann, und doch gleichwohl an mir reiben will, eiserne Nägel in die Absätze schlagen lassen, und marschirte beständig über den Grabstein eines meiner Ahnen, der in der Kirche liegt, mit so nachdrücklichen Schritten hinweg, dass dadurch das Gesicht dieses meines Vorfahren, der, wie Sie wissen, in Stein ausgehauen ist, sehr wäre beschädiget worden. Ich habe, um hinter die Wahrheit zu kommen, ihm heute einen Schuh abfordern lassen, solchen in Augenschein zu nehmen: er hat mir aber diesen verweigert. Ich kann daraus nichts anders schlüssen, als dass er sich nicht sicher weiss, und das corpus delicti nicht aushändigen will, weil dadurch die Bosheit an den Tag kommen würde. Er soll mir aber den Possen nicht umsonst gespielet haben, ich will ihn verklagen und ihn so hetzen, dass er bald zu Kreuze kriechen soll. Lampert meint, er käme darüber vom Dienste und das wäre ihm auch gar recht. Lampert, der arme Teufel ist ganz melancholisch, dass ihm seine Liebste aus dem Garne gegangen ist, unterdessen will er es mit Ihrem Gerichtshalter weder auf den Hieb noch auf eine Disputation angehen, um ihm seine Beute strittig zu machen. Sein Unglück hat ihn seit etlichen Tagen so schmeidig gemacht, dass man ihn wie einen Polzen durch ein Blasrohr schiessen könnte, da er vorher in keinem Schlote Raum gehabt hätte. Wenn Sie Ihren Gerichtshalter dahin bringen könnten, dass er ihn sein Mädchen wieder abträte, so wollte ich den alten Wendelin verzeihen. Ich erwarte auf diesen Brief von Ihnen bald eine Antwort und bin

Ihr

aufrichtiger Freund

v.N.

XVI. Brief.

Der Herrn v.F. an den Herrn von N.

den 18 Dec.

Sie sind noch ziemlich ungedultig für einen Liebhaber nach der heutigen Welt. Wenn ich einige Tage ein tiefes Stillschweigen beobachtet und Ihren Auftrag, Sie bei Ihrer Liebe mit gutem Rate zu unterstützen, gleichsam vergessen habe, so dürfen Sie deswegen nicht glauben, dass ich diese Zeit über ganz und gar müssig gewesen bin: ich habe vielmehr für Sie sehr vieles getan, und will Ihnen jetzt davon Rechenschaft ablegen. Mein Stillschweigen hat keine andere Absicht gehabt, als Ihre Gedult zu prüfen, und Sie hätten nur noch einige Tage aushalten sollen, so würden Sie Ihre probe gut gemacht haben. Dem ungeachtet verdienen Sie vieles Lob, dass Sie über 14. Tage lang sich haben patientiren können, ohne einen Angriff auf Ihre Schöne zu tun, und ich werde Ihnen bald verstatten, einen neuen Versuch zu wagen. Das fest scheinet hierzu keine unrechte gelegenheit an die Hand zu geben, und ein Geschenk zum heilgen Christ dürfte Ihnen bei dem fräulein gute Dienste leisten. Ich will mich hierüber hernach weitlauftiger erklären, und mich jetzt nur wegen meines Stillschweigens rechtfertigen, auch zugleich Ihnen einige neue Anmerkungen, die ich diese Zeit über gemacht habe, mitteilen, welche Ihnen bei Ihrem Vorhaben vermutlich sehr nützlich sein werden. Um nach dem jetzigen Geschmack ein vollkommener Liebhaber zu sein, muss man im Anfang der Liebe einen Schüler des Pytagoras vorstellen, dieser Weltweise liess seine Nachfolger einige Jahr lang ein tiefes Stillschweigen beobachten, sie mussten ihren Lehrmeister nur bewundern, und das glauben, was er sagte, ohne ihm zu widersprechen. Heutiges Tages machen es die Anbeter einer Schönen eben so, sie reden, wenn ihr Herz schon in der vollen Flamme stehet, noch nicht ein Wort von der Liebe, oder tun dieses doch weder mündlich noch schriftlich, sondern bedienen sich bloss der Sprache der Augen, die ziemlich zweideutig ist, und so vielerlei Auslegungen verstattet, als die gesetz des Justinians. Dieses Stillschweigen dauret so lange, bis sie der Gunst ihrer Gebieterin ganz gewiss versichert sind, alsdenn erklären sie sich etwas deutlicher, sie bedienen sich einer Sprache, die nicht aus Worten bestehet, die aber gleichwohl die deutlichste, nachdrücklichste und beliebteste Sprache ist, die gefunden wird, das sind die Geschenke. Ist die Schöne geneigt, den Antrag ihres Verehrers anzuhören, so nimmt sie solche an, sie macht ihm auch wohl ein Gegenkompliment mit einem kleinen Geschenke, zum Exempel für einen Diamantschmuck schenkt sie einen Blumenstrauss, der an ihren Busen halb verwelkt ist, für eine andere Galanterie, als Ohrengehänge, Dosen, Sonnenfächer, Lavendelfläschgen und dergl. gibt sie zur Wiedervergeltung ein Bandschleifgen, ein Schminkpflästergen, oder eine andre Kleinigkeit, die aber doch jederzeit von dem Liebhaber höher als alle Schätze des Kaisers von Abyssinien müssen geschätzet werden. Nachdem man diese Sprache genug gebrauchet hat, so bedienet man sich erstlich der Zunge oder der Feder, man wiederholt das, was man schon zehnmal gesagt hat, und man erhält die Antwort, die man auch bereits schon einige mal erhalten hat. Sie stehen, wo ich mich nicht irre, noch in dem ersten Grade der Liebe, und ich halte noch nicht für ratsam, dass Sie Ihr Wort, das Sie schon einigemal zur Unzeit mündlich angebracht haben, so frühzeitig auf diese Art erneuern, sie würden sich davon nicht die geringste gute Folge zu versprechen haben. Ich erlaube Ihnen unterdessen, da Sie mit dem mund noch eine Zeitlang das genaueste Stillschweigen beobachten, der Sprache der Augen sich mit Vorteil zu bedienen, und wenn dem fräulein nicht gefällt, auf diese Art sich mit Ihnen zu besprechen, die Beredsamkeit der