erwarten. Sokrates, einer der vortrefflichsten Weltweisen aus dem Altertume, hatte eine solche Ehetirannin, die ihr Andenken durch ihre Bosheiten gegen ihren Herrn bis auf unsre zeiten erhalten hat. Da sie einsmals diesen Weltweisen durch eine Ladung von Schmähreden zwang, sein Haus zu verlassen, und ihm noch dazu ein Geschirr voll unreines wasser über den Hals goss, liess dieser Weltweise hierüber keine andere Empfindlichkeit spühren, als dass er zu seinen Freunden sagte: ich dachte wohl, dass auf dieses Ungewitter ein Platzregen folgen würde. Sehen Sie, schönes Hannchen, das ist ein kurzer Abriss aller Gattungen der Gelehrten und ihres Betragens gegen die Schönen. Ich bin versichert, dass Sie aus allen vier Facultäten Anbeter haben: denn der Medikus, welcher ihren Herrn Vater dann und wann in der Kur hat, tut noch allen Gründen der Wahrscheinlichkeit nicht so oft einen Weg von drei Meilen, seinem Patienten, sondern vielmehr Ihnen einen Besuch abzustatten. Ich bin aber versichert, dass weder die Profession eines Rechtsgelehrten noch eines Arztes Ihnen gefallen kann, die beiden andern Facultäten gefallen Ihnen ohne Zweifel besser. Da ich nun zu beiden gehöre, so hoffe ich nicht, dass Sie, an einen Mann der zu einer andern Facultät gehöret, Ihr Herz, das ohnedem nicht mehr Ihr Eigentum ist verschenken werden. Indessen hat mir, ob ich Ihnen gleich alles Gute zutraue, eine kleine Kaltsinnigkeit, die Sie seit einiger Zeit gegen mich haben spühren lassen, einige Unruhe verursachet. Wenn Ihre Absicht dabei gewesen ist meine Liebe nur destomehr anzufeuern, so will ich Ihnen gestehen, dass Sie diese vollkommen erreicht haben, ich verehre Sie jetzt mehr als jemals, es ist also Zeit, dass Sie meine Marter endigen. Das Nadelbüchsgen, das ich Ihnen vor einiger Zeit verehret habe, rufet Ihnen durch seine Devise, so oft Sie solches in Ihre schönen hände nehmen, in meinem Namen zu
Finissez mon martyre,
Vous voyez que j'expire!
Jedoch vielleicht hat Ihnen auch der Gehorsam gegen Ihren Herrn Vater, der einige Zeit daher nicht mit mir zufrieden scheinet, diese kleine Vorstellung, worüber ich mich so sehr beklage, abgenötiget. Wollte der Himmel, dass ich Ihre kaltsinnige Mine für einen Beweis annehmen dürfte, dass Ihr Herz desto feuriger liebt! Ich sehe den zureichenden Grund Ihres Betragens nicht vollkommen ein, und daher laufe ich immer Gefahr, falsche Schlüsse zu machen und mich in meinem Urteilen zu hintergehen. Um diesem Uebel vorzubeugen, beschwöre ich Sie bei der Hochachtung, die ich Ihnen gewidmet habe, mir insgeheim in dieser Sache einige Erläuterungen zu geben, ich hoffe dadurch vollkommen wieder beruhiget zu werden. Kann ich Ihre holden Blicke verdienen, wenn ich mich bei Ihren Herrn Vater wieder in Gunst setze: so gebe ich Ihnen die Versicherung, dass ich meine schönsten Anschläge daran spendiren und eher die Ehre verliehren will eine gelehrte Gesellschaft gestiftet zu haben, als mich der Gefahr bloss zu stellen, Ihre Gunst einzubüssen. In der Erwartung einer günstigen Antwort, verharre ich in der unveränderlichen Hochachtung Ihrer schönen person
Dero
getreuester Verehrer
M.L.W.
XXII. Brief.
Lampert Wilibald an den Herrn v.F.
den 14 Dec.
Die Neigung zur Billigkeit und Gerechtigkeit ist in Dero Hochadlichem haus eine so bekannte Tugend, dass auch Ihre vortrefflichen Ahnen davon verschiedene Zunahmen erhalten haben. Einer Ihrer löblichen Vorfahren hiess Justus v.F. oder der Gerechte, ein anderer nennt sich in einem Vertrage, den er mit den Vorfahren meines Patrons errichtet hat, Aeques, welches ohne Zweifel Aequs, oder der Billige, heissen soll, und keinesweges, wie einige glauben, eine fehlerhafte Schreibart des Wortes Eques sein mag, wodurch man diesen Herrn einer groben Unwissenheit beschuldigen würde. Sie haben sich auch jederzeit, beflissen, die Gerechtigkeit in den Ihrer Gerichtsbarkeit unterworfenen Orten aufs genaueste und sorgfältigste auszuüben, und dadurch bewiesen, dass Sie auf eine rühmliche Art in die Fussstapfen Ihrer vortrefflichen Anherren getreten sind. Der Geringste Ihrer Untertanen kann sich rühmen, dass ihm nie der Weg zur Gerechtigkeit versperret ist, und der angesehenste derselben darf sich nicht erkühnen, eine Ungerechtigkeit zu begehen, wenn er nicht die nachdrücklichste Ahndung davon besorgen will. Die Gewogenheit, womit Sie mich jederzeit beehret haben, lässt mich hoffen, dass ich von Ihnen eben das erwarten kann, was Sie dem geringsten Ihrer Untertanen nicht versagen, und darinne bestehet, dass man ihre Gerechtigkeit anflehen darf, wenn man von bösen Leuten angetastet wird, und schleuniger hülfe vonnöten hat.
Ich sehe mich genötiget, gegen Ihren Gerichtshalter eine gerechte Klage zu erheben, welcher kein Bedenken trägt, das an mir im Grossen selbst auszuüben, was er täglich an andern mit so vielem Eifer im Kleinen bestraft. Wenn sich jemand erkühnet, einige Rüben von dem Acker seines Nachbars sich zuzueignen, so pflegt er dieses aufs härteste zu bestrafen, wenn er aber selbst das Eigentum eines andern sich zueignet, so macht er hierüber nach seinem weitläuftigen juristischen Gewissen sich nicht den geringsten Kummer. Ew. Gnaden kann so wenig als jemanden in der hiesigen ganzen Gegend unbekannt sein, dass ich schon seit einigen Jahren ein ehrliches Absehen auf die Jungfer Tochter des Herrn Pfarr Wendelins allhier gehabt habe, sie zu ehlichen, und mich ihrem Vater als einen Substituten beifügen zu lassen. Er hat mir auch so viele gute Vertröstungen diesfalls gegeben, dass ich nicht mehr an der Erfüllung meines Wunsches zweifelte. Ich glaube nicht, dass ich tadelhaft bin, mich eher um die Quarre als um die Pfarre beworben