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seitdem er anfing bei Ihnen anzubauen, ich in Ihrem haus nicht mehr so wohl als vorher gelitten war. Ich schob dieses zwar auf das wunderliche Alter Ihres Herrn Vaters und auf seinen übertriebenen Eifer, mit welchem er die guten Anstalten, welche ich seit einiger Zeit auf dem Edelhofe gemacht habe, anzutasten pfleget, endlich, dachte ich, wird die gute Sache doch siegen und den Herrn Pastor Wendelin überzeugen, dass man ein guter ehrlicher Mann, und dabei ein starker Zelot für das Vorurteil sein kann; doch da mir gesteckt wurde, dass die Kaltsinnigkeit aus einem andern grund herrührete: so dachte ich, hier liegt die Schlange im Grase, es ist Zeit, dass ich aufwache und mein Recht behaupte. Von Ihnen, schönes Hannchen, bin ich völlig überzeugt, dass Sie mir jetzt gewogener sind, als da Sie bei mir in die Schule gingen, und dass Sie die Treue, die mir Ihre schönen Augen geschworen haben, nicht brechen, noch vielweniger als die Tochter eines Geistlichen diesen Stand so sehr verachten werden, dass Sie ihr Herz einen Mitgliede desselben entziehen und es an einen Rechtsgelehrten schenken sollten. Ich weiss aber, welchen gefährlichen Nachstellungen junge Frauenzimmer unterworfen sind, und wie leicht sie in ihren Entschliessungen können wankend gemacht werden. Erlauben Sie daher, dass ich Ihnen, da Sie doch lauter gelehrte Liebhaber haben, alle Gattungen derselben mit wenig Worten schildere, damit Sie hieraus beurteilen können, welche Partei Sie zu erwählen haben, und welcher Stand sich für Sie am besten schickt. Ich habe Ihnen mehr als einmal gesagt, da Sie noch meinem Unterrichte anvertrauet waren, dass es, nach den Sprichwort, verschiedene Arten von Krebsen gibt, und so ist es auch mit den Gelehrten, es gibt unter ihnen verschiedene Gattungen, welches Sie auch daher schlüssen können, wenn Sie nur einige Gelehrte in ihren Verrichtungen gegen einander halten. Zum Exempel, Ihr Herr Vater ist ein Gelehrter und kann keine Processe vertragen, der Gerichtshalter ist ein Gelehrter und nährt sich von Processen, kann aber nicht predigen. Ich bin ein Gelehrter und kann nur, vermöge meiner Wissenschaft, den Verstand bessern, aber nicht die Gesundheit des Körpers, der Herr Doctor aus H. kann die Gesundheit des Körpers verbessern, aber nicht den Verstand, und ist doch gleichwohl auch ein Gelehrter. Sie sollen demnach wissen, dass es viererlei Gattungen von Gelehrten gibt, die vornehmsten sind die Teologen, oder die Geistlichen, gegen diese habe ich Ihnen jederzeit Hochachtung eingepräget. Sie geben auf Akademien oben an, wie denn auch auf dem land der Pfarrer der vornehmste Mann im dorf ist, wenn kein Edelmann oder ein Amtmann daselbst wohnet. Die Geistlichen sind weise, verständige, gelehrte Männer, die sich zu der Wissenschaft schicken, der sie sich widmen. Sie tun Niemand etwas zuwider, sondern haben mit jedermann Friede und bücken sich vor dem ärmsten eben so tief als vor Reichen und Vornehmen. Gegen das Frauenzimmer sind sie selten unempfindlich, sie verehren das schöne Geschlecht vielmehr aufs äusserste. Wenn sie sich verheiraten, so haben ihre Gebieterinnen bei ihnen die beste Zeit, ob sie gleich allen Mannspersonen bei der Trauung die erlaubnis geben, über ihre Weiber zu herrschen, so begeben sie sich dieses Vorrechtes gemeiniglich freiwillig, und beobachten gegen sie einen genauen Gehorsam. Daher kommt es, dass die Weiber der Geistlichen, weil es ihnen so wohl gehet, allezeit hübsch bleiben und niemals vor der Zeit alt werden. Die Ehen der Geistlichen sind auch ordentlich sehr gesegnet und dauren gemeiniglich lange. Ueberhaupt ist es eine allgemeine Anmerkung, dass man ein Frauenzimmer, das einen Geistlichen geheiratet hat, niemals hat klagen hören. Die Rechtsgelehrten sind von ganz anderm Schlage. Anstatt dass alle übrigen Wissenschaften sich mit Aufsuchung der Wahrheit beschäftigen, so bemühen sich diese die Wahrheit zu unterdrucken, sie sind derselben so gram wie die Fischer den hellen und klaren Wassern, diese machen solche mit Fleiss trübe und jene suchen mit Fleiss die Wahrheit zu verstecken. Alle übrigen Wissenschaften beschäftigen sich ferner mit dem Besten der menschlichen Gesellschaft, um solche zu erhalten und zu befestigen; die Advocaten und Sachwalter lernen ihre Künste nur, um Zank und Streitigkeiten unter den Menschen anzuspinnen, oder die entstandenen Irrungen zu vermehren und zu vergrössern. Wenn die Menschen es mit einander abredeten, nur ein einziges Jahr in Ruh und Friede zu leben, so würde die ganze juristische Facultät noch vor Ablauf desselbigen durch den Hunger erloschen sein, und man würde auf den Gassen nicht mehr mir so grosser Behutsamkeit gehen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, an einen Advocaten, Gerichtshalter, Sachwalter und dergleichen schädliche Leute anzustossen. Ein Process würde alsdenn nicht länger als eine Stunde dauren, da ihn jetzt die Rechtsgelehrten viele Jahre gangbar zu erhalten wissen. Weil diesen Leuten die Wahrheit so verhasst ist, so darf man sich nicht wundern, wenn sie solche meiden und sich wohl hüten ein wahres Wort aus ihrem mund gehen zu lassen, das nicht mit Unwahrheit wohl durchwürzt ist. Durch die lange Uebung werden sie wahrhafte Sceptici, die da zweifeln, ob etwas wahres in der Welt anzutreffen ist. Man kann ihren Worten folglich nicht trauen, sie sind wie der Alte in der Fabel, der in seine Hand blies, um sie zu erwärmen, und eben das tat, um seine Suppe kalt zu machen, sie verteidigen mit eben dem mund heute eine Sache, die sie morgen aus allen Kräften bestreiten, was morgen Recht ist, muss heute Unrecht sein, und was heute