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Meine Tochter ist nicht für Sie und Sie nicht für meine Tochter, ich wiederhole dieses nochmals. Mit dieser Antwort beruhigen Sie Sich, ohne weiter in mich zu dringen, ich sage es Ihnen zum Voraus, dass alle Ihre weitern Bemühungen werden, fruchtloss sein. Gedenken Sie indessen eine Anforderung an mich zu haben, die gerecht und billig ist, so kommen Sie zu mir, wir wollen unsere Rechnungen gegen einander machen und zusehen, wer dem andern herausgeben muss.

Weil ich doch einmal die Feder ergriffen habe, so will ich dieser gelegenheit mich bedienen, Ihnen im Vertrauen zu entdecken, dass Sie Sich und Ihrem Patron keine Ehre durch die Neuerungen machen, die Sie seit einiger Zeit hier angefangen haben. Sie dienen jedermann zum Gelächter, und die Leute weisen mit Fingern auf Sie. Neulich kamen ein paar Reisende zu mir, die mit Fleiss durch hiesigen Ort ihren Weg genommen hatten, um, wie sie sagten, den seltsamen Magister zu sehen, der sich durch allerlei lächerliche Possen so hervor täte, dass man von ihm in der ganzen Gegend spräche. Ein guter Freund von mir, der sich auf der Akademie aufhält, wo sie promoviret haben, berichtete mir neulich, dass die philosophische Facultät Ihnen den Gradum nebst dem Magisterringe, den Sie mit so vielen Stolze am Finger führen, wieder abzufordern im Begriff wäre. Ich kann Ihnen nicht verhalten, dass Sie diese Beschimpfung wohl verdienten. Gewissenswegen rufe ich Ihnen zu: Lassen Sie ab von den Neuerungen, die nur Schaden anrichten und unsere Gemeinde verwirren. Sie haben bisher viel böse Taten ausgeführt: unsern Kirchturm haben Sie um eine Glocke gebracht; den Schulmeister bei Ihrem Patron so eingeschwärzt, dass der arme Mann bald einmal Prügel bekommen hätte, welches er mir mit Tränen geklagt. Der Gemeinde haben Sie viele neue Fröhnen aufgebürdet, der Bader hat Ihretwegen ins Loch kriechen sollen, jetzt martern Sie die armen Schuldiener in der Nachbarschaft, dass sie wöchentlich einen beschwerlichen Weg tun müssen, dabei bilden Sie ihnen wunderliche Dinge und einen seltsamen Stolz ein, dass sie sich gegen ihre Pfarrherren auflehnen und nicht mehr Gehorsam leisten wollen. Mit einem Worte, Sie fangen so viel Unheil an, und ich muss täglich so viel Klagen über Sie hören, dass, wenn dem Unwesen nicht bald gesteuret wird, der gänzliche Ruin unsrer Gemeinde dadurch zu befürchten stehet. Ich will zwar von Ihnen nach der christlichen Liebe das beste hoffen, und zweifle noch nicht an Ihrer Besserung; aber ich kann nicht umhin, Ihnen die Gedanken zu eröffnen, worinne ich stehe, dass Sie vielleicht gar unter dem Scheine, einige unwissende Leute gelehrt zu machen, eine alte Ketzerei, wovon Sie, wie es scheinet, vollstecken, unter diesen einfältigen Leuten aufwärmen wollen. Ich warne Sie als ein guter Freund, von diesem bösen Vorhaben abzustehen, oder ich kann Ihnen nicht gut dafür sein, dass Sie sich durch solche gefährliche und weitaussehende Dinge viel Verdruss und Unheil zuziehen werden. Der ich übrigens, wenn Sie angeloben, sich zu bessern, verharre

Ihr

aufrichtiger Freund

W e n d e l i n P.L.

XXI. Brief.

L. Wilibald an Jungfer Hannchen.

den 10 Dec.

Meine Schöne,

Ob ich gleich noch nicht so glücklich bin, Sie zu besitzen, so nenne ich Sie doch, in guter Hoffnung, die meinige. Ich zweifle nicht, dass Sie für Ihren demütigen Verehrer noch immer die Gewogenheit haben, die Sie jederzeit gegen mich haben spüren lassen, wenn gleich ein grausames Schicksal, welches mich verfolgt, Sie mir zu entziehen drohet. Ich habe es Ihnen mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass ich Sie allen möglichen und allen wirklichen Frauenzimmern auf der ganzen Welt vorziehe, und ob Sie gleich, nach Ihrer Schamhaftigkeit sich immer gestellet haben, als wenn Sie meine Sprache nicht verstünden: so bin ich doch jederzeit scharfsinnig gnug gewesen, einzusehen, dass Ihre liebenswürdige Unwissenheit, die Sie annahmen, nichts anders als eine Verstellung war. Wäre ich Ihnen missfällig gewesen, so hätten Sie gewiss nicht Stand gehalten, wenn ich Ihnen unter dieser oder jener Einkleidung meine Neigung zu versteters als Ihr eigenes, gab mir zu verstehen, dass ich solches zu meinem Vorteil auszulegen hätte, ich habe dieses nach den Regeln einer gesunden Erklärungskunst getan, und habe mich nicht getäuschet. Ich erwarte nur einen günstigen podagrischen Anfall Ihres Herrn Vaters, der ihn, nach meiner Vermutung, zu der Entschliessung bringen würde, mich zu seinen Substituten und zu Ihrem ehelichen Gehülfen anzunehmen; allein da dieser gewünschte Zufall sich nicht nach Wunsche hat ereignen wollen, so scheint mein Unstern das Glück, welches ich in kurzer Zeit zu besitzen hoffte, mir aus den Händen winden zu wollen. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass der Hochadliche Gerichtshalter zu Schöntal, nicht nur lange ein Auge auf Sie gehabt, sondern auch dieses ohnlängst Ihrem Herrn Vater zu verstehen gegeben hat. Im Anfang, da mir diese Nachricht zu Ohren kam, lachte ich nur darüber, ich sagte bei mir selbsten: von diesem habe ich nichts zu fürchten, Herr Wendelin ist ein verständiger Mann, und Jungfer Hannchen so klug als schöne, der gute Advocate wird alle seine Fechterstreiche vergebens anwenden, und als ein Jurist mir, der ich zur teologischen Facultät gehöre, den Vorzug lassen müssen. Diese Monade von einem Rechtsgelehrten schien mir zu klein, dass ich mir seinetwegen den geringsten sorgsamen Gedanken hätte sollen einfallen lassen. Aber wider mein Vermuten wurde ich gewahr, dass,