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in solchen Ehren, dass sie keinem andern Behältniss als dieser ihr altes Geld anvertrauen wollte, und in der Erbschaft ist darüber ein solcher Streit entstanden, dass der Process viele Jahre gedauert hat, nachdem aber Richter und Advocaten sich in das alte Geld, das in solcher gewesen, ganz friedlich geteilet, ist die leere Patrontasche bei der Familie geblieben, wie denn solche noch bei mir als eine Seltenheit zu sehen ist. Das Alter ist klüger als die Jugend, es ist ehrwürdiger, ja es ist überhaupt vollkommener, als das, was noch jung ist, oder doch noch nicht lange gedauret hat, aus dieser Ursache muss es also billig höher geschätzt werden, als die Jugend. Man siehet unter andern dieses auch an dem alten Gelde, solches stehet in viel grösserm Wert als das neue; der alte Wein wird jederzeit dem jungen vorgezogen; die alte Liebe rostet nicht, nach dem bekannten Sprichworte, das ist, sie verlöscht niemals ganz und gar, sondern glimmet immer fort wie das Feuer unter der Asche. Weil nun das Alter so ehrwürdig ist, so darf es niemanden verdacht werden, wenn man diejenigen Dinge, welche alt sind, und von unsern Vorfahren herstammen, besonders hochschätzt, sie oft betrachtet, und ihr Andenken zu erhalten suchet. Da nun das hochadliche Gerichtsdorf Dürrenstein, einen besonderen reichen Schatz von alten Ueberbleibseln und merkwürdigen Dingen aufzuweisen hat: so habe ich mir keine Mühe verdrüssen lassen, von allen diesen Dingen genaue Erkundigung einzuziehen, um mich um diesen Ort, wo ich gebohren bin, und woselbst meine Vorfahren, seit der allgemeinen Völkerwanderung, gewohnet haben, einiger massen verdient zu machen. Billig sollte ich meine Untersuchung von der Kirche anfangen, da aber diese bei Menschengedenken, durch eine Feuersbrunst ist verzehret worden, und noch bis jetzt keine neue hat können erbauet werden, so ist von derselben nichts merkwürdiges übrig geblieben, das unter die Antiquitäten könnte gezählet werden, als das Kirchenbuch, welches, dem äusserlichen Ansehen nach, sehr alt ist, doch lässt sich das Jahr, in welchem solches in die Kirche ist gebracht worden, nicht bestimmen, denn die ersten Blätter sind herausgerissen, und die darauf folgenden sind, weil meine Vorfahren die Herren Schulmeister, vermutlich oft zum Zeitvertreibe darinne studiret haben, dergestalt makuliret, dass man nur mit grosser Mühe ein und das andere Wort noch lesen kann. Uebrigens siehet man daraus, dass Kargfeld schon ehemals gelehrte Schulmeister gehabt; denn einer, der ungefehr vor hundert und mehr Jahren mag gelebt haben, hat alles, was sich in dem dorf merkwürdiges begeben, nicht nur fleissig eingetragen, sondern auch gelehrte Anmerkungen, Randglösslein und Verse hinzugesetzt, wie aus folgenden Beispiel zu ersehen. Den 20. Nov. das Jahr ist nicht hinzugefügt, wurde der grobe Flegel, Steffen der Schmidt, mit einer Leichenpredigt beerdiget. Hierbei sind folgende Verse am rand zu lesen:

Hier liegt der Schmidt zu meiner Freud,

In dieser kleinen Grube.

Macht mir so manches Herzeleid,

Der arge böse Bube.

Tät einst mit einem eisern Stab

Viel Streiche auf mich führen.

Nun da er lieget in den Grab

Kann er kein Glied mehr rühren.

Ein anders. Den 12 August liess Hanns Höniger, sonst vermutlich Waldesel genannt, sein Söhnlein Hännsgen taufen, hatte ein loses Maul, dass ich dem grossen Herrn die Kirche nicht gleich eröffnet, wie er es haben wollen. Am rand ist folgendes Glösslein zu lesen. Damit nicht jemand denkt, ich hätte diesem mann obigen Namen aus Feindschaft aufgebürdet, so will ich beweisen, dass seine Vorfahren so geheissen haben. Sein Vater ist Torschreiber gewesen, sein Grossvater ein advokat, sein Urgrossvater ein Arzt, er stammt also aus einer gelehrten Familie. Da es nun sonst gebräuchlich gewesen, dass diese sich lateinische Namen gegeben, so haben es die Vorfahren dieses Mannes vermutlich auch so gemacht, sie hiessen Waldesel und nennten sich lateinisch Onager, welches in der geschwinden Aussprache onger gleichsam oniger geklungen hat, hierzu ist mit der Zeit noch ein H gesetzt, und das o Wohlklangshalber, in ö verwandelt worden, da habt ihr Höniger aus Onager ohne Schwürigkeit. Ich wende mich von diesem buch zur Schulwohnung, welche nicht mit abgebrannt, und das älteste Haus im dorf ist, so voller Antiquitäten steckt dass das ganze Gebäude als ein Ueberbleibsel aus dem Altertum angesehen werden kann, besonders da seit Menschengedenken nichts daran ist gebauet und gebessert worden, dass zu besorgen ist, es werde einmal unversehens über Haufen fallen, und die Hoffnungsvolle liebe Schuljugend, nebst allen übrigen Menschen und Vieh, so darinne sind, lebendig begraben. In diesem Schulhause ist noch bei Lebzeiten meines Vaters eine gebrochene Tür gewesen, welche die Eigenschaft an sich gehabt, dass sich an solcher eine Art von Gespenstern frühe am Neujahrstage, wenn zum erstenmal in die Kirche geläutet worden, in Gestalt der Personen, welche das Jahr über gestorben sind, haben blicken lassen, welche über die untere Hälfte der Tür hinein in das Haus gesehen haben, und alsbald darauf verschwunden sind. Hieraus haben die Schulmeister sogleich, einen Ueberschlag machen können, ob das Jahr fett oder mager an Accidenzien sein werde. Doch seitdem diese Tür Anno Neune durch einen gewaltigen Sturmwind eingeworfen worden, und eine neue an deren Stelle kommen ist, will sich heute zu Tage Niemand mehr daran sehen lassen. An dem alten Kirchturm soll ein Schallloch gewesen sein, wo man, wenn man den Kopf hindurch gesteckt, alles hören können, was im ganzen dorf ist gesprochen worden