Bette gehen wollte. Ein loser Vogel hätte ihm aber einmal, da er von seiner Kunst ganz bezaubert gewesen, die Kleider versteckt, dass er im kalten Winter halb nackend hätte nach haus gehen müssen, und über diesen Spass seine künstlichen Finger erfrohren hätte. Einmal da sich ein Virtuos in hiesiger Gegend einfand, habe ich es mit meinen Augen gesehen, dass er seine Perucke an die Erde warf, die Halskrause abriss, den Rock auszog und die Weste aufknöpfte, wenn er ein Stück spielte, das sich besonders ausnehmen sollte. Hierauf ging er in stube auf und nieder, trat seine Perucke und Kleider mit Füssen, und konnte es durchaus nicht vertragen, wenn sie jemand aus dem Wege räumen wollte. Es ist gewiss, dass jedermann, der kein Virtuos ist, für unsinnig würde gehalten werden, wenn er solche Virtuosenstreiche machen wollte, ohne einer zu sein, aber bei diesen gehört es mit zu ihrem Wesen, dass sie dann und wann etwas seltsames von sich blicken lassen, und man muss es mehr unter ihre Tugenden als Fehler rechnen, grosse und berühmte Leute dürfen sich auch immer etwas mehr herausnehmen als andere, und ihre Fehler sind wie die Narben, die manche Gesichter mehr verschönern als verstellen. Unsre zeiten sind nicht arm an Virtuosen, und unser Vaterland hat davon auch eine grosse Anzahl aufzuweisen. Viele davon kenne ich von person, viele dem Namen nach, einige aus ihren Werken, einige sind mir auch ganz und gar unbekannt. Wenn sie freilich alle mit einem Stempel gezeichnet wären, wie die Geleitszeddel, so würde man es jedem ansehen, wer ein Virtuose ist, oder dafür will gehalten sein. Ich könnte viele mit Namen nennen und sie dadurch in hiesiger Gegend bekannt machen, doch weil ich sie nicht alle kenne, so will ich, damit es keinem verdrüsst, alle, ausser einem einzigen, auf den ich eine Lobrede halten soll, mit Stilleschweigen übergehen. Er heist Herr Händel, und soll, wenn anders den Zeitungen zu trauen ist, nicht mehr am Leben sein. Ich habe ihn nie mit Augen gesehen, ob ich gleich in meinem Leben viel Leute gesehen habe; aber seit einiger Zeit habe ich von ihm reden hören, er soll ein Gastmahl des grossen Alexander Magnus so künstlich in Musik gesetzt haben, dass einen alsbald zu hungern anfängt, wenn man dieses Stück spielen hört. Man erzählet überhaupt von ihm, dass er durch die Harmonie der saiten die Gemütsneigungen der Menschen dergestalt hätte unterminiren können, dass jedermann nach seiner Pfeife habe tanzen müssen, und deswegen ist es ihm auch etwas leichtes gewesen, die Gunst der grossen Herren zu erhalten. Er durfte nur das Clavier unter seine Finger und das Pedal unter seine Füsse bekommen, so konnte er mit seinen Zuhörern machen, was er wollte, spielte er ein trauriges Stück, so klang dieses erbärmlich, dass jedermann anfing zu weinen, spielte er lustiges, so hüpften seine Zuhörer wieder wie die Aelstern, wollte er haben, dass sie sich sollten bei den Köpfen kriegen, so spiele er einen Marsch, und durch eine Aria war er im stand sie wieder vollkommen zu besänftigen. Ob er ein Freund von neuen Moden gewesen, lässt sich nicht gewiss bestimmen, weil er aber am hof gelebt hat, so scheint es, dass er sich auch eben nicht ein altfränkisches Ansehen gegeben. Obgleich einige vorgeben wollen, er wäre mit dem Zipperlein behaftet gewesen: so kommt mir dieses doch ganz unglaublich vor, weil ich noch nie einen Menschen gekennet habe, der davon einigen Anstoss erlitten, wenn er das Pedal fleissig getreten hat. Dieses mag für dismal genug sein von diesem Ehrenmanne, der unter die ansehnlichen Mitglieder dieser Akademie gewiss würde sein aufgenommen worden, wenn er nicht zu frühzeitig aus der Welt hätte wandern müssen. Aus dem angeführten ist unschwer zu ermessen, dass ein Musikus nichts kleines ist, sondern dass man ihn vielmehr als ein Wunder der natur betrachten und in Ehren halten muss. Es ist zu bedauren, dass nicht alle Leute dieses erkennen, sonst würden sie nicht gegen einen Musikverständigen so stolz tun. Mancher, der nicht im stand ist einen Braten am Spiese herum zu wenden, bildet sich so viel ein, dass es Rot täte, ein Heufuder wich ihm aus, und gleichwohl nehmen sich solche Leute immer am ersten die Freiheit, Virtuosen zu beurteilen, sie auszulachen, uns über sie zu kritisiren. Es ist aber am besten getan, wenn man sich von diesen Leuten nicht anfechten lässt, und dabei denkt wie Goldschmidts Junge. Das Reden kann man den Leuten nicht verwehren, auch der geringste Holzhacker redet oftmals nach seinem Holzhackerverstande, von den wichtigsten Staatsaffairen, dem ungeachtet verliehren diese dadurch nichts von ihrer Wichtigkeit.
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Die Altertümer in und um Dürrenstein aufgesucht
und beschrieben, von Valentin Striegeln, Schulmei
ster daselbst.
Das Alter soll man ehren, dieses ist, hochansehnliche Versammlung, wie ihnen wohl wird bekannt sein, eine alte Regel und auch eine löbliche und herrliche Gewohnheit, die aber, leider, nicht allezeit beobachtet, sondern vielmehr von der mutwilligen Jugend aus den Augen gesetzt und verachtet wird. Leute die es besser verstehen, haben diese Vorschrift beständig vor Augen, sie ehren nicht nur die Alten, sondern auch alles was alt ist, oder doch von den lieben Alten herstammt. Meine selige Grossmutter hatte noch eine Patrontasche aus dem dreissigjährigen Kriege, die ein Soldat, der bei ihr im Quartier gelegen, vergessen hatte, diese hielt sie