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der Nachdruck seiner stimme und die Gelegenheiten, bei welchen er sie vorbrachte, zu erkennen gegeben hätte, sind alle auf einen Tag abgeschaffet worden. Der Magister, ein gewaltiger Feind aller unnützen Worte, war nicht damit zufrieden, er bewies aus einem lateinischen Kochbuche, wie ich glaube, dass man die natur nicht auf einmal zwingen müsste. Der onkel blieb demohngeachtet bei feinem Vorsatze und bat Herr Lamperten, ihn freundlich zu erinnern, wenn ihm ein Wort entführe, das einem Fluche oder Schwure ähnlich sähe. Er versprach, für diese Bemühung dankbar zu sein, und dieses versprach er mit einem ihm eigenem Witze. Herr Lampert, sagte er, wenn er so ein garstiges Tier, als ein Fluch oder Schwur ist, bei mir ansichtig wird; so sei er so gut und hasche er mir, es vor dem mund weg. Er kann es in seiner Schreibtafel, oder in seinem Gedächtnisskasten verwahrlich aufbehalten; wenn wir allein sind, so soll er mir die Ungeheuer nach einander ausliefern, und für jedes einen Dreier baar Geld empfangen. Einige mal, besonders letztin, da der Hauptmann von Hagebusch in Kargfeld war, und seine Weidesprüche schwadronenweise anrücken liess, kam der onkel in die Hitze, und donnerte so gewaltig mit Flüchen und neuen Schwüren, dass der gute Lampert nicht geschwinde genug im Schreiben nachkommen konnte, und ihm manchen Dreier schenken musste. Den Magister nennt er seinen väterlichen Freund, obgleich unser onkel um ein Mandel Jahre älter ist. Jetzt muss ich abbrechen. Der Wagen ist angespannt; wir fahren hinüber zu unserm Vetter. Heute Abend wird ein Feuerwerk abgebrannt. Die Ursache davon solltest du wohl nicht erraten. Es geschiehet dem Grandison und seiner Henriette zu Ehre. Es ist heute unsers Wissens weder ihr Namenstag noch ihr Geburtstag; es ist aber gutes Wetter, und es kann doch durch ein solches Festin die Ehrfurcht, welche man hier für den Namen Grandison und Henriette hat, am besten zu Tage geleget werden.

Den 28ten. Gestern, da wir vor dem Edelhofe unsers Vetters Abends um 6 Uhr eintrafen, wurden wir von ihm im Galakleide empfangen und in den Speisesaal geführt, wo wir den Herrn v.W. seine Gemahlin und fräulein Julgen fanden. Der Pastor Wendelin, dessen Tochter Jungfer Hanngen, in die der Magister aufs äusserste verliebt ist, der junge Wendelin, ein Student, Junker Gangolph, der Förster und die Personen vom haus waren alle da. über Tische wurde beinahe von nichts als von dem Feuerwerke gesprochen, das der Magister nach morgenländischem Geschmack entworfen haben wollte. Die neidische Frau v.W. schnitt auf ihre fromme Stieftochter bei Tische immer sauere Gesichter. Sie hätte in der Tat mehr Ursache, stolz auf diese gefällige artig gehorsame Tochter, als neidisch und gebieterisch gegen sie zu sein.

Bei der zwoten Tracht holte der Magister Grandisons geschichte, unterdessen da die Bedienten abtrugen, las er einige Blätter; die Stelle handelte von dem Heiratsvergleiche des Grandisons und der Clementine. Mein onkel brachte die Gesundheit seines Helden aus. Jedermann holte sie nach, bis auf dem Pastor Wendelin.

Ich werde mich nie bereden lassen, die Gesundheit eines Mannes zu trinken, der im stand ist, seine Kinder, sein eigenes Fleisch und Blut dem Moloch auf opfern zu wollen.

Dem Magister starb der Bissen im mund. Seine Augen wurden so gross wie Brenngläser. Wie so, mein Herr Pastor, wie so?

Wie so? Was ist das für eine Frage von Ihnen, mein Herr Magister! Haben Sie uns nicht eben jetzt vorgelesen, dass der Engelländer, von dem die geschichte handelt, sich kein Bedenken machte, wegen einer Weibesperson, die er liebte, seine mit ihr zuerzielenden Töchter katolisch erziehen zu lassen? War das christlich, war das vernünftig, ich will nicht sagen väterlich? Nein, ich kann die Gesundheit eines Ketzers, eines Syncretisten unmöglich nachholen.

Was? Sir Carl ein Ketzer? – Ein Syncretist? Wo denken Sie hin, mein Herr Pastor? Sir Carl macht seiner Religion Ehre. Ich hätte Lust, ihn eine Säule der protestantischen Kirche zu nennen.

Wo nehmen Sie den Mut her, Herr Magister, einem solchen Ketzer, als dieser Engelländer ist, das Wort zureden? Ich will Ihnen nur kurz meine Meinung eröffnen, was ich von Leuten, die Ketzer verteidigen, halte. Ponamus casum: Es wollte Jemand mein Hanngen hier haben, der einer andern Religion beigetan wäre, mit der Bedingung, dass die Söhne in der Religion des Vaters und die Töchter in der Religion der Mutter erzogen würden, und wenn es ein Graf wäre, so würde ich sie ihm versagen; ja, ich würde sie einem jeden rund abschlagen, von dem ich nur argwohnete, dass ihm der geringste ketzerische Gedanke im kopf stärke. Ja ja, das würde ich gewiss tun, bei meiner Ehre. (Er sah den Magister an.)

Herr Lampert wurde feuerrot. Der onkel mochte ihm winken, ihn treten und ihm zurufen wie er wollte, er möchte doch den Grandison nicht im Stiche lassen, es half nichts. Er nahm ein Kelchglas und sagte einen seiner weisen Sprüche: Beim Schmausen darf man nicht streiten, so heist er auf deutsch. Er trank Hanngens Gesundheit. Der Streit wurde durch Aufhebung der Tafel geendiget.

Die ganze Gesellschaft begab sich in den Garten, das Feuerwerk zu sehen. zwei Adjuvanten hatten sich mit ihren Waldhörnern an den Eingang des Lustauses gestellet. In Ermangelung der Paucken schlug Junker Gangolph die