Schulmeister zu Wilmershaussen.
Hochgelahrter Hoch- und Wohlfürsichtiger,
Hoch- und Kunsterfahrner Herr Collega,
Derselbe wird im Besten vermerken, dass ich ihm mein Anliegen offenbare und mir seinen guten Rat über eine Sache ausbitte, die mich weder ruhen noch rasten lässt. Es ist ihm bewusst, dass ich in acht Tagen eine Predigt nach dem fuss halten soll, wie er und der Herr Schulmeister gestern in dem saal unsers gestrengen Junkers ablegten. Ich habe mir bisher zwar ein Gewissen gemacht, dem Herrn Pfarr ins Amt zu fallen und einen Hofprediger, auf dem schloss unsers Junkers, abzugeben; aber weil sich andere kein Gewissen daraus machen, auch überdem diese Predigten ganz anders beschaffen sind, als die man in der Kirche hält, und die Kanzel eine ganz andere Figur hat: so glaube ich, dass mir eben das erlaubt ist, was andere meines gleichen tun dürfen. Zu dem Ende habe ich mich niedergesetzt und habe hin und her gesonnen, um eine solche Predigt, wie die seinige war, ster vorgeschrieben, zu erklären. Es wird ihm, sonder Zweifel, noch erinnerlich sein, dass mir der Herr Magister gestern Abend beim Weggehen sagte, ich sollte untersuchen, ob das ut re mi fa sol la oder das c d e f g zur Benennung der Töne in der Musik bequemer sei. Ich weiss in meinem leib keinen Rat, was ich in dieser kützlichen Materie anfangen soll. Der Herr Magister ist mir sein Tage nicht recht gut gewesen, darum lässt er mich über den schwersten Text predigen. Gleichwohl will ich nicht gerne mit Schimpfe bestehen, und ein paar parfumirte Handschuhe, wie er bekommen hat, wären mir auch willkommen. Es ist aber nicht recht, dass der Herr Magister mir, als einem alten mann, so schweere Dinge aufbürdet, dass mir ganz schwindelt wird vor den Augen, und ein kalter Schweiss vor die Stirn tritt, wenn ich an diese Arbeit gedenke. Ich habe überdem noch bei meinem Alter ein gewisses Malheur an mir, dass mir oftmals die Gedanken vergehen, besonders wenn ich etwas aus dem kopf entwerfen will. Neulich hatte ich einmal vergessen, dass es Sonntag war, ungeachtet ich den Tag vorher das Kirchenstück probiret hatte, und wenn mich der Herr Pfarr nicht an das Läuten hätte erinnern lassen, denn meine Frau hatte es auch vergessen, so wäre keine Kirche gehalten worden. Einmal mochte ich in der Kirche ein Bissgen eingeschlummert sein, es war vergangenen Sommer in der Erndte, und da ich erwachte, hatte ich vergessen, dass der Herr Pfarr auf der Canzel stunde, fing daher mitten unter der Predigt mir lauter stimme an den Choral zu singen, bis ich meinen Irrtum, mit grosser Bestürzung, inne wurde, und hernach, wegen dieses Naturfehlers vieles ausstehen musste. Das passiret mir oftmals, wenn ich gar nicht mit dem kopf arbeite, geschweige wenn ich Briefe schreiben oder etwas anders aus dem kopf machen soll, wenn ich drei oder vier Zeilen zusammen gesetzt habe, so bin ich so müde, als wenn ich zur Frohne hätte dreschen müssen. Die gemeinen Leute wollen es nicht glauben, dass unser einer auch sein Pfund auf sich hat, und nicht spazieren gehet. Der Kirchvater Kleinmann war neulich bei mir, da sprachen wir eins und das andere, von ungefähr kamen wir auch auf die Schuldiener zu reden. Herr Cantor, sagte der Tölpel, er hat ja wohl seine gute Sache, wenn unser einer auf der Strasse liegen und auf der Kriegsvorspanne sich von den Soldaten muss Rippenstösse geben lassen, so sitzt er zu haus auf seinen Drehstuhle wie ein vornehmer Herr, schwatzt den Kindern was vor, und dafür muss ihn die Gemeinde ernähren. Hört, guter Freund, sagte ich, ihr redt wie ihrs versteht, wenn ihr einen Tag auf meinem stuhl sitzen und mit dem kopf arbeiten solltet, so würdet ihr anders schwatzen, Kopfarbeit ist gar eine schwere Arbeit. Unter uns, ich glaube dass ein Schulmeister ein viel schweerer Amt hat als ein Pfarrer, der predigt ein paar mal in der Woche, und damit gut. Wir müssen sechs Tage Schule halten, und den Sonntag müssen wie singen dass wir schwarz werden möchten. Ja, was das meiste, die Herren Pfarrer haben viele lateinische und gelehrte Bücher, da können sie leicht etwas daraus herschwatzen, wir haben aufs höchste den Catechismus und müssen alles aus den kopf machen, dazu kommt die Musik, das Hochzeitbitten und dergleichen, dass einem das Stückgen Brod sauer genug wird, und doch soll unser einer keine Arbeit haben. Aber dass ich wieder zur Sache komme, Herr Cantor, wo hat er doch die wunderschöne Rede hergenommen, die er gestern hielt? Er kann wohl noch gar Pfarrer werden, die vornehmen Leute hatten an ihm ihre einzige Freude, so schön hat er es gemacht. Sei er doch so gut und stecke er mir es im Vertrauen, wie er es angefangen hat, diese schöne Rede zu stand zu bringen. Es bleibet unter uns, er kann sich darauf verlassen, dass ich es keinem Menschen mehr sagen will, das geheimnis soll mit mir sterben. Wenn er etwa ein Buch hat, worinne dergleichen Reden stehen, so leihe er mir es ein paar Tage, ich will es ihm ohne Schaden wieder zustellen, und verspreche nicht mehr daraus zu nehmen, als zu einer Rede nötig ist. Will er mir aber den Liebesdienst tun, und mir die ganze Rede machen, so will ich es mit Danke erkennen