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alles im Ernste aufnahmen, fingen an grosse Gedanken von unserm onkel zu bekommen. Der Herr v.H. konnte sich nicht genug wundern, dass sein Freund noch einen Geschmack an Wissenschaften fand, die er vor zeiten aufs äusserste gehasset hatte. Er hörte die Reden mit einer Aufmerksamkeit an, die ich nie, auch selbst in der Kirche nicht an ihm bemerket habe. Die Altertümer von Dürrenstein erhielten bei ihm so vielen Beifall, dass er dadurch aufgemuntert wurde, alle Seltenheiten seines Rittersitzes der Länge nach zu erzählen. Nur das einzige war ihm rätselhaft, warum der Herr v.W. zum Präsidenten einer gelehrten Gesellschaft wäre erwählet worden, der doch seinen Namen nicht zu schreiben wüsste, da ihn aber unser onkel sagte, dass es mit einem Präsidenten einer gelehrten Akademie eben die Bewandniss hätte, wie mit einem General im Kriege, dieser könnte Vestungen einnehmen, ohne dass er wüsste, was ein Horn- oder Cronenwerk wäre, ob die Batterien oder die Laufgraben zuerst müssen angeleget werden, dieses gehörte für die Ingenieurs, so wie die Gelehrsamkeit für hie Mitglieder einer Akademie; so beruhigte er sich, ohne disfalls weiter zu streiten. Nach der Tafel wurde in dem saal, auf Anordnung des Magister Lamperts, ein kleines Gerüste erbauet, das der akademische Lehrstuhl hiess. Der Herr v.W. müsste das erste Bret, das dazu sollte gebraucht werden, entzwei sägen, und unser onkel tat den ersten Hieb mit dem Beile in ein Stück Holz woraus die Stützen dieses kleinen Gebäudes verfertiget wurden. Hierauf brachten ein paar Tischer das Werk in kurzer Zeit zu stand. Sobald der Lehrstuhl fertig war, sollte der Saal von den Spähnen wieder gesäubert werden; doch Herr Lampert untersagte dieses, und wollte durchaus haben, dass jedes von der Gesellschaft sich einen Spahn zum Andenken der feierlichen Eröffnung der Julianenakademie, auflesen und behalten sollte. Weil aber niemand nach dieser Seltenheit ein Verlangen bezeigte: so wurden sie ihm insgesammt verehret, um sie als eine Rarität aufzuheben, oder sie dem Apoll als ein Opfer anzuzünden, damit dieser den Lehrstuhl der Akademie in Schutz nähme, auf dass alle, die sich davon hören liessen, den Beifall der Zuhörer sich versprechen könnten. Eine solche Zauberei wäre sehr nötig, denn alle Mitglieder werden natürlicher Weise ihre Zuhörer niemals rühren. Nach dieser Ceremonie wurde eine andere vollbracht. Ein Cranz von Buchsbaum, in Ermangelung frischer Eichenblätter, welche im Winter nicht wohl zu haben sind, wurde in das Zimmer gebracht an welchen fräulein Julgen und ich einige Bänder knüpfen sollten, und welcher hernach über den Lehrstuhl, gerade über dem haupt der Redner, sollte aufgehangen werden. Allein ob ich gleich kein Mitglied dieser berühmten Akademie bin, so protestirte ich doch darwider aus allen Kräften. Der Kranz von Buchsbaum verbreitete eine Art von Todtengeruch in dem saal, dass mir darüber eine Ohnmacht anwandelte. Dieses bewog den Baron, meinen onkel zu bereden, diesen garstigen Kranz fortzuschaffen. Er liess sich auch mit dem Magister in einen Streit hierüber ein, und behauptete, dass der Buchsbaum heutiges Tages eben das sei, was die Myrten oder Cypressen bei den Alten gewesen, und dass man diesen also nur bei traurigen begebenheiten brauchen dürfte. Im Gegenteil verträten die Tannen oder Fichten die Stelle des Epheus der Alten, und könnten bei frohen Gelegenheiten gebraucht werden. Die Weinschenken pflegten Kränze von Tannenzweigen auszuhängen, da nun das Zeichen des Weins jederzeit das Zeichen der Fröhlichkeit gewesen wäre, auch der Wein, oder in Ermangelung desselben, die blosse Vorstellung davon den Rednern und Dichtern grosse Dienste leistete: so schlug er vor, man sollte einen Kranz von Tannenzweigen über den Rednerstuhl aufhängen. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und in kurzer Zeit sah man ein Weinzeichen, das fräulein Julgen und ich mit verschiedenen Bändern ausgeputzt hatten, an einer seidenen Schnur über dem Lehrstuhle prangen. Herr Lampert, der die Ehre haben wollte den Cranz an die Schnure zu bevestigen, hatte aber dabei das Unglück, da er wieder vom stuhl steigen wollte, dass er aus dem Gleichgewichte kam, und einen so grässlichen Fall in die stube tat, dass ich glaube, man hat die Erschütterung, die dadurch verursacht wurde, auf eine Meile weit verspühret. Man machte, wie bei merkwürdigen begebenheiten alles ominös scheinet, über diesen Zufall verschiedene Auslegungen, der Baron meinte, die Akademie würde, wenn sie auf den höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit gestiegen zu sein glaubte, plötzlich in Verfall geraten und zu Boden liegen. Andere glaubten, weil am Tage ihrer feierlichen Einweihung, die Grundsäule, worauf das ganze Gebäude ruhete, umgefallen wäre: so würde es damit keinen Bestand haben, sondern sie würde in kurzem so zerstöhret werden, dass keine Rudera mehr von einer Julianenakademie würden vorhanden sein. Herr Lampert machte, ob er gleich gewaltig hinkte, dennoch von seinem unglücklichen Falle eine vorteilhafte Auslegung für die Akademie, er sagte: weil er eben gefallen wäre, da er sich zum Besten derselben beschäftiget hätte, so liesse sich hiervon keine andere Auslegung machen als diese, dass er, wegen der Akademie, in Zunkunft vieles leiden würde. Er würde fallen unter böse Zungen: diejenigen Gelehrten welche nicht unter die Zahl der Mitglieder wären aufgenommen worden, und sich doch in der hiesigen Gegend befänden, würden ihren Gift über ihn ausschütten und eben so viele Schmähreden auf ihn erdenken als ehemals die Bücherabschreiber auf Doctor Fausten erdacht hätten, weil dieser die Buchdruckerei sollte erfunden haben. Er würde ferner fallen unter den Spott der gelehrten Zeitungeschrieben wenn sie erfahren