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celerent zu schlüssen. Man wusste zu der Zeit noch nichts von der Kunst die Haare zu kräuseln oder den Bart zu scheeren. Mit der Zärtlichkeit der Sitten entstund auch eine gewisse Zärtlichkeit in der Tracht. Man war nicht mit dem Ansehen zufrieden, das die natur den Menschen erteilet, man nahm die Kunst allentalben zu hülfe. Die natürliche erkenntnis war nicht mehr zureichend, sie musste durch die Kunst erweitert werden, und die natürlichen Sitten, worinne Einfalt und Aufrichtigkeit herrschte, bekamen durch den Anstrich der Kunst eine freiere aber gefährlichere Gestalt. Wenn die Menschen anfangen zu künsteln so künsteln sie in allem, und dieses erstreckt sich folglich auch auf die Gestalt.

Hieraus folgt, dass man von der äusserlichen Seite des Menschen richtig auf das innerliche schlüssen kann. Es fragt sich nun hierbei, ob wir unser jetziges äusserliches Ansehen oder unsere Tracht zum Muster nehmen dürfen, wenn wir die Sitten der Vorwelt beurteilen wollen? Ueberhaupt wird diese Frage verneinet, die Kleidertracht ist bei uns so vielen Veränderungen unterworfen und oft so wunderbar, dass man uns, wenn man überhaupt einen Schluss davon machen wollte, einen monat für gesittete Völker halten, und den andern für Tartarn und Kalmucken erkennen würde, und in eben diesen Fehler würden wir auch verfallen, wenn wir andere eben so beurteilen wollten. Wenn aber die Frage so bestimmt wird: ob wir in der äusserlichen Tracht nicht etwas als ein Principium cognoscendi annehmen können, den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit daraus zu beurteilen: so wird dieses allerdings von verschiedenen Gelehrten behauptet, und haben den Bart der Männer als den Erkenntnissgrund des Zustandes der Sitten und Gelehrsamkeit angenommen, weil dieser nie eine Veränderung erlitten als bis diese letztere gleichfalls eine Veränderung erlitten haben. Viele neuere Gelehrte sind der Meinung, dass ein geschornes Kinn allezeit den Wissenschaften und Sitten vorteilhaft gewesen, dass hingegen der Bart jederzeit ein zeugnis von der Barbarei der Menschen abgeleget habe, wie sie denn das Wort Barbarus von Barba herzuleiten kein Bedenken getragen haben. Da nun die Gelehrten diejenigen sind, welche in den Zustand der Sitten und der Gelehrsamkeit den grössten Einfluss haben, und man von den Veränderungen in der Mode, denen sie selbst unterworfen gewesen, auf jene am sichersten schlüssen kann: so hat man die Streitfrage aufgeworfen: ob die Welt barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Bärte getragen, und man hat dieses gemeiniglich bejahet. Ich will jetzt mit erlaubnis dieser Herren das Gegenteil dartun, und solches verneinen.

Um der guten Ordnung keinen Eintrag zu tun, wollen wir erstlich einen kurzen Auszug von den merkwürdigsten Veränderungen, der Bärte der Gelehrten von Erschaffung der Welt bis auf unsere zeiten beibringen, und mit solchen den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit vergleichen. Wir finden so wenig Ursache uns dieser Unternehmung zu schämen, dass wir keinen schicklichern Gegenstand zu dieser Einladungsschrift haben antreffen können. Sollte inzwischen der Zoilus und Momus ihr ungezäumtes Maul darüber rümpfen: so wollen wir ihnen ins Ohr sagen, dass ein Gelehrter sogar einen Tractat von den Schuhen der Alten geschrieben hat, welche doch vermutlich dem Barte den Rang nicht werden streitig machen. Ja was noch mehr! Haben wir nicht einen gelehrten Vorgänger aufzuweisen, der ein eigenes Buch von dem Barte an das Licht gestellet hat?

Wir wollen die Untersuchung, ob Adam im Paradiese einen Bart getragen hat, zu einer eignen Untersuchung verspahren und nur anmerken, dass die alten Väter alle in Bärten abgemahlet werden. Es war in den alten zeiten ein grosser Schimpf, wenn ein Mann seines Bartes beraubet wurde oder wenn er gar keinen hatte, und kommt mir daher sehr glaublich vor, dass die, welchen die natur diesen Schmuck versaget, sich künstliche Bärte ansetzen liessen, und sich damit schmückten, wie wir heute zu Tage mit den Perucken zu tun pflegen. Man hielt dieses Vorrecht der Männer für dem schönen Geschlecht in solchen Ehren, dass man den Bart mit Salben bestrich, oder wenn er im Alter grau wurde, solchen färbte. Die alten Philosophen suchten sich dadurch in besonderes Ansehen zu setzen. Wer den grössten Bart unter ihnen besass und den schlechtesten Mantel trug, bekam die meisten Zuhörer, eben so wie zu unsern zeiten die Hörsäle am meisten angefüllet sind, wo die grösste Perucke auf dem Cateder stolziret. Die alten Römer liessen den Bart stehen und eben so lange stunde auch ihre Freiheit und die guten Sitten, da jene abnahmen, fingen auch diese an in Abnahme zu kommen, bis sie endlich eben so wie der Bart plötzlich verschwanden. Der Kaiser Hadrian stellte zwar diesen Schmuck der römischen Bürger aber nicht ihre Freiheit wieder her. Die Kirchenväter trugen Bärte und dieser Schmuck wurde hernach durch viele Jahrhunderte beibehalten, bis endlich die Mode nach ihrer Caprice sie bald uns Exilium schickte, bald wieder zurück berief: sie blieben aber doch im Pessess ihrer Rechte bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, da man anfing mit grausamer Tirannei bald hier bald da etwas davon abzuzwacken, bis sie zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts ganz aus der gelehrten Republick sind verwiesen worden. Die Schweizer, die das Lob haben, dass sie nicht leicht eine neue Mode aufkommen, aber auch keine alte gern in Verfall geraten lassen, hielten ehemals ihre Bärte in solchen Ehren wie ihre Freiheit, dass auch selbst das schöne Geschlecht ganz davon eingenommen war. Lesenswürdig ist es, was ich bei einem glaubwürdigen Autor hiervon gefunden. Ein Französischer Abgesandter, der an einem Schweizer einen ausserordentlich langen Bart bemerkte, wollte ihm solchen, als eine Rarität, abkaufen, dieser aber hielt ihn für ein Gliedmass seines