ehemals da die Mode eine solche Untersuchung billigte, würde ein Gelehrter dadurch eine Professur nebst dem Titul eines Doctoris seraphici erhalten haben. Die neuesten Zeitungen melden, dass ein Student ist entleibet worden, weil er keine Harmoniam praestabilitam hat glauben wollen; der Baron von Wolf musste Landflüchtig werden, weil er sie lehrte.
Wenn die Mode im äusserlichen etwas befiehlt, so verfährt sie mit den Uebertretern ihrer gesetz nicht so gar strenge, ob es gleich nicht an Beispielen fehlet, da sie auch das rauhe herausgekehret hat; doch gemeiniglich werden sie dadurch gezüchtiget, dass man sie verlacht, oder auszischt. An und für sich selbst betrachtet, liegt zwar des heiligen römischen Reichs Wohlfahrt nicht daran, ob man zwei oder drei Zipfel in die Perucken knüpft, ob man den Hut auf dem kopf oder unter dem Arm trägt; ob man den Bart wachsen oder abnehmen lässt: allein die Mode will ihr Recht haben, und man muss es so machen, wie sie es befiehlt, wenn man nicht in Schimpf und Schande bestehen will.
Jedermann wird leicht begreifen, dass wenn die Mode, in der Art zu denken, etwas verändert, wenn sie neue Lehrsätze oder neue Rechte auf die Bahn bringt, solche Neuerungen in die Sitten der Menschen grossen Einfluss haben. Ein neuer Grundsatz, oder ein einziges Gesetz kann die Menschen wild und grausam oder auch sanft und wohlgesittet machen: die Gelehrten sind aber nicht einerlei Meinung, ob eine kleine Veränderung der Mode im äusserlichen, auch einen Einfluss auf die Sitten habe. Was liegt daran, ob das schöne Geschlecht, Sonne, Mond und Sterne im gesicht trägt, ob sich die Schönen rote, blaue oder grüne Backen machen, ob die grossen Perucken, oder die krausen Haare unsrer süssen Herren besser gefallen; ob wir allein das Recht haben, zu Pferde zu sitzen, oder ob die Schönen auch reiten dürfen: hierauf aber wird mit Recht geantwortet, dass diese Dinge keine solche Kleinigkeiten sind, als man gemeiniglich glaubt, dass man allerdings hieraus das Genie der Menschen, und folglich auch ihre Sitten, beurteilen könne; ja dass die Kleidertracht, die Sitten vielleicht eher als Lehrsätze zu reformiren, und sie sanfter oder wilder zu machen, vermögend sei.
Allein wenn auch alle Gelehrten einerlei Meinung wären, dass von dem äusserlichen in der Mode ein gewisser Schluss könnte gemacht werden: so würde aus Mangel der hierzu erforderlichen Regeln, die noch nicht gnugsam entwickelt sind, doch ein grosser Streit entstehen, ob aus dieser oder jener Gewohnheit eines Volkes, für die Sitten etwas gutes oder nachteiliges könne geschlossen werden. Eben deswegen sind die gelehrten Untersuchungen erfunden worden, die entscheiden sollen, wo bei zweifelhaften und schweren Materien, sich die meisten Gründe der Wahrscheinlichkeit hinlenken. Denn ob es mit Untersuchung der gelehrten Streitfragen eben die Bewandniss hat, als mit den unzähligen Disputationen, die jährlich auf Akademien gehalten werden, die mehr ein gelehrtes Spiegelfechten, als ein ängstlicher Kampf für die Ehre der Wahrheit genennet zu werden verdienen: so sind sie doch nicht ohne allen Nutzen; denn einmal werden diejenigen, welche solche Untersuchungen anstellen, in ihrer Meinung, sie mag nun für oder wider die Wahrheit sein, treflich bestärket, dass sie sich dasjenige, was sie auf dem gelehrten Kampfplatz oder in Schriften verteidiget haben, sich hernach nicht abstreiten lassen, und wenn sie den Kopf darüber verlieren sollten. Zum zweiten zeigen solche Schriften von dem Fleisse und der Scharfsinnigkeit ihrer Verfasser, und verschaffen ihnen oftmals kein geringes Ansehen.
Solcher Streitfragen gibt es unter den Gelehrten mehr als Sterne in der Milchstrasse befindlich sind, und die im vorhergehenden Satz angeführte Bewegungsgründe haben uns gleichfalls angetrieben, nur die wichtigsten zu untersuchen. Es ist bekannt, und zum teil schon oben angeführet, dass die Mode nicht nur mit den Lehrsätzen der Gelehrten, sondern auch mit dem äusserlichen Ansehen derselben, oft wunderlich gespielet hat, besonders hat sie sich belustiget, das Haupt dieser ehrwürdigen Leute, worinne sie den köstlichen Schatz der Gelehrsamkeit bewahren, bald auf diese bald auf jene Art zu schmücken, dass es auch einem Proteus schwer fallen sollte, diese verschiedenen Gestalten alle nachzumachen. Jedes Jahrhundert hat die Gelehrten in einer andern, ja wohl gar in verschiedenen Gestalten gesehen. Einmal sind sie in langen Bärten und herabhangenden, ungekämmten Haaren erschienen, ein ander mal sind beide abgestutzt worden, wieder zu einer andern Zeit hat man Scheitel und Kinn beschoren. Bald haben sie durch Zipfelperucken und Schnurrbärte sich ein Ansehen gegeben; bald hat sie ein kleines Zwickbärtgen geschmückt; ein andermal haben sie den Bart abnehmen lassen und das Haar gekräuselt, und hernach das Haupt sich bescheeren lassen und den Bart in Locken gelegt. Es fehlet so viel, dass aus diesen Veränderungen nicht sollte ein sicherer Schluss auf die Beschaffenheit der Gelehrsamkeit und der Sitten gemacht werden können, dass solche vielmehr hierzu die vollkommenste Anleitung geben.
Wir finden verschiedene Epochen, seitdem die Welt bevölkert ist, in welchen die Menschen gesitteter als zu andern zeiten gewesen sind, und wir finden auch im Gegenteil verschiedene schlimme Zeitläufte, in welchen die Welt in ihre vorige Barberei zurückgefallen ist. Viele Gelehrte sind der Meinung, die guten Sitten und die Gelehrsamkeit hätten allezeit ihr Haupt empor gehoben gehabt, wenn das äusserliche Ansehen der Menschen sanfter und zärtlicher gewesen; sie wären aber aus der menschlichen Gesellschaft verdrungen gewesen, wenn man sich ein wildes und furchtbares Ansehen gegeben. Da sich noch die Menschen in Tierhäute kleideten und in Wäldern und Hölen wohnten, waren die Gelehrten nicht gewohnt in barbara und