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er glauben, dem Herrn Pfarr ist solche nicht erteilet worden, und wenn er es genau suchen wollte, so müsste ihn dieser, ausser auf den Amtwegen, zur rechten Hand gehen lassen, künftige Mittwoche kann er sich in seinem schwarzen Mantel hier einfinden. Es versteht sich von selbst, dass er sich so schön anputzen muss als wenn er zur Hochzeit bitten wollte. Damit ihm auch sogleich, beim Eintritt in die Akademie, eine Ehre widerfähret, so habe ich den Auftrag, ihm hierdurch anzukündigen, dass er auf diesen Tag eine Vorlesung halten soll, und zwar, weil man sich wegen seines gelehrten Namens viel von ihm verspricht, so wird ihm aufgegeben, eine Lobrede auf den selgen Herrn Händel, königlich-grossbrittannischen Hof- und Leibmusikus, welcher vor einiger Zeit ad Patres gegangen ist, zu halten, worinne er zugleich erweisen kann, dass die natur, und nicht die Kunst, einen Virtuosen bildet. Er wird sich hoffentlich befleissigen, diese Rede so auszuarbeiten, dass sie allenfalls dein Drucke übergeben werden kann. Eine weitere Nachricht, besonders von den auszuteilenden Prämien bin ich mündlich zu erteilen so bereit als willig. Lebe er wohl.

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Zu der Eröffnung

Der auf dem hochadlichen Rittersitze zu N. hall errichteten Julianenakademie, ladet alle vortrefliche Mitglieder, Beförderer und Liebhaber der Wissenschaften hierdurch geziemend ein; und handelt beiläufig von der Tirannei der Mode, untersucht und beantwortet auch zugleich hierbei die Frage: Ob die Welt allezeit barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Bärte getragen haben

M.L.W.

Wer da läugnen wollte, dass die Mode nicht einer grausamen Sirene ähnlich sei, welche durch ihre äusserliche Gestalt die Menschen an sich lockt, und gleich einem Ungeheuer, wenn sie sich hinzunahen, um es genau zu betrachten, sie verschlingt: der würde dadurch zu erkennen geben, dass er unter die A b c schützen aller menschlichen erkenntnis gehöre. Es ist eine bekannte und von allen Vernünftigen erkannte Wahrheit, dass die Mode es eben so zu machen pflegt, wie die Tirannen der griechischen und römischen Republiken. Diese schmeichelten sich erst bei dem volk durch allerlei glatte Worte und Versprechungen ein, und wenn sie die herrschaft erhielten, als denn war es um die Freiheit getan. Eben die Bewandniss hat es mit der Mode, wenn sie durch ihr gefälliges Ansehen die Menschen bezaubert hat: so herrscht sie despotisch und gebietet über den Verstand und Willen. Alles muss sich ihr unterwerfen, und selbst die Beherrscher der Völker dürfen es nicht wagen sie ungestraft zu beleidigen. Ja, da sie über den Verstand zu herrschen sich unterwindet: Was Wunder! dass sich auch die Sitten ihr unterwerfen müssen, dergestalt, dass sie solche nach ihrer Fantasie bald sanfter bald wilder macht, und ihnen mir einer der Zauberkraft der Circe ähnlichen Macht, bald diese bald jene Gestalt zu geben weiss.

Die gelehrte Republick, die durchaus keinen Oberherrn vertragen kann, muss gleichwohl die gesetz derselben eben so wohl als das schöne Geschlecht verehren, und je weniger die Gelehrten gesetz erkennen wollen, desto nachdrücklicher verlangt sie die Befolgung derselben. Ein Mädchen das sich wider die Mode auflehnet, wird belacht; ein Gelehrter, der ihre gesetz verachtet, hat Leib- und Lebensgefahr deswegen zu besorgen. Wenn Doris in dem Nachtzeuge ihrer Aeltermutter erscheinen wollte, so würden sie höchstens nur die Kinder auf der Gasse auszischen; wenn aber ein Gelehrter die aus der Mode gekommenen Lehrsätze der alten Ketzer oder der Platonischen Philosophen wieder wollte aufleben lassen, und in Activität setzen, so würde man ihn steinigen.

Um diese wunderbaren Erscheinungen zu erklären, muss man wissen, dass alles, womit sich die Mode beschäftiget, das äusserliche oder das innerliche des Menschen betrifft. Zu der ersten Gattung gehöret die Kleidertracht, allerlei Gebräuche und Gewohnheiten, die zum Nutzen oder zum Vergnügen und der Verschönerung des Körpers erfunden werden. Zu der zweiten Gattung aber wird alles das gerechnet, was die Seele und ihre Eigenschaften, als Verstand, Willen und Gedächtniss betrifft. gibt die Mode ein Gesetz von der ersten Gattung, so werden diejenigen, die darwider handeln, gelinder bestraft; wenn sie aber etwas feste setzt, dass den zweiten Punkt betrifft, so straft sie die Uebertreter ihrer gesetz aufs strengste. Gesetzt sie will, dass der Verstand etwas als wahr oder falsch erkennen soll, dass der Wille etwas verlangen oder verabscheuen, oder das Gedächtniss etwas behalten oder vertrigen soll; so muss dieses aufs genaueste befolgt werden, oder sie übt die strengste Rache an den Ungehorsamen. Wir wollen dieses durch ein paar Beispiele deutlich machen. Da die Mode wollte, dass man sich die Erde so rund als einen Teller vorstellen sollte, wurde ein ehrlicher Bischoff, der sie so rund als eine Kugel machte, und aus dieser Ursache Gegenfüsser statuiere, verbrannt. Da es einmal Hexen geben sollte, würde der, welcher sie geläugnet hätte, als ein Bösewicht ihnen auf den Scheiterhaufen haben Gesellschaft leisten müssen. heute zu Tage, da sie aufgehöret hat, die alten Mütter zu verfolgen, darf Niemand Hexen glauben, oder diese und jene Unholdin der Obrigkeit anzeigen, wenn er gleich versichert ist, dass sie bös Wetter macht, und Menschen und Vieh bezaubert, widrigenfalls stehet er in Gefahr, als ein unverschämter Diffamator, in Ketten und Banden geschlossen, oder wohl gar als ein Injuriant an den Pranger gestellet zu werden. Ein Professor würde vom Dienste gesetzt werden, wenn er untersuchen wollte, wie viel Engel auf der Spitze einer Nähnadel tanzen könnten,