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geben Sie mir wegen meiner Unachtsamkeit einen derben Verweis, und schicken Sie mir aufs eiligste eine andere Abschrift des Liedgens, damit ich daraus sehe, ob ich meine Unruhe zu vermehren oder zu vermindern Ursache habe. Gewissermassen wäre ich berechtiget mit Ihnen zu schmälen, dass Sie mir durch Ihre Leichtfertigkeit ein solches Unheil zugezogen haben. Wenn ich es tun wollte oder Herzhaftigkeit genug besässe, so hätte ich keine unrechte Erfindung im kopf mich ein wenig an Ihnen disfalls zu rächen. Ich dürfte den Major über seinen Raub nur zur Rede setzen; ich könnte ihm sagen, ich wäre im Begriff gewesen, Ihnen seine Abreise zu melden, und weil ich glaubte, dass Sie Sich darüber betrüben würden, so hätte ich Ihnen zum Trost das Liedgen mitschicken wollen, das er in meinem Clavier gefunden. Wahrhaftig, ich muss Ihnen diesen Streich spielen, um mich aus dem Handel zu ziehen. Er dürfte, wenn ich ein gänzliches Stillschweigen beobachtete, auf die Gedanken geraten, als wenn mir seine Abreise so nahe ging, dass ich ihm zu Ehren ein Abschiedsliedgen hervorgesuchet hätte. Es ist am besten, dass ich ihm diese ungegründeten Gedanken benehme, und die Sache für einen Scherz ausgebe, den ich mit Ihnen habe treiben wollen.

Sie bedauren, dass Sie durch die Abreise des Majors um das Vergnügen kommen ihn zu einem Mitgliede in der Akademie des Herrn v.N. aufnehmen zu lassen, um sich an den schönen Reden, die Sie ihn haben wollen halten lassen, zu erbauen: Sie können diese Freude noch haben; er wird sich noch einen ganzen monat hier aufhalten. Allein wenn Sie ihn auch zu einem Mitgliede ernennen liessen, so würden Sie doch keine Reden von ihm hören: er würde vermutlich ein Ehrenmitglied werden. Soviel ich aus dem Aufsatze des Herrn Lamperts ersehen habe, gehören nur Pachter und Schulmeister unter die ordentlichen Mitglieder der neuen Akademie. Ich habe mich über diesen Entwurf, und über die Art, wie er soll ausgeführet werden, überaus vergnügt. Weil ich mich eben so gar sehr darein vertieft hatte, ging es mir wie es den tiefsinnigen Leuten zu gehen pfleget, da ich dachte, ich hätte alles aufs beste gemacht, hatte ich das vornehmste vergessen und mich nicht darauf besonnen das Pappier mit dem Liedgen in meinen Schrank zu schliessen. Ich will Ihnen Ihre Lust nicht verderben, und es beruhet nur auf Ihnen, weint Sie die Akademie wollen eröffnen lassen, Sie dürfen mich nebst meinen Eltern nur einladen. Weil der Herr Baron selbsten eine Stelle unter den Mitgliedern einnehmen will, so habe ich nichts darwider einzuwenden, dass Sie meinem Vater die Präsidentenstelle zugedacht haben. Ich errate Ihren sehr leichtfertigen Bewegungsgrund hierzu, und Sie tun sich vermutlich auf diesen Einfall viel zu gute; mir als einer Tochter würde es aber sehr übel anstehen, wenn ich mit Ihnen zugleich lachen wollte, diese Ernstaftigkeit werden Sie mir aber gewiss vergeben. Der Herr F. hat in seinem Schreiben all den Herrn Lampert eine sehr lebhafte Satyre angebracht, über die seltsamen Anschläge desselben. Der Entwurf einer Frauenzimmerakademie, der Ihnen angedichtet wird, macht den seinigen sehr lächerlich, und wenn er dieses nicht einsiehet, so hat er nicht Ursache sich für scharfsinnig zu halten: wenn er es aber merkt, dass er Ihnen nur zum Spiele dienen muss, woran ich nicht zweifele: so wird alles dadurch rückgängig werden, und Sie kommen um alle die schönen Reden, die Sie erwarten.

Jetzt hat mich eben der hiesige Cantor verlassen, der mich, wie Sie wissen, im Clavier unterrichtet, ich bin dadurch an der Vollendung meines Briefes gehindert worden, und nun mag er auch eine Stelle darinne einnehmen. Er entdeckte mir als ein grosses geheimnis und mit einer Freude, der keine gleich ist, dass er mich am längsten wurde unterrichtet haben; er hätte einen anderweitigen Ruf zu einem grossen Ehrenamte. Ich glaubte, dass ihm eine andere Gemeinde zum Schulmeister verlangte und wünschte ihm hierzu Glück: er eröffnete mir aber, dass er, so viel er einsehen könnte, Professor auf der neuen Akademie werden sollte, die der Herr v.N. in Kargfeld errichten würde. Ob er gleich in der Schule nur bis in die vierte klasse kommen wäre und das Latein niemals hätte vertragen können: so hätte er doch Lust ein vornehmer und gelehrter Mann zu heissen. Er zweifelte auch nicht, dass er seinem neuen amt mit Segen vorstehen könnte, weil der Herr Magister Lampert ihn versichert hätte, dass er mit Recht unter die Gelehrten zu zählen sei. Hierbei gab er mir zu verstehen, dass ich mich zeitig nach einem andern Lehrmeister umsehen könnte, indem es wider seinen Respect laufen würde, als ein Professor auf dem Clavier zu informiren wie ein elender Schulmeister. über dieses mangelte ihm hierzu auch die Zeit: er müsste künftige Woche seine gelehrte probe tun und eine Lobrede auf einen Virtuosen halten, der Händel geheissen hätte. Ich verwunderte mich über sein Glück ungemein, und fragte, was er denn zum Lobe dieses Virtuosen sagen wollte, ob ihm seine Lebensumstände bekannt gewesen wären, oder ob er etwas von seiner Composition gesehen hätte. Er verneinte beides und gestund, dass weil es ihm jetzt noch an guten Büchern fehlte, sein Amt im Anfang ihm sauer ankommen würde, er ersuchte mich deswegen, weil er sähe, dass ich immer in Büchern läse, ihm einige zu lehnen, die er bei seiner Arbeit zu Rate ziehen könnte. Es war mir unmöglich das lachen hierbei zu verbergen;