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den Grund aller menschlichen erkenntnis erhält, zu einer jeden wichtigen Handlung aber die mit Vorsatz ausgeführet wird, ein grosser Grad der erkenntnis gehöret; so kann sie auch als der Grund aller grossen begebenheiten, die unsern Zeitraum merkwürdig machen, angesehen werden. Sie ist es, durch welche die Fürsten weislich regieren, die Generale Schlachten gewinnen, Städte in so viel Tagen einnehmen, als man ehedem Jahre dazu brauchte. Sie ist es, wodurch das Recht der Völker und einzelner Personen entschieden wird. Wie könnte das Recht gehandhabet werden, seitdem die Sophisten unsrer zeiten die Sachwalter und Advokaten auferstanden sind, und der Gerechtigkeit eine wächserne Nase angesetzet haben, wenn die Metaphysik nebst ihrer getreuen Gespielin der Vernunftlehre die Menschen nicht unterwiesen hätte, das Wahre von dem Falschen, und das Licht von dem Schatten zu unterscheiden.

Doch die Wissenschaften würden noch lange nicht in dem Glänze stehen, worinne sie sich befinden, wenn nicht gewisse gelehrte Gesellschaften wären errichtet worden, die mit zusammengesetztem Eifer das Reich der Wahrheiten zu erweitern sich bemühet hätten. Diese verdienen eine besondere Stelle unter den Vorzügen, womit unser Zeitraum für andern zeiten glänzet. Ich habe nur jederzeit bedauert, dass solche gelehrte Gesellschaften bisher meistens in den Residenzen grosser Fürsten ihren Sitz gehabt, und nicht auch wie die Musen auf dem Helikon unter den um sie herumirrenden Schäfern sich niedergelassen haben. Hierdurch würde ihre Nutzbarkeit viel angenehmer worden sein, wenn sie sich auch bemühet hätten, die Geringen im volk und selbst die erkenntnis; der Landleute zu erweitern, welche doch unstreitig den grössten teil der Erdbewohner ausmachen. Eine geringe Anzahl der Sterblichen weiss alles, und der grössere teil befindet sind in der grössten Unwissenheit. Diesem Uebel abzuhelfen, sollte billig die hohe Landesobrigkeit darauf bedacht sein, die Schütze der Wissenschaften, welche die Gelehrten sorgfältig gesammlet haben, gleich wie das Geld in Umlauf zu bringen, und allen und jeden davon mitzuteilen. Ich habe mir die Intendanz des gemeinen Mannes jederzeit zu Herzen gehen lassen, und mich darüber betrübt, auch auf Mittel gedacht, diesem Uebel abzuhelfen. Schön seit einigen Jahren habe ich die Gedanken gefasst, einem grossen Herrn den Vorschlag zu tun, schulen für Erwachsene, die sich den Wissenschaften nicht eigentlich gewidmet haben, anzulegen, darinne junge Leute so lange unterwiesen werden könnten, bis sie heiraten. Insonderheit sollte man sich des schönen Geschlechts besser annehmen, an jedem Orte sollte für erwachsene Mädchen eine besondere Schule angeleget werden, darinnen diese edlen Creaturen so lange einen Unterricht genössen, bis die Umstände sie nötigten, einen eignen Haushalt zu führen. Sie sollten in der Haushaltungskunst, in der Weltweisheit, Historie, Poesie und andern dahin einschlagenden und dem weiblichen Geschlecht anständigen Künsten und Wissenschaften, teoretisch und praktisch geübt werden, damit der Aberglaube, der diesem Geschlechte unsern erleuchteten zeiten zur Schande noch so sehr anhänget, ausgerottet würde, und sie von ihren Pflichten, davon diese Hälfte des menschlichen Geschlechts noch so seichte und unvollständige Begriffe hat, eine vollkommenere Känntniss erhielte. Ich wollte mich selbst einer so nützlichen Bemühung gern unterziehen, und mit Vergnügen als einen Lehrer Lebenslang gebrauchen lassen. Doch wie der jetzige landverderbliche Krieg viele vortrefliche Projekte vereitelt hat, so ist es auch diesem ergangen. Es wird dieser herrliche Entwurf noch eine Zeitlang inter pia desideria gehören, bis er einmal in einem ruhigern Zeitpunkte, nach dem Wunsche vieler redlicher Männer, ausgeführet wird. Inzwischen gereicht es mir zu keiner geringen Freude, dass mitten unter dem Geräusche der Waffen, unter dem Schutz meines vortreflichen Gönners, die Musen, die allentalben verscheucht werden, in unsern glücklichen Gegenden ihre wohnung aufzuschlagen scheinen: unser Kargfeld nimmt an dem Flor der Wissenschaften und an dem Gluck unsrer zeiten, rühmlichen Anteil. In Zukunft werden nicht allein die Residenzen der Könige mit gelehrten Gesellschaften prangen, auch unsre Gegend wird eine aufzuweisen haben. Erlauben Sie, gnädiger Herr, dass ich Ihnen an Namen der ganzen gelehrten Republick, für die Sorgfalt Dank abstatte, mit welcher Sie meinen Anschlag, eine Akademie der Wissenschaften im kleinen hier aufzurichten, unterstützet haben, dergestalt, dass das, was bisher in meinen Gedanken nur als eine caussa exemplaris existiret hat, nun die Wirklichkeit erhält. Wo finde ich Worte, meine Freude über diesen grossmütigen und Grandisons Nachfolgern würdigen Entschluss auszudrücken? Fast möchte ich in die Versuchung gesetzt werden, mit einem Jüngling aus dem Terenz auszurufen: Ah Jupiter! C'est presentement que je mourrois volontiers de peur qu'une plus longue vie ne corrompe cette joye par quelque chagrin. Mein gönner ist von diesem Vorhaben jetzt so eingenommen, dass er es je eher je lieber ausgeführt zu sehen wünschet. Seitdem Sie uns gestern verlassen haben, ist dieses sein und mein einziger Gedanke gewesen, wiewohl wenn ich dem wahren grund seiner Absichten nachspühre, so sind diese nicht so sehr auf die Ausbreitung der Wissenschaften gerichtet, als vornehmlich nur Dero Vorschlag auszuführen, und dem fräulein v.W. zu schmeicheln, wenn diese neue Akademie nach Ihr wird benennet werden. Dieses tut jedoch der guten Sache keinen Eintrag, und kann als ein Adiaphoron angesehen werden. Wenn Sie es erlauben meine Ahndung zu entdecken, so sehe ich aus dieser Knospe für unser wertes Vaterland sehr viel gutes hervorkeimen. Jedermann, auch die geringsten Landleute die weder lesen noch schreiben können, gleichwohl aber in manche Teile der Wissenschaften, die sie ex Praxi erlernen, ein tieferes Einsehen haben, als spekulativisch Gelehrte, werden dadurch aufgemuntert, ihr Pfund aus dem Schweisstuch hervor zu langen, ihre besondere Kenntniss in