gedacht hätten; allein solche hypochondrische Gedanken müssen einen Verliebten nicht einfallen, man kann auch von diesen Worten eine vorteilhafte Auslegung machen. Ueberhaupt lässt sich von dem vortreflichen Charakter des Fräuleins nicht vermuten, dass sie wünschen sollte bald Ihre Erbin zu werden. Alle diese Spuren sind mir aber noch nicht hinreichend, einen sichern Schluss daraus herzuleiten, dass Sie schon ihre Gewogenheit besitzen, ich will lieber nichts daraus schlüssen, als Gefahr laufen, falsch zu urteilen. Wenn Ihnen das Glück günstig ist, so wird es uns schon andere Proben liefern, daraus wir die Zuneigung des Fräuleins vollkommener und sicherer schlüssen können. Wenn Sie meinem Rate folgen wollen, so verhalten Sie Sich eine Zeitlang nur ruhig, und wenn Sie auch in ihrer Gesellschaft sind, so beobachten Sie ein gleichgültiges Wesen: man stürmet nicht immer bei einer Belagerung, man sitzt auch wieder eine Zeitlang stille, um neue Kräfte zu sammlen, und hernach einen unvermuteten und desto kräftigern Angriff zu tun. Die Frau v.W. ist Ihnen, so viel ich ihr habe abmerken können, noch immer nicht recht gut, es liegt nichts daran, ihre Gunst verspricht Ihnen ohnehin keinen sonderlichen Vorteil. Sie tun indessen wohl, wenn Sie, als ein Politikus, eine Staatsfreundschaft mit ihr unterhalten. Wenn Sie bei dem Herrn v.W. einen Besuch abstatten, so will ich Sie mit Ihrer erlaubnis begleiten, damit ich jede Mine und jede Bewegung des Fräuleins ausstudiren kann, um eine Gewissheit dadurch zu erhalten, was für Gesinnungen sie von Ihnen hegt.
fräulein Amalia bringt mir jetzt eine schlimme
Nachricht, sie hat eben einen Brief von dem fräulein v.N. erhalten, darinnen ihr diese berichtet, dass sie heute früh aus ihrem Tische ein zusammengerolltes Pappier angetroffen, und bei Eröffnung desselben, ein vortrefliches französisches Sonnet nebst ein paar demantnen Ohrenringen gefunden hat. Sie sind abgestochen; Ihr Rival hat einen höhern Trumpf eingesetzt. Das fräulein hat eine sehr grosse Freude über das Geschenke. Ihr Lobgedichte, das sie sehr heilig in ihrem Putzschrank aufzuheben versprach, fallt nun gewiss in das unterste Fach, wenn es noch drinnen bleibt. Wo sollten die Ohrengehänge anders herkommen als von dem Major? Ja ja, er hat die rechten Schliche inne, wie man die Schönen bezaubern kann. Er verstehet das Spiel aus dem grund, jetzt sitzt er im Vorteile und wird sich schwerlich daraus vertreiben lassen. Doch das Spiel ist noch nicht verlohren, Sie sitzen nur hinter der Hand, und an Ihnen ist nunmehr die Reihe, ihn wieder abzutrumpfen. Wir wollen die Sache schon wieder ins Gleiss bringen, wenn Sie nur Standhaftigkeit gnug besitzen, die widrigen Zufälle, die in dergleichen Umständen sich oft begeben, zu ertragen, ohne an Ihrem Glück zu verzweifeln. Ich bin immer unglücklich im Vergleichen, so viel Geschmack ich auch daran finde. Ich habe Ihre Liebe, in so ferne sie tätig ist, mit dem Spiel verglichen: jetzt, da Sie Sich nach meinem Entwurf etwas leidend verhalten müssen, kommt sie mir vor wie das Podagra. Gedult und ein wenig Schreien sind hierbei die besten Arzeneien. Ich rate Ihnen beides, das erste, um der Sache gelassen zuzusehen, bis das Schicksal Ihren Rival aus der hiesigen Gränze entfernet, und das andere, um ihre Schöne, wenn sie über Ihre Unempfindlichkeit und Härte klagen, dadurch zum Mitleiden zu bewegen. Unterdessen dass Sie in einer gewissen Untätigkeit sich befinden, will ich desto geschwinder sein im Kabinet, und wie die Minister, wenn die Generals in Winterquartieren schmaussen, den Plan entwerfen, den Sie hernach ausführen sollen. So bald Sie Ihre Staatskrankheit Abschied nehmen lassen, so besuchen Sie mich, und bringen Sie Ihren Favoriten den Herrn Lampert mit, damit wir alles gemeinschaftlich überlegen, und wegen Ihren Angelegenheiten ordentlichen Rat halten. Ich verspreche Ihnen, allen Fleiss und alle Aufmerksamkeit anzuwenden, ihre Wünsche zu vergnügen, um Sie dadurch zu überzeugen, dass ich kein bloss Compliment mache, wenn ich mich nenne
Dero
gehorsamsten Diener
v.F.
X. Brief.
Das Fraülein v.W. an das fräulein v.S.
den 26 Nov.
Was werden Sie noch aus mir machen, loses fräulein! Sie, und der Herr Baron, spielen Comödien, dass man Bücher davon schreiben könnte. Ich glaube, Sie haben sich beide vorgenommen, Ihre Nachbarschaft rund um sich her in Verwirrung zu setzen, und Niemand zu schonen, wenn Sie nur etwas zu lachen bekommen. Wenn ich nur eine sträfliche Mine annehmen könnte, so hätte ich Lust, Ihnen einmal den Text recht zu lesen. Der Brief mit dem Einschluss, welchen Sie mir heute zugeschickt haben, hat wunderliche Erscheinungen bei mir hervorgebracht, ich habe über beide gelacht, den Kopf geschüttelt, ich bin halb erzürnt bei einigen Stellen gewesen, ich bin wieder gut worden; ich habe sie noch einmal gelesen, und habe mich niedergesetzt, Ihnen darauf zu antworten; ich bin aber jedesmal zweifelhaft aufgestanden, ohne zu wissen, was ich über die Innlage für ein Urteil fällen sollte. Mehr als einmal hab ich einige Stellen darinnen verbessern wollen, ich hatte bereits die Feder angesetzt, um ganze Seiten auszustreichen, und sie zu verändern: aber ich habe es immer wieder unterlassen, weil ich nicht wusste, womit ich den leeren Raum füllen sollte. Nun es mag alles bleiben, ich will Ihnen aber meine Kritik darüber machen, eben so wie über Ihren Brief, und dadurch werde ich diesen zugleich beantwortet haben