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das Kammermädchen zu bestechen, Nachtmusiken zu bringen, Bälle anzustellen, und was dergleichen Tändeleien mehr sind. Ich habe bisher alles dieses unterlassen, weil Herr Grandison bei seiner Henriette dergleichen nicht getan hat. Entdecken Sie mir richtig ihre Gedanken über meine Freierei, auch ihren unvorgreiflichen Rat, wie ich es anfangen soll, dass ich meinen Vogel abschiesse, und nicht etwa die Pferde hinter den Wagen spanne. Tadeln und loben Sie meine bisherigen Unternehmungen wie Sie wollen. Widerraten Sie mir aber ja nicht die Fortsetzung meiner Liebe, wenn Sie mein Vertrauter sein wollen. fräulein Amalia hat es getan, und mir dadurch ein heftiges Podagra erregt, wenn Sie auf ihre Seite treten, so bekomme ich den Schlag. Ich will meinen Willen haben, und eine Frau, wenn ich aber sollte durch die Körbe springen, wie ein Böttger durch die Reife, so sage ich es Ihnen zum Voraus, das es mit mir ärger wird als mit allen Mädchens, die sich in Sir Carln verliebt haben. Machen Sie mir gute Hoffnung, geben Sie mir gute Anschläge, unterstützen Sie meine Desseins; entwerfen Sie einen ganz neuen Operationsplan, wenn der bisherige Ihnen unbrauchbar scheinet, und halten Sie mir ein Bein, dass ich mich völlig in den Sattel schwingen kann. Dadurch will ich sehen, ob Sie die Ergebenheit für mich haben, die Sie mir so oftmals zugeschworen, da Sie an eben der Krankheit lagen. Damals war ich Arzt, und schaffte Ihnen eine Frau, schaffen Sie mir nun auch eine, und leben Sie wohl

v.N.

IV. Brief.

Der Herr v.F. an den Herrn v.N.

Schöntal, den 21 Nov.

Sie verbinden mich unendlich, dass Sie mich in einer Sache zu Ihrem Vertrauten machen, von der ein grosser teil Ihrer Ruhe und Ihres Glückes abhängt, und ich werde meinen Vorwitz und meine Geschicklichkeit, so viel ich davon besitze, aufbieten, um Sie zu überzeugen, dass Sie Ihr Vertrauen nicht übel angewendet haben. Sie haben mir einen doppelten Auftrag getan, Ihnen meine Gedanken über Ihre bisherigen Unternehmungen in der Liebe gegen das fräulein v.W. glücklich zu sein, zu entdecken, und wie Sie Sich ausdrucken, einen neuen Operationsplan zu entwerfen, um diese Angelegenheit nach Ihrem Wunsche zu Ende zu bringen. Das erste will ich sogleich nach Ihrem Verlangen befolgen, und an dem andern will ich Tag und Nacht arbeiten, um ihn so vollkommen zu machen, dass Sie all einem glücklichen Fortgang nicht zweifeln dürfen. Herr Lampert, den ich als die Triebfeder aller Versuche ansehe, Ihre Liebe glücklich zu machen, verdient Ihre Gewogenheit im höchsten Grad, er hat Ihr Vorhaben auf eine wunderbare und ganz neue Art auszuführen gesucht, und wenn es ihm nicht vollkommen geglückt hat: so liegt die Schuld ganz und gar nicht an dem Plan und dessen Ausführung, sondern vielmehr, wie Sie vortreflich anmerken, an dem verdorbenen Geschmack unserer Schönen, die mehr auf die person sehen, die Ihre Gunst suchet, als auf die Art mit welcher sie dieses tut. Unser Frauenzimmer ist noch nicht philosophisch genug, die Vorzüge des Geistes über die Vorzüge des Körpers zu setzen. An einen Liebhaber, der ihnen gefällt, ist alles artig, alles sinnreich, und aller Witz gehet verlohren, wem die person nicht gefällt. Wenn Ihre Absicht einigermassen fehlgeschlagen ist, da an Ihrer person nichts auszusetzen ist, so kommt dieses daher, weil Sie gar zu geschwinde Progressen in der Liebe haben machen wollen. Ich habe Ihnen dieses mehr als einmal zu verstehen gegeben. Hätten Sie das fräulein erstlich zu gewinnen gesucht, und wenn Sie von ihrer Gewogenheit überzeugt gewesen wären, um sie werben lassen: so würden Sie jetzt nicht ungewiss sein, ob Sie eine Braut haben oder nicht. Sir Carl beobachtete diese Regel genauer, er wendete sich nicht eher all die Freunde seiner Henriette, bis er gewiss war, dass sie ihm für allen Mannespersonen den Vorzug gab. Sie haben, wie ich glaube, nur im Anfang die alte Regel vor Augen gehabt, dass eine günstige Mutter auch eine günstige Tochter machen kann; allein da Sie hernach nicht einmal dieser Vorschrift gefolget sind, sondern die Frau v.W. gegen sich unwillig gemacht haben: so ist es Ihnen desto schwerer worden, Ihre Absicht zu erreichen. Doch diese Regel der Alten ist heutiges Tages ganz aus der Mode kommen, die Töchter sind nicht mehr so fromm oder so einfältig, dass sie ihre Liebe nach den Absichten der Mutter verschenken sollten, sie haben dieses Joch längstens abgeworfen, und seitdem sind sie so widerspenstig worden, dass sie alle diejenigen hassen, welche die Mutter sich zu Schwiegersohnen wünschen, wenigstens lassen sie sich nicht leicht einen Liebhaber anspringen. Sie haben in der Tat ein böses Spiel in Händen: die Gunst der Mutter ist verlohren, und die Gewogenheit der Tochter haben Sie nie besessen. Sie verstehen mich wohl, dass ich unter der ersten einen grossen Grad der Freundschaft, und unter der andern eine wahre Zuneigung meine. Ein Mann, der weniger Herzhaftigkeit besässe als Sie, würde sich verlohren schätzen, und an eine Sache, die so entfernt ist, als der Friede, gar nicht weiter gedenken. Eine Liebe, die sich nur mit Möglichkeiten beschäftiget, gehöret unter die süssen Träume und für die Philosophen. Solche unglückliche Liebhaber sind wie die Goldmacher, die Zeit und Geld verschwenden, das grosse geheimnis zu entdecken, und durch den letzten Process nicht weiter kommen