wenn er erstlich den Herrn Grandison diese beiden Herren für gemeine Kerls halten, und ihn doch kurz hierauf den Degen gegen beide ziehen lässt. Man könnte zwar sagen, es wäre dieses eine Notwehre gewesen: Sed quod negatur. Warum liess er es denn so weit kommen? Warum braviert er die Herren so lange, bis sie endlich böse werden und vom Leder ziehen? Wenn er sie für keine Cavaliers hielt, so konnte er ja gleich bei dem ersten Wortwechsel seinem Bedienten klingeln, um diese Männer, nach dem Ausdruck des Verfassers, mit der Verachtung, welche sie verdienten, nach ihrem Wagen bringen zu lassen, ohne sich vorher erst mit ihnen zu schlagen, und ihnen Cavaliers-Satisfaction zu geben. Man merkt es hier gar zu deutlich, dass sich der Verfasser selbst vergessen hat, die Unwahrheit guckt unter seiner Erzählung allentalben hervor. Möchte man ihm daher nicht mit Recht zurufen: Mendacem opportet esse memorem? Nicht weniger ist es
4.) Eine lächerliche Erdichtung, wenn Herr Ri
chardson seinen Helden seine zwei Gegner mit einer ganz unglaublichen und einer Zauberei ähnlichen Geschicklichkeit entwaffnen, und als ein paar Kartenmänner zu Boden strecken lässt. Er begnügt sich nicht an einem Siege, den er seinem Helden so leicht in die hände spielt: Sir Carl muss sich auch die Mühe nehmen, beide Männer, einen nach dem andern, aus dem Zimmer zu bringen. Wie er das angefangen hat, wird nicht gemeldet, es wäre dieses auch vergeblich gewesen, denn die umständlichste Beschreibung dieses Vorganges würde jedem vernünftigen Leser doch unbegreiflich geblieben sein. Wenn man nicht Sir Carln für einen Zauberer halten will, der mit bannen und feste machen umgehen kann: so wird man gestehen müssen, dass dieser Auftritt dem Roman so ähnlich siehet, als ein Tropfen wasser dem andern. Risum teneatis amici! Noch eins! Warum ruft denn Sir Carl noch zuletzt, da die beiden Herrn schon entwaffnet waren, ein halb Dutzend handfeste Kerls zu hülfe? Waren die beiden Herren so gedultig als sie beschrieben werden; so waren die Bediente unnütze, sie hätten schon selbst ihren Wagen gesucht, da sie bei Sir Carln nichts mehr zu tun hatten. War aber die Gegenwart der Bedienten nötig; so ist dieses ein untrügliches Zeichen, dass Sir Carl mit ihnen alleine nicht fertig werden konnte. Wer findet hier nicht abermal einen Widerspruch!
Um dem erlauchten Publico nur einiger massen einen richtigen Begriff von dieser Affaire zu machen: so ist zu wissen, dass Sir Carl den plötzlichen Ausbrüchen des Zorns, denen er von seiner ersten Jugend an unterworfen gewesen, nicht widerstehen konnte, da er in dem unerwarteten Besuche, mehrgedachter beider Herren Officiers, und der Gemahlin des Herrn Majors, etwas beleidigendes fand. Grosse Männer haben gemeiniglich auch grosse Fehler, ein Wort gab das andere; und Officiers, die Mut besitzen, lassen sich, wie man weiss, nicht gerne beleidigen. Sie waren also genötiget, ihre Ehre mit dem Degen zu verteidigen. Sir Carl hatte nur einen kleinen Pariser an der Seite, seine Herren Gegner aber ihre Commandodegen. Es wäre ihnen mitin ein leichtes gewesen, dem Baronet, der sich bei dem Kamin mit einigen Stühlen verschanzet hatte, eins anzubringen, dass er genug gehabt hätte. Allein, da er offenbar übermannet war, und mit seinen Gegnern nicht einmal gleiche Waffen hatte: so war der Herr Major so grossmütig, ihn ordentlich nach Kriegsgebrauch in seinem Bollwerke aufzufordern. Man begehrte, er sollte das Gewehr strecken, und sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Weil er nun dieses zu tun sich weigerte: so machte man Mine, ihn hinter seiner Verschanzung anzugreifen. In diesem Augenblicke aber drang ein Haufe bewaffneter Bedienten in das Zimmer, ihren Herrn zu entsetzen, der eben im Begriff war, Chamade zu schlagen. Man bekam mit einem Haufen Feinden zu kämpfen, die allerlei ungewöhnliche Waffen, als Ofengabeln, Aexte, Feuerschaufeln und dergleichen führten. Hier war nichts anders zu tun, als sich mit Ehren durchzuschlagen. Beide Herren taten ihr Bestes, der Major Ohara machte sich Platz bis an die Tür des Zimmers, doch hier hatte sich ein verwegener Kopf hinpostiret, der seine Kohlenzange, gleichwie ein Krebs seine Scheere sowohl zu regieren wusste, dass er damit das Ohr des Majors ergriff und ihn dergestalt zwickte, dass er sich ergeben musste, nachdem er sowohl als der Herr Salmonet durch einige Gabelstiche war verwundet worden. Die Ueberwinder trugen beide Herren im Triumph und mit einem grossen Jubelgeschrei in ihren Wagen. So wie nun alle diese Umstände Herr; Richardson mit grosser Sorgfalt verschwiegen, und seine romanmässigen Erdichtungen an deren Stelle gesetzet hat: so schüttet er
5) Seinen Gift und Galle noch zu guter Letzt über diese Herren aus, nachdem er sie mit vielen unwahrscheinlichen Umständen in ihren Wagen gebracht hat. Weil der ganze Handel ziemlich tragisch war, und er doch gern ein Lustspiel daraus machen wollte: so müssen die beiden Herren, mit denen er bereits so übel umgesprungen, dass es einem jammert, um dem Leser etwas zu lachen zu geben, einander nicht anders als ein paar Böcke stutzen. Er lässt ihre Köpfe einander in der Kutschtür begegnen, und sie müssen sich so derbe Kopfnüsse versetzen, dass man die Maalzeichen davon unfehlbar noch an der Stirn des Herrn Rittmeisters entdecken würde, wenn die Sache Grund hätte. Man kann also auch dieser Erdichtung mit allem Rechte widersprechen, und im Gegenteil weiss man vielmehr, aus ganz sichern Nachrichten, dass beide Herren mit einer grossmütigen Standhaftigkeit ihr