1760_Musus_076_114.txt

von ihm abzuholen. Es wurden ihm auch noch andere Regeln auf mancherlei Fälle erteilet. Nun sein Sie aufmerksam, jetzt kommt die entwicklung. Heute frühe wurde der Verwalter in die Stadt geschickt, er lässt sich da kaum auf dem Markte blicken; so ruft ihn ein Weib, die eine ganz bekannte Trödelfrau ist, zu sich, zeigt ihm ein versiegelt Billet, und fragt, ob er an sie etwas abzugeben hätte. Bornseil stellt sich erfreut darüber und beantwortet ihre Frage mit ja, sucht alle seine Taschen durch, endlich, da er nichts findet, tut er sehr bestürzt, und beklagt, dass er früh im Dunkeln einen unrechten Rock ergriffen habe; verspricht aber heimzureuten und ihr noch vor Abends einen Brief zu bringen. Der Baron hatte ihm diese Umstände wohl eingepräget. Er geriet auf die Vermutung, dass er leichtlich in der Stadt um die Briefe könnte befraget werden. Er kam mit dieser Nachricht zurück. Wir schickten hierauf den Jäger in die Stadt, welcher sich allerlei Kleinigkeiten bei dieser Frau kaufen sollte, um bei dieser gelegenheit von ihr auszukundschaften, von wem sie das Billet wohl habe; er kann aber nichts von ihr ausforschen. Unsere Bemühungen wären also beinahe fruchtlos gewesen, wenn nicht zum Glück bei seiner Anwesenheit ein Mann vor die Bude kommen wäre und gefragt hätte, ob der Brief da sei, den er mitnehmen sollte. Sie beantwortet dieses mit nein, und bestellt ihn nach einer Stunde wieder. Der Jäger schleicht diesem mann nach, der ihm ohnedem nicht unbekannt ist, und bringt ihm im Gastofe bei einer freien Zeche zu einem vollkommenen geständnis, doch unter der Bedingung, keiner lebendigen Seele etwas davon zu entdecken, weil es ihm hart verboten wäre, etwas davon zu sagen. Sehen Sie nur, wie listig der Urheber geheimen Correspondenz an uns sich verborgen hatte. Wenn er nicht durch einen Zufall wäre entdecket worden; so hätte man seine Verwegenheit nicht einmal ahnden können. Et hat sich, wie wir aus dem Erfolg sehen, für unsere Rache sehr gefürchtet, und auf alle mögliche Art sich davor sicher zu stellen gesucht. Gegenwärtig beschäftigt sich mein Gemüt mit keiner andern Vorstellung, als mit der, diesen Frevel bestraft zu sehen, und ich bin so erfindungsreich, dass immer ein Anschlag den andern verdringt, meine Rache auszuführen. Der Baron hat versprochen, mir mit Rat und Tat an die Hand zu gehen; ich bin aber noch gar nicht mit mir einig, welches Mittel sich am füglichsten wird anwenden lassen, den Verwegenen zu züchtigen. Morgen besuche ich Sie, da wollen wir diese Sache gemeinschaftlich überdenken, wenn uns nicht überflüssige Personen in unsrer Gesellschaft daran verhindern. Doch ich plaudere sehr viel, und jage immer nicht, von wem sich der schlimme Streich herschreibt, und daran ist Ihnen vermutlich am meisten gelegen. Damit ich Ihnen morgen recht sehr willkommen bin; so habe ich mir vorgenommen, den Urheber, davon nicht anders als mündlich zu nennen. Ich lasse Sie in einer völligen Ungewissheit, um mir morgen das Vergnügen zu verschaffen, Sie noch einmal herumraten zu lassen: ich möchte doch sehen, wen Sie am meisten im Verdacht haben. Wenn Sie eine so unleidliche Neugierde besässen, als unserm Geschlechte ordentlich zugeschrieben wird, die aber durchaus ein Fehler einzelner Personen ist, worunter ich gehöre; so würde ich mir es zur Sünde anrechnen, Sie so lange schmachten zu lassen. Sie sind aber gewiss hierbei ganz gleichgültig, und übersehen meinen kleinen Eigensinn. Mein Brief ist nun lang genug, Ihnen ihr Kopfweh zu vertreiben, oder es zu vermehren, deswegen will ich kein Wort mehr sagen, als dass ich bin

Ihre

aufrichtige Freundin

A.v.S.

XXIX. Brief

fräulein Amalia an ihren Bruder.

Schöntal, den 12 Nov.

Geliebter Bruder,

Du verlangst, dass ich noch immer auf alles aufmerksam sein soll, was zur geschichte unsres Oncles gehöret, in ferne man ihn als Grandisons Jünger betrachten kann, ich bin auch noch immer geneigt, dein Verlangen zu erfüllen. jetzt sehne ich mich recht nach neuen Auftritten, um die langen Winternächte desto gemächlicher hinzubringen, wenn ich einen teil davon verschreibe, so wie ich den andern zu verschlafen gedenke. Wenn mir nur die geringste gelegenheit gegeben wird, so bediene ich mich derselben mit Vergnügen, dir von den begebenheiten in unserer Gegend Nachricht zu geben: aber eher setze ich auch keine Feder an. Wenn ich weiter nichts sagen kann, als dass wir gesund sind, so schweige ich lieber: das kannst du auch von andern erfahren. jetzt habe ich einmal wieder etwas erhascht, davon ich so viel zu schreiben gedenke, dass ich wenigstens ein halb Dutzend Federn stumpf machen werde; es betrifft unsern Lampert an. Der erste ist ganz ruhig, oder muss es vielmehr sein, er verhält sich wieder passive, wie Lampert spricht, das ist, er hat einen kleinen podagrischen Anfall; aber desto lebhafter ist der andere. Es ist, als wenn es diese beiden Leute mit einander abgeredt hätten, dass wenn der eine etwas seltsames geliefert hat: so tritt der andere auf, damit die Schaubühne nicht ledig bleibt. Ich bin gewohnt, nicht nur sehr lange Briefe wegen dieser Händel an dich zu schreiben, sondern ich teile dir auch alle diejenigen in Abschrift mit, die unter uns diesfalls gewechselt werden, und welcher ich nur habhaft werden kann. Gegenwärtig erhälst du ein Stück des Briefwechsels zwischen mir und dem fräulein v.W. Die ersten davon entalten an